Von Norman Liebold geschrieben am: 13.11.2011 unter Autorengefasel, Nähkästchen
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[Dieser Artikel ist der 1. von 2 Teilen in der Reihe Schreibwerkstatt: Der Stift]
Heute Morgen stand ich wie üblich, wenn meine Liebste zur Arbeit muss, mit ihr um fünf auf und setzte noch mein Auto aus der Einfahrt – als wir gestern nocheinmal an den Ofenkaulen waren, um Bilder vom Schauplatz von “Die Höhle” zu machen, meinte ein unaussprechliches Subjekt, dem ich am liebsten die Eier abschneiden und sie ihm zu Fressen geben würde, ihr Auto aufzubrechen, indem es die Scheibe der Beifahrertür zerschlug. Auch wenn es natürlich dramatisch zu berichten wäre, denke ich noch nicht einmal ansatzweise, dass der Geist auf diese Weise sein Mißfallen auszudrücken beliebte, dass ich ihm literarisch huldigte. Dieser nämlich war ausgesprochen umgänglich, ja fast freundlich, was ich natürlich als Abnicken der “Höhle” nehme. Nein, dieser vandalisierende Sohn einer räudigen Hündin war schlicht und ergreifend ebenso verachtenswert wie dämlich und das sind gemeinhin nur Menschen: Er klaute die Handtasche, in der sich nichts von materiellem Wert befand (soll er sich an den Magnesium-Brausetabletten erfreuen, ich gönne sie ihm!), übersah aber in seiner unbeschreiblichen Hirnamputiertheit die wohlgefüllte Brieftasche. Wenn es nicht so kalt wäre und A* nicht um halb sechs Uhr morgens eine halbe Stunde zur Arbeit fahren müßte und nicht die Wege zur Polizei wären, dann würde ich in homerisches Gelächter ausbrechen, zumal recht und links neben der kleinen Ford-K-Möhre nicht nur mein wie immer unabgeschlossener Wagen mit fetter Digitaler Spiegelreflex und einem 1.500-Euro-Laptop stand, sondern auch zwei dicke Bonzenkarren. Möge dem räudigen Hundesohn die Eier abfaulen und der Rest seines eh degenerierten Hirns aus den Ohren tropfen. Für mich bedeutet das, das ich die nächsten Tage autolos sein werde und Rosinante hoffentlich die hübsche Reiterin sicher zur Arbeit und zurück bringt. Mir gefällt es tatsächlich, auf diese Weise in meiner Klause zu Breidscheid (hinter Schreck, gleich bei Wahn) sozusagen festzusitzen, mein Öfchen knistern und knäckern zu lassen, ab und an die Schriftstellerkatze Nadu schnurrend im Bücherschrank zu streicheln und meinen Parker zu zücken, um endlich den “Stift” zu beginnen.
Der “Stift” erweist sich als ebenso unerschöpflich, überraschend und eigenwillig wie Nadu, die Schriftsteller-Katze. Ursprünglich – ziemlich genau vor 5 Jahren – notierte ich die Geschichtenidee als eine kleine Kriminalnovelle mit philosophisch-psychologischen Spitzfindigkeiten. Übrigens eine, die auf wahren Begebenheiten basiert. Als ich letztes Jahr – auch in etwa um diese Zeit herum – nach längerer Zeit wieder am Ort des Geschehens war und selbst ein wenig kriminell wurde, indem ich meine geliebte Stehlampe durch Einstieg in den Keller des jetzt leerstehenden Gebäudes wieder in meinen Besitz brachte, geschah etwas mit der Geschichte in mir. Sie begann, nach außen zu drängen. Der Anlaß dafür war, dass genau das, was in der Geschichtenkonstruktion von 2006 als Ende formuliert wurde, ziemlich genauso eingetroffen ist. Die Erlebnisse bei diesem Besuch hatten ein eigenartiges Gefühl, wie immer, wenn eine der in mir schlafenden Stories blinzelnd das Auge öffnet und sich ähnlich zu recken beginnt, wie man es im Bild links bei Nadu sehen kann. Seitdem und während der Arbeiten an der “Höhle” kamen immer wieder Gedankenskizzen zur Ideenniederschrift hinzu. Eine Geschichte in diesem halbschlafenen Zustand ist eine überaus bemerkenswerte Sache. Die mystische Betrachtungsweise wäre zu sagen, daß sie beginnt, sich in die Wirklichkeit auszudehnen und Dinge anzuziehen, die zu ihr gehören. Es geschehen Dinge, die Puzzlestücke aus Schubladen fallen lassen, oder sie versteckt weitere Puzzlestücke in den Taschen des Herbstmantels, so dass man, wenn man ihn Anfang November aus der Truhe holt und in die Tasche greift, plötzlich weitere Geschichten-Details in der Hand hält. Harmlos ausgedrückt.
Heute Morgen begann ich also, den Geschichtenverlauf, die Charakterstrukturen und die Zeit- und Erzählebenen zu notieren und diejenigen Szenen kurz zu umreissen, die Herz- und Nierenstücke der Geschichte sind. Dass ich mich jetzt hinsetze, um davon zu berichten, liegt an dem unbedingten Gefühl, bei einem Waldspaziergang etwas seltsames aus dem Laub hervor lugen zu sehen. Etwas wie ein geschupptes Schwänzchen. Von einer Eidechse vielleicht, die es nicht rechtzeitig in ihr Winterloch geschafft hat. Und daß das Schwänzchen eisbergspitzentechnisch sich dann als Schwanz herausstellt, der kein Ende nehmen will und immer dicker wird (von der Assoziation einer Erektion bitte ich abzusehen, obgleich das Gefühl dabei nicht ganz unähnlich ist). Und während man Meter um Meter Laub wegschaufelt, immer irritierter, immer faszinierter und zunehmend furchterfüllt, steht man vor der Unglaublichkeit, ganz offensichtlich dabei zu sein, einen Drachen im Wald auszugraben. Und man erinnert sich plötzlich daran, dass man – so absurd das scheinen mag – aufgebrochen war, um Drachen zu suchen. Das kleine Spiegelkabinettchen, das ich da in Buchdeckel zu fassen gedacht hatte, erweist sich als ein Kabinett, wie Dr. Parnassus es im gleichnamigen Film von Terry Gilliam betrieb. Die zwar hinterhältigen, aber doch eher kleinen Seitenhiebe, die auf Mißbrauch von Staatsgeldern, die Ewiggestrigen und nicht zuletzt auf das Zerreissen von Familien durch historische Politikae wie die Wende oder das 3. Reich gezielt sind, mausern sich zu Rundumschlägen und das Betrachten des psychologischen Phänomens, einem alten Traum verbissen wieder nachzurennen, wenn die Wirklichkeit zu blinden Scherben zerbricht, plustert sich zu einer Generalkritik durch alle Ebenen, die in ihrer Absolutheit ein ähnlich fasziniert-furchtsames Erschauern auslöst wie der Anblick des im Laub vergrabenen Drachens. Bei diesen Dingen ist jedoch klar, dass ich sie mit Kribbeln in den Fingern angehen und die Herausforderung annehmen werde. Was beim Scribbeln als einziger Punkt noch unklar ist, ist die Frage der Leiche, bzw. ihrer kriminologischen Notwendigkeit. Irgendwie flüstert der “Stift”, dass er ein Menschenopfer braucht, und in mir wehrt es sich noch dagegen. Ich mag keine Leichen und Morde sind zum Glück höchst unwahrscheinlich. Andererseits dreht sich der Stift (unter anderem) um einige Millionen veruntreuter Gelder, und dies läßt die Wahrscheinlichkeit doch in einen Bereich steigen, dass ich ein Menschenopfer in Betracht ziehe.
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[Norman Liebold,
13.11.2011 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 16.11.2011 unter Autorengefasel, Nähkästchen
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[Dieser Artikel ist der 2. von 2 Teilen in der Reihe Schreibwerkstatt: Der Stift]
Heute Morgen um sechs die Niederschrift von “Der Stift” begonnen. Der Auftakt ist bei dieser Geschichte vielleicht das Schwierigste. Das hat seine Gründe. “Der Stift” wird eine Gradwanderung werden, nicht nur, aber auch wegen seiner politischen Ebene, derentwillen ich sehr vorsichtig sein muss, was die Schilderung bestimmter Umstände angeht. Nun ist die Geschichte aber in weiten Bereichen von den Umständen abhängig, unter denen die Idee entstand. Natürlich könnte ich diese extrem verfremden, und vielleicht auch so, daß sie trotzdem noch funktioniert, aber ich stelle beim Schreiben fest, daß ich das in diesem Fall nicht will. Zum einen, weil die Abbildung der Verhältnisse hier einer der Aspekte ist, die die Geschichte motiviert und ich das Unglaubliche daran wahrheitsgetreu nachzeichnen will. Zum anderen aber auch, weil in dieser Story nicht nur eine politische Abrechnung steckt, sondern eben auch und vielleicht genau so wichtig, eine sehr persönliche. Und so ist die Profession des Protagonisten nach vielen Gedankenexperimenten doch die Schriftstellerei geworden. Das löst widersprüchliche Gefühle aus. Zum einen Freude, in diese Geschichte viel hineinpacken zu können, was wesentlich ist für meine eigene Profession, und, nicht zuletzt, auch einige Szenen nicht aussparen zu müssen, die die Geschichte bunter und lebendiger machen. Zum anderen aber auch ein leise mulmiges Gefühl, wie es nur die sich aufdrängende Deckungsgleichheit real Erlebten mit romanhaft Geschildertem auslösen kann. Jedes Buch ist wie ein Sog, ein Strudel, der einsaugt und mit vergrabenen Dingen konfrontiert. Und da ein Buch oft, wenn Jahre nach der Ideenfindung der Reifeprozess abgeschlossen ist und die Niederschrift begonnen wird, irgendwo in seinen tiefsten Tiefen ein Jonglieren mit Ungeklärtem, Unausgesprochenen und das Kratzen an schlecht verheilten Wunden ist, ist das etwas Gefährliches. Dieses Mal in mehrfacher Hinsicht, denn dieser politische Künstlerkrimi – ich nenne es mal so, schon weil er sich immer mehr als Bruder vom “Ruhestand” (2005) heraus stellt – ist auch durchaus nicht ungefährlich für mich. Eine gewisse Verfremdung ist daher aus verschiedenen Gründen absolut notwendig. Zum einen literarisch, da ich keine autobiographische Selbstbespiegelung zu Papier bringen möchte, sondern einen allgemeingültigen und spannenden Kriminalroman. Aber zum anderen eben auch, damit mir kein Strick daraus gedreht werden kann. Ein Aspekt der Verfremdung hat sich bei der gerade vollendeten Szene klar herauskristallisiert: Die Orte werden verwischt, vermischt und verallgemeinert. Das Bild oben zeigt das Schloss Hohenprießnitz, in dem mein Bruder einige Jahre in vergleichbaren Umständen lebte wie ich in der “Stiftung”. Allerdings ohne die politischen Verwicklungen. Es wird einer der etlichen Vorbilder sein, aus denen ich den Stift destilliere. Was jedoch nicht umgangen werden kann, ist die Verortung in der ehemaligen DDR, denn diese ist wesentlich und ohne sie kann die Geschichte nicht funktionieren. Mit einem Maler oder Musiker hingegen schon, aber nichtsdestotrotz wird der Protagonist dieses Mal ein Schreiberling werden. Ein analytisches, selbstverwühltes Recherchetier eignet sich einfach am besten für diese Geschichte.
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[Norman Liebold,
16.11.2011 |