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Die Büchse der Pandora – “Der Stift” begonnen

Von Norman Liebold geschrieben am: 13.11.2011 unter Autorengefasel, Nähkästchen

[Dieser Artikel ist der 1. von 2 Teilen in der Reihe Schreibwerkstatt: Der Stift]

Norman Liebold an einem der Eingänge zu den Ofenkaulen, wo sein neuer Horror-Roman "Die Höhle" (erschienen: 11.11.2011) spielt. Foto: Anke Böser.
Heute Morgen stand ich wie üblich, wenn meine Liebste zur Arbeit muss, mit ihr um fünf auf und setzte noch mein Auto aus der Einfahrt – als wir gestern nocheinmal an den Ofenkaulen waren, um Bilder vom Schauplatz von “Die Höhle” zu machen, meinte ein unaussprechliches Subjekt, dem ich am liebsten die Eier abschneiden und sie ihm zu Fressen geben würde, ihr Auto aufzubrechen, indem es die Scheibe der Beifahrertür zerschlug. Auch wenn es natürlich dramatisch zu berichten wäre, denke ich noch nicht einmal ansatzweise, dass der Geist auf diese Weise sein Mißfallen auszudrücken beliebte, dass ich ihm literarisch huldigte. Dieser nämlich war ausgesprochen umgänglich, ja fast freundlich, was ich natürlich als Abnicken der “Höhle” nehme. Nein, dieser vandalisierende Sohn einer räudigen Hündin war schlicht und ergreifend ebenso verachtenswert wie dämlich und das sind gemeinhin nur Menschen: Er klaute die Handtasche, in der sich nichts von materiellem Wert befand (soll er sich an den Magnesium-Brausetabletten erfreuen, ich gönne sie ihm!), übersah aber in seiner unbeschreiblichen Hirnamputiertheit die wohlgefüllte Brieftasche. Wenn es nicht so kalt wäre und A* nicht um halb sechs Uhr morgens eine halbe Stunde zur Arbeit fahren müßte und nicht die Wege zur Polizei wären, dann würde ich in homerisches Gelächter ausbrechen, zumal recht und links neben der kleinen Ford-K-Möhre nicht nur mein wie immer unabgeschlossener Wagen mit fetter Digitaler Spiegelreflex und einem 1.500-Euro-Laptop stand, sondern auch zwei dicke Bonzenkarren. Möge dem räudigen Hundesohn die Eier abfaulen und der Rest seines eh degenerierten Hirns aus den Ohren tropfen. Für mich bedeutet das, das ich die nächsten Tage autolos sein werde und Rosinante hoffentlich die hübsche Reiterin sicher zur Arbeit und zurück bringt. Mir gefällt es tatsächlich, auf diese Weise in meiner Klause zu Breidscheid (hinter Schreck, gleich bei Wahn) sozusagen festzusitzen, mein Öfchen knistern und knäckern zu lassen, ab und an die Schriftstellerkatze Nadu schnurrend im Bücherschrank zu streicheln und meinen Parker zu zücken, um endlich den “Stift” zu beginnen.

Die Schriftstellerkatze Nadu, drei Monate alt. Foto: Norman Liebold, 2011.
Der “Stift” erweist sich als ebenso unerschöpflich, überraschend und eigenwillig wie Nadu, die Schriftsteller-Katze. Ursprünglich – ziemlich genau vor 5 Jahren – notierte ich die Geschichtenidee als eine kleine Kriminalnovelle mit philosophisch-psychologischen Spitzfindigkeiten. Übrigens eine, die auf wahren Begebenheiten basiert. Als ich letztes Jahr – auch in etwa um diese Zeit herum – nach längerer Zeit wieder am Ort des Geschehens war und selbst ein wenig kriminell wurde, indem ich meine geliebte Stehlampe durch Einstieg in den Keller des jetzt leerstehenden Gebäudes wieder in meinen Besitz brachte, geschah etwas mit der Geschichte in mir. Sie begann, nach außen zu drängen. Der Anlaß dafür war, dass genau das, was in der Geschichtenkonstruktion von 2006 als Ende formuliert wurde, ziemlich genauso eingetroffen ist. Die Erlebnisse bei diesem Besuch hatten ein eigenartiges Gefühl, wie immer, wenn eine der in mir schlafenden Stories blinzelnd das Auge öffnet und sich ähnlich zu recken beginnt, wie man es im Bild links bei Nadu sehen kann. Seitdem und während der Arbeiten an der “Höhle” kamen immer wieder Gedankenskizzen zur Ideenniederschrift hinzu. Eine Geschichte in diesem halbschlafenen Zustand ist eine überaus bemerkenswerte Sache. Die mystische Betrachtungsweise wäre zu sagen, daß sie beginnt, sich in die Wirklichkeit auszudehnen und Dinge anzuziehen, die zu ihr gehören. Es geschehen Dinge, die Puzzlestücke aus Schubladen fallen lassen, oder sie versteckt weitere Puzzlestücke in den Taschen des Herbstmantels, so dass man, wenn man ihn Anfang November aus der Truhe holt und in die Tasche greift, plötzlich weitere Geschichten-Details in der Hand hält. Harmlos ausgedrückt.

Saalecker Werkstätten, 2002, Haupthaus
Heute Morgen begann ich also, den Geschichtenverlauf, die Charakterstrukturen und die Zeit- und Erzählebenen zu notieren und diejenigen Szenen kurz zu umreissen, die Herz- und Nierenstücke der Geschichte sind. Dass ich mich jetzt hinsetze, um davon zu berichten, liegt an dem unbedingten Gefühl, bei einem Waldspaziergang etwas seltsames aus dem Laub hervor lugen zu sehen. Etwas wie ein geschupptes Schwänzchen. Von einer Eidechse vielleicht, die es nicht rechtzeitig in ihr Winterloch geschafft hat. Und daß das Schwänzchen eisbergspitzentechnisch sich dann als Schwanz herausstellt, der kein Ende nehmen will und immer dicker wird (von der Assoziation einer Erektion bitte ich abzusehen, obgleich das Gefühl dabei nicht ganz unähnlich ist). Und während man Meter um Meter Laub wegschaufelt, immer irritierter, immer faszinierter und zunehmend furchterfüllt, steht man vor der Unglaublichkeit, ganz offensichtlich dabei zu sein, einen Drachen im Wald auszugraben. Und man erinnert sich plötzlich daran, dass man – so absurd das scheinen mag – aufgebrochen war, um Drachen zu suchen. Das kleine Spiegelkabinettchen, das ich da in Buchdeckel zu fassen gedacht hatte, erweist sich als ein Kabinett, wie Dr. Parnassus es im gleichnamigen Film von Terry Gilliam betrieb. Die zwar hinterhältigen, aber doch eher kleinen Seitenhiebe, die auf Mißbrauch von Staatsgeldern, die Ewiggestrigen und nicht zuletzt auf das Zerreissen von Familien durch historische Politikae wie die Wende oder das 3. Reich gezielt sind, mausern sich zu Rundumschlägen und das Betrachten des psychologischen Phänomens, einem alten Traum verbissen wieder nachzurennen, wenn die Wirklichkeit zu blinden Scherben zerbricht, plustert sich zu einer Generalkritik durch alle Ebenen, die in ihrer Absolutheit ein ähnlich fasziniert-furchtsames Erschauern auslöst wie der Anblick des im Laub vergrabenen Drachens. Bei diesen Dingen ist jedoch klar, dass ich sie mit Kribbeln in den Fingern angehen und die Herausforderung annehmen werde. Was beim Scribbeln als einziger Punkt noch unklar ist, ist die Frage der Leiche, bzw. ihrer kriminologischen Notwendigkeit. Irgendwie flüstert der “Stift”, dass er ein Menschenopfer braucht, und in mir wehrt es sich noch dagegen. Ich mag keine Leichen und Morde sind zum Glück höchst unwahrscheinlich. Andererseits dreht sich der Stift (unter anderem) um einige Millionen veruntreuter Gelder, und dies läßt die Wahrscheinlichkeit doch in einen Bereich steigen, dass ich ein Menschenopfer in Betracht ziehe.



[Norman Liebold, 13.11.2011
Autorengefasel, Nähkästchen
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Neue Bücher, neues Leben

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.11.2011 unter Autorengefasel, Büchermeldungen, Nähkästchen

Drucker und Autor. Foto: Anke Böser.
Endlich ist es soweit: “Die Höhle” ist ab sofort lieferbar mit den Illustrationen von Alexander Lebedev und mir selbst. Und darüber hinaus auch der neu von Katharina Theine und mir selbst neu illustrierte “Dichterbrand” und der überarbeitete “Gläserne Sarg”. Die letzten Monate waren, wie man sich denken kann, ein einziges Durcharbeiten – und es hat sich gelohnt. Nicht nur auf der Ebene der Bücher ist viel geschehen. Die kleine Katze Nadu hat Einzug in die Schriftsteller-Klause im Bergischen Land gehalten und das Fachwerk mit unübersehbarem Vergnügen und katzentypischer Eleganz als ihr neues Königreich erklärt, und das Fachwerkgeschachtel selbst ist endlich fertig möbliert, meine Bibliothek ist mit den letzten ein, zwei Dutzend Kartons angekommen und ich fühle mich endlich zuhause. (Um Mißverständnissen vorzubeugen: Meine schreibklausurige Wohnschnecke im Siebengebirge habe ich natürlich nach wie vor, auch wenn sie jetzt tatsächlich den Charakter einer Datscha zum Zurückziehen und versunken Schreiben angenommen hat.)

Die Rejustierungen, Reanalogisierungen und Entzettelungen, die ich im letzten halben Jahr mit Kompromisslosigkeit durchzog, bzw. mich endlich getraute durchzuziehen, haben Frucht getragen. Das Gestern ist abgepackt, katalogisiert und archiviert, die Zettelkästen leer, die Schreibtische jungfräulich, die Füllfederhalter frisch befüllt und die Notizbücher voller weißer, leise flüsternder Seiten. An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, nochmals eine Bitte um Nachsicht anzubringen: Seit ich vorgestern wieder aus der Funksperre auftauchte, kamen derart viele Bemerkungen und Kommentare in der Richtung, dass mein Anblick Erstaunen hervorriefe, da man mich für verschollen angesehen hatte, dass ich nicht umhin komme, hier nocheinmal zusammenzufassen: Seit 2005 befleißigte ich mich eines Lebens, das effektiv nicht das Leben eines Mannes, sondern das von ca. dreieinhalb gewesen ist. Das Ende des Studiums 2007 nahm vielleicht die schizophrene Teilperson des Studiosus aus der Rechnung, aber es drängten sich direkt zwei neue in die freugewordene Lücke. Auch der Hans Dampf mußte Anfang des Jahres eingestehen, dass ihm die Puste ausging und er weder die Kraft noch (das vor allem) die Geduld hatte, Altlasten und Unnötiges weiter mit sich herum zu zerren. Ich rejustierte mich auf die Dinge, die mir wirklich wichtig sind und die sich, seit ich zurückdenken kann, nicht wesentlich geändert haben. Und schmiß den Rest über Bord, ehe ich kenterte. Danach war Entwöhnung (oder Entzugsüberwindung?) notwendig, aber auch, dass ich das Paddel nahm und den Wesen auf die Finger, Krallen und Tentakel schlug, die versuchten, wieder ins Boot zurück zu krabbeln, klettern oder schlüpfen. Was bedingte, dass ich  effektiv ein halbes Jahr nicht wirklich erreichbar war – und es auch nie wieder in der gewesenen Form zu sein beabsichtige.

Jetzt ist das jungfräuliche Moleskine aufgeschlagen, die Füller frisch befüllt und im Ofen knistert und knäckert munter das Feuerchen. Ruhe ist eingekehrt, und Freude und Leichtigkeit. Die ersten 20 Lesungen für 2012 stehen, das Sax und die Klarinette sind mit neuen Blättern bestückt und meine Bibliothek verspricht gemütliche Leseabende am Ofen. Den Winter werde ich im Fachwerk verbringen und vor allem am Krimi “Der Stift” arbeiten, die “Ansichten eines Aktmodells” endlich vollenden und mit den Siebengebirgsmärchen beginnen. Vielleicht komme ich sogar dazu, mit den Arbeiten am “Zeitenquell”, diesem äußerst umfänglichen Romanprojekt, zu beginnen, das seit 2003 in der Mache ist. Es werden viele Zeichnungen für diese Bücher entstehen und mit meinen Musikern von “WortAnKlang” werden neue abendfüllende Shows eingeprobt. Ansonsten freue ich mich auf lange Spaziergänge und schöne Konzerte, auf Stunden mit Silberarbeiten und fiebere gerade dem “Stift” entgegen, dessen spiegelnde Vielschichtigkeit eine ganz besondere Herausforderung werden wird.



[Norman Liebold, 12.11.2011
Autorengefasel, Büchermeldungen, Nähkästchen
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Dichterbrand – die Illustration der zweiten Auflage

Von Norman Liebold geschrieben am: 30.10.2011 unter Autorengefasel

Cover Dichterbrand

Cover Dichterbrand

Am 11.11.2011 bekommt der “Dichterbrand” ein neues Gewand: In seiner zweiten Auflage erscheint er auf wunderschönem Munken Volumen in Cremeweiss mit einem 300g starken Vierfarbcover, ist um 30 Seiten angewachsen, damit man ihn nicht mehr mit der Lupe lesen muss und wird auf einer Original Heidelberg Druckmaschine von 1963 gedruckt. Aber das vielleicht wichtigste und schönste ist: Für die Neuauflage haben meine Lieblingsillustratorin Katharina Theine und ich selbst uns daran gesetzt und einen Illustrationszyklus aus 10 Zeichnungen geschaffen.
Im Buch finden sie jetzt immer abwechselnd eine Zeichnung von Katharina und mir. Ihre sind in Pastell auf Din A2 gearbeitet, meine – natürlich – als Tuschezeichnungen. Die Pastellarbeiten zeigen Quirin Hundtemanns Blickwinkel, während ich den Blick auf Quirin lenke und ihn selber zeige. Wobei die letzte meiner Zeichnungen eine Ausnahme darstellt, zeigt sie doch nicht Quirin, sondern Richard Recknagel. Der Roman spielt mit Identitäten: der Literatur-Magister untersucht den Fall des Schriftstellers, der auf dem Wohnwagenplatz verbrannt ist, und unschwer läßt sich das Augenzwinkern übersehen. Der Dichterbrand entstand kurz nach meinem Magisterabschluss in verschiedenen literarischen Studienfächern und ich Schriftsteller lebte während des Magisters und die vier Jahre darauf auf ebendiesem Wohnwagenplatz. Auch Katharina spielt in ihrer letzten Zeichnung mit dieser im Roman versteckten Ironie, dass ich selbst meine eigene Verbrennung aufkläre: Wenn Sie sich die 5. Zeicnhnung von Katharinas Hand ansehen, werden Sie feststellen, dass auf dem Bucheinband des “Dichterbrand” nicht “Michael Recknagel” oder “Richard Beckmann” steht, sondern “Norman Liebold”.

Norman Liebold. Foto: Anke Böser 2011.

Die Erstellung der Illustrationen hat sehr viel Freude gemacht. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei meiner Partnerin bedanken, die für mich eine Reihe von Photos machte, mit Hilfe derer ich die Faltenwurf und die eine oder andere Schwierigkeit in kuriosen Körperhaltungen studieren konnte. Die Shootings haben ausgesprochen viel Spaß gemacht!


Hier für Sie die Zeichnungen:

Illustration für das 1. Kapitel: Quirin im Sessel. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.
Quirin auf dem Eudenbacher Friedhof. Illustration für das 3. Kapitel von 'Dichterbrand'. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.
Der Widergänger. Illustration zum 9. Kapitel des 'Dichterbrand'. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.
Illustration für "Dichterbrand" - Quirin und die Soldaten. Norman Liebold, 2011, Tusche auf Papier.
Latein-Duell in der Buchhandlung. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.
Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.
Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.
Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.
Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.
Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.


[Norman Liebold, 30.10.2011
Autorengefasel
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Die Höhle – aus dem 5. Kapitel

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter SchmökerEcke

Cover 'Die Höhle' Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.

Copyright by Norman Liebold, 2011.

Links zum Buch:


Kapiteleingangsornament für das 5. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Kapiteleingangsornament für das 5. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Aus der Tiefe gurgelten die verzerrten Echos. Keine Antwort. Vorsichtig trat er einige Schritte hinein. Es roch eigenartig metallisch, und das Schimmern vor ihm wurde deutlicher. Es füllte den gesamten Felsengang aus. Eine ebene Fläche, eine Wand aus spiegelndem Material. Die Kerzenflamme und sein eigenes, verstörtes Gesicht kamen ihm entgegen. Verzerrt wie in einem alten, verzogenen Spiegel. Wo die Flächen auf den Fels trafen, waren sie fleckig; rostige Streifen liefen hinunter. Die Oberfläche war von knopfgroßen stumpfsilbernen Nieten durchbrochen. Das Ding wirkte genauso seltsam wie die gigantischen Felsquader in der Halle – hier konnte Silvia nicht durchgekommen sein. Er war im Begriff, sich wieder umzudrehen, als er, halb aus dem Augenwinkel, eine Bewegung im Spiegel wahrnahm. Sein Spiegelbild hatte sich bewegt – oder vielmehr nicht bewegt – es stand noch genauso da, die Kerze mit der Hand abgeschirmt, das Gesicht von unten angestrahlt. Es schaute ihn an. Manuel spürte, wie sein Gesicht sich mit dem Ausdruck von Furcht füllte, aber sein Spiegelbild schaute ihm unverändert aus der glänzenden Fläche entgegen. Der Ausdruck seines Gesichts schien kalt und berechnend. Manuel hob die Kerze ein wenig und senkte sie wieder. Die Kerze im Spiegel folgte der Bewegung nicht. Mehrere Herzschläge verstrichen, dann hob sein Spiegelbild die Kerze mit einer kurzen, schnellen Bewegung, um sie sofort wieder zu senken – eine höhnische Parodie. Das Spiegelbild lächelte ein kaltes, unangenehmes Lächeln.
Das Gefühl, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit zu hängen, wurde so stark, dass Manuel schwindelte. Sein Spiegelbild machte einen Schritt auf ihn zu, stützte die Hand gegen die glatte Fläche, lehnte sich dagegen und legte den Kopf schief. Es weidete sich an Manuels Schrecken, beobachtete mit Genuss, wie das Entsetzen in ihm hoch kroch – ein Entsetzen, das grausamer war als ein sich selbstständig machendes Spiegelbild, unheimlicher als das Gefühl, dass der eigenen Wahrnehmung jetzt überhaupt nicht mehr zu trauen war. Es war nicht die Angst, dass ihn dieser Mann dort vernichten wollte und sich dafür in einer Anwandlung grotesken Humors seine Gestalt geliehen hatte.
Er kannte ihn über die Vertrautheit hinaus, die das eigene Spiegelbild hat. Die Ähnlichkeit war auch weniger die eines Spiegelbildes, sondern eher die zwischen Zwillingen. Der Spiegel hatte ein kaltes, hartes Gesicht und Augen, aus denen Berechnung sprach. Und eine subtile Grausamkeit. Er grinste, als er Manuels Erkennen sah. Er öffnete den Mund, und für Manuels Wirklichkeitsempfinden war es wie ein Schlag in die Magengrube, als seine eigene Stimme dumpf durch den Spiegel drang. „Sie ist hier durch gekommen“, sagte er. „Aber dir werde ich es bestimmt nicht so leicht machen.“ Sein Lachen war leise und gemein. „Ich sehe gar nicht ein, warum ich einem so selbstgerechten Arschloch wie dir eine Chance geben sollte.“
„Wer bist du?“ Manuels Stimme war leise und heiser.
„Ich glaube nicht, dass ich dir das erklären muss.“
„Bist du mein dunkles Selbst?“
Der andere begann zu lachen. Die Frage schien ihn ungemein zu amüsieren. „Wir sind hier nicht in irgend einem pseudo-psychologischen Fantasy-Roman, mein Lieber. Ich bin kein dunkles Selbst, mit dem du dich versöhnen musst, um die Einheit deiner Seele wiederzuerlangen. Ich bin bloß dein beschissenes Spiegelbild – ungefiltert, sozusagen.“
Manuel wusste nichts zu entgegen. Es gab zu viele Momente in seiner Erinnerung, in denen er ihn schon gesehen hatte. Momente, die ihn wie kaum etwas anderes verunsicherten. In denen seine Selbstwahrnehmung plötzlich gekippt war und ihn sich selbst als Arschloch zeigten: Egozentrisch, selbstgerecht und mit Lust verletzend.
„Gut erkannt“, erklärte das Spiegelbild, lässig gegen die andere Seite der Scheibe gelehnt. „Du bist eine schlecht konstruierte Lüge. Dein ganzes Wesen ist ein Flickwerk aus Selbstbetrug. Deine Erinnerung Schönfärberei.“ Er fixierte Manuel durch den Spiegel hindurch, beobachtete mit kaltem Lächeln, wie seine Worte einschlugen. „Die Menschen, die du Freunde nennst, sie dulden dich nur und ertragen deine Klugscheißereien und Bevormundungen nur aus Pflichtgefühl und Nachsicht. Wirklich mögen tun sie dich nur so lange sie noch nicht gemerkt haben, wie du wirklich bist. Weil du sie getäuscht hast mit deinem gebildeten Gelaber und den Lügen über dich selbst, an die du sogar selber glaubst.“
„Halt die Schnauze!“, kreischte Manuel.
„Aber warum denn?“ Das Spiegelbild zeigte sich unbeeindruckt. Es entblößte nur noch mehr Zähne beim Grinsen. Spitze Zähne. Manuel suchte nach Worten, die er ihm entgegen schreien konnte, aber er fand keine. Seine Brust schien bersten zu wollen von einer wütenden Angst; er wollte gegen diesen Spiegel anrennen und ihn zertrümmern. „Ich werde mir bestimmt nicht von einem wie dir das Maul verbieten lassen. Einem, der den Menschen, die ihn lieben, unendlichen Schmerz zufügt. Du Pseudo-Psychologe hast deine beschissenen pubertären Ängste vor der übermächtigen Frau auf liebenswert-arglose Mädel projiziert und sie zu dunklen, intriganten Göttinnen gemacht in deinem verkorksten Hirnkasten – und deine komische Weibsspinne in ihnen bekämpft. Hast ihnen mit deinen Vorwürfen und Unterstellungen das Herz zerrissen und ihre Gefühle mit Füßen getreten. Böse Absichten, Marionettenspielerinnen, Intrigenspinnerinnen, Psychovampire, schöne Müllerinnen, die hinter ihrer hübschen Larve bösartige, hinterlistige Monstren verstecken.“
„Hör auf, hör endlich auf!“, kreischte Manuel in einem fort. Seine Stimme überschlug sich, und er hatte die Hände auf die Ohren gepresst. Aber es half nichts: weder die Hände auf den Ohren noch sein Geschrei konnten auch nur ein Wort des Spiegelbildes ersticken. Lässig gegen seine Seite der Scheibe gelehnt sprach es ruhig und ohne die Stimme auch nur zu heben: „Schau dich doch an. Du benimmst dich wie ein verzogener Sechsjähriger, wenn er seinen Wutausbruch bekommt. Willst du nicht noch ein bisschen mit den Füßen stampfen? Du weißt, dass ich Recht habe! Nur getroffene Hunde bellen. Ich kann dir noch mehr sagen, Brüderchen.“ Das Spiegelbild brachte sein Gesicht ganz nah an die Scheibe. Vor dem unendlich kalten Lächeln beschlug die Oberfläche, aus den Augen blickte eine Verachtung, ein Belächeln, die die Wut in Manuel ins Maßlose steigerte; eine Wut, die seltsam ungerichtet kochte und tobte und seine Brust sprengen wollte und keinen Ausgang, kein Ventil fand. Sie wollte nichts als das Spiegelbild zum Schweigen bringen. Denn jedes Wort war wie eine glühende Nadel, die bis hinab ins Innerste stach und Dinge weckte, Dinge, die Manuel von innen her zerbissen und zerkratzten. Das Spiegelgrinsen wurde noch ein wenig breiter. Das Amüsement trat in den Vordergrund, ein so herablassend-verächtliches Amüsement, dass die Wut noch ein wenig mehr hoch kochte und Manuel den Atem nahm. Die Linien um den Mund des Spiegelbildes verzogen sich zu einem breiten Grinsen – und darüber hinaus. Das Grinsen verzerrte das Gesicht – es erinnerte an die Metamorphosen des Müllerin-Gesichtes auf dem Spinnenleib, nur subtiler: die Nase bekam einen leichten Knick, als wäre sie einmal gebrochen gewesen; um die Augen vertiefte sich das Netz aus Fältchen, der Haaransatz wich zurück. Manuel starrte ihn an. Hätte der Spiegel ihn gespiegelt, hätte er die seltsam widersprüchliche Mischung von Gefühlen auf seinem Gesicht gesehen. Die Unterwürfigkeit eines geprügelten Hundes, der Stolz des Märtyrers, die Bewunderung des kleinen Jungen, der Hass des Wehrlosen. Am stärksten vielleicht die Spuren eines Jahrzehnte dauernden Ringens um Anerkennung, die auf Spott, Ablehnung und ewiges Herumnörgeln stößt. „Du!“, stieß Manuel tonlos hervor. Seine entgleisten Gesichtzüge waren nur ein schwaches Abbild der Kämpfe in seinem Inneren. Das Gesicht vor ihm, kalt lächelnd mit Augen, die sich kühl distanziert in seine Seele bohrten, stießen eine Tür auf, rissen eine Mauer ein, und eine Flut aus Bildern, Szenen und Gefühlen brach hervor. Manuel war fünf, und er war zehn. Er war zwölf und er war junger Erwachsener. Und alles, was er tat, fühlte und sprach, alles was ihm wichtig war und was er liebte, alles, worauf er stolz war, was er hoffte und wünschte, alles wurde mit harten Worten in den Dreck getreten. Immer wieder, immer aufs Neue. Er war ein Stück stinkende Scheiße, unwürdig, dumm und unfähig. Ein Dilettant und Versager, ein hässlicher Kretin. Die unbändige Liebe und Bewunderung, die er tief in sich trug, durchlief ein ständiges Wechselbad zwischen brutaler Verletzung und Momenten der Seligkeit. Er hörte die Stimme tief in seinem Innersten. Sie war immer da gewesen, die ganze Zeit, all die Jahre. Und er hörte, was sie sprach. Wie sie ihn auseinander nahm, demontierte und jedes Teil für schlecht befand. Dass nur noch Zweifel in ihm war, nein, Gewissheit, dass alles, was ihn ausmachte, alles, was er zu können glaubte, alles, was er tat, nichts wert war. Weniger als nichts. Und wenn irgendjemand meinte, dass es gut sei, dann log er entweder, versuchte, sich einzuschleimen oder war schlicht zu blöd, um zu sehen, wie scheiße es in Wirklichkeit war.
„Du!“, sagte Manuel ein zweites Mal. Er hob den Blick und schaute das Spiegelbild an. Er fühlte, dass sein Blick jetzt ebenfalls bohrend war. Sein Rückgrat straffte sich, die Hände ballten sich zu Fäusten. Wie gut kannte er dieses Gesicht! Auch wenn er es seit Jahren nicht gesehen hatte. Und er begriff, dass es nichts genutzt hatte, seinen Träger aus seinem Leben heraus zu sezieren – er trug ihn mit sich herum. Und selbst wenn er seine inneren Ohren für seine Stimme verschlossen hatte – sie sprach dennoch weiter, und sie tarnte sich als seine eigene.
Er machte einen Schritt auf den Spiegel zu und zu seinem Erstaunen sah er, dass das überhebliche Lächeln ihm gegenüber zerbröckelte und in die so wohl bekannten Augen etwas kroch, das wie Furcht wirkte. Das Durcheinander von Wut und Angst in Manuel – wirr und wild überkochend, wie ein tollwütiges Tier kreischend in seiner Brust – wurde ruhig und kühl. Klar. Gerichtet. Noch ein Schritt. Manuel stand jetzt direkt vor dem Spiegel. Der andere versuchte, die Maske seiner Lässigkeit aufrechtzuerhalten, aber es gelang ihm nicht. Als Manuel direkt vor dem Spiegel stand, wich er einen Schritt zurück. Widerwillig, fast ein wenig ungläubig.
„Du hast keine Macht mehr über mich“, sagte Manuel. „Ich habe dich erkannt.“ Er rief sich das Gefühl ins Gedächtnis, wie seine Hand in die Wunde des Kristalls getaucht war und geheilt hatte, streckte den Arm aus und legte die Finger auf das Glas des Spiegels. Sie tauchten in das polierte Metall, als wäre es aus Spinnweben. Das Spiegelbild stolperte einen weiteren Schritt zurück. Und sein Gesicht verzerrte sich in einer Mischung aus Angst und Hass. Manuel zerriss den Spiegel wie ein Spinnennetz. Mit jedem Griff in die spiegelnde Oberfläche, jeder ausgreifenden Armbewegung zerrte er einen halben Meter herunter. Unzählige schwarze Witwen, diesmal in natürlicher Größe, krochen über die Höhlenwand davon und verschwanden in Ritzen und Spalten. Und mit dem Gesicht des Spiegelbildes geschah Unheimliches. Es war, als fetzte eine unsichtbare Klaue eine Maske von seinem Schädel. Jeder spiegelzerreißende Hieb Manuels zerriss auch das Gesicht vor ihm. Und darunter bewegte es sich. Eine schwarze, wimmelnde Masse. Und wo der Mund war – Zähne. Lang, spitz, wie aus Glas. Ein Maul mit Hunderten von Zähnen; die Lippen zuckende Wülste.
„Was dachtest du?“, krächzte die Stimme des Spiegelbildes. Ein Gurgeln und Röcheln wie das Echo in den Gängen des Bergs. Es lachte. „Dass du irgendwelche verdrehten Komplexe in dir entdeckst und ich mich – kaum, dass du sie sehen kannst – in Wohlgefallen auflöse? Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du dich nicht in einem pseudo-psychologischen Selbstfindungsroman befindest.“ Er trat einen Schritt auf Manuel zu und zerriss mit einem Hieb seiner Hand den letzten Rest des Spiegels. Zugleich fiel das letzte Menschliche von seinem Gesicht ab. Und von seinem Körper. Im Gang stand eine mannshohe Gestalt, die Glieder in ständiger Verwandlung. Schwarzes Wimmeln, dass sich in immer neuen Formen zusammenfand. Millionen Schwarzer Witwen, vielleicht. Oder Käfer. Manuel konnte es im flackernden, schwachen Licht nicht erkennen. Nur die glitzernden Zähne aus Glas und das Maul blieben. „Hat die Spiegelwand deinen Weg versperrt, Manuel? Oder hat sie dich vor mir beschützt? Das ist sicherlich eine Frage, die dich im Moment beschäftigt, vermute ich.“ Das Spiegelbild machte einen Sprung, der nichts menschliches mehr an sich hatte: Es schwärmte, floss, quoll und nur das zahngefüllte Maul bewahrte seine Form. Es prallte nicht gegen Manuel – ein Strom unzähliger vielbeiniger, schwarz glänzender Körper traf seine Brust und hüllte ihn ein. Sie waren überall. Krochen über Beine, Bauch und Arme, über Hals und Rücken – bedeckten Kinn, Wangen, Lippen, Augen. Drangen durch Ärmel, Kragen und Hosenbeine; waren überall auf seiner nackten Haut. Und in seinem Nacken bildeten sie einen Klumpen. Das Maul. Manuel konnte es nicht sehen, aber er spürte es. Fühlte die nadelspitzen Glas-Zähne. Sie drangen in seine Haut. Er schrie, und die Dinger strömten in seinen Mund. Tausend nadelfeine Bisse flammten überall an seinem Körper auf, vereinigten sich, flossen zu einem allumfassenden, brennenden Schmerz zusammen. Manuel schlug um sich, warf sich auf den Boden, wälzte sich über den Fels. Sie klebten an ihm, krallten, bissen, drängten in jede Spalte; ihre Körper saßen in den Achseln, auf den Augenlidern, Lippen. Manuel sprang auf und rannte – rannte schreiend, um sich schlagend, den Felsengang hinunter, schlug auf seinen Körper ein, zermalmte mit jedem Schlag ein Dutzend der schwarzglänzenden Körper – aber genauso viele strömten nach. Sein Blick flackerte, die Felswände flimmerten in wilden Farben, er roch verwesendes Fleisch, dann Erdbeeren in wilden Wechsel; das Parfüm einer längst vergessenen Geliebten. Und tief in seinem Nacken saßen die Zähne aus Glas. Es war, als krallte sich ein Vampir auf seinen Rücken und zugleich, als wäre er in ein riesiges Wespennest gefallen.
Aus dem Fels der Höhlenwand pressten sich steinerne Gesichter und glotzten ihm entgegen. Wurzelhände ragten und griffen nach ihm. Ein Schlauch aus Gesichtern und Händen. Erdmünder öffneten sich, Stimmen wie knirschender Kies schrien. Er kannte sie, unter Wurzelhaaren und rissiger Felshaut erkannte er sie. Hunderte bekannte Gesichter aus Stein. Er hörte die kiesel-knirschenden Stimmen. Alle seine Quälgeister waren hier, zu einer Masse aus Gesichtern und Händen verbacken. Manuel rannte, die schreienden Stein-Fratzen rasten vorbei. Sie schrien Vorwürfe, Anklagen. Sie schrien Forderungen. Sie schrien ihm entgegen und hinterher. Ein Spießrutenlauf. Manuel wurde schwarz vor Augen, alles schwankte; er rannte weiter. Er wusste: wenn er fiele, kämen sie über ihn. Zerrissen ihn mit Wurzelfingern, fräßen ihn mit Steinenmäulern. Der Schlauch aus Fratzen und Händen wurde immer enger, zog sich zusammen. Voraus glomm ein blau-türkisener Schimmer – ihn musste er erreichen … er würde ihn nicht erreichen: der Gang schrumpfte, schon spürte er die Wurzelhände von allen Seiten. Die Steingesichter mit toten Kieselaugen rückten zusammen, starrten ihm entgegen, schrien, forderten, kreischten Vorwürfe. Der Gang schloss sich. Vor ihm eine kompakte Wand aus grabschenden, schreienden Steinwesen. Sein Körper bedeckt mit beißenden Spinnen. In der Schulter der tiefe Biss des Spiegeldämons. Sein Körper versagte: er sackte in die Knie, sein flackernder Blick verwirrte sich in Dutzenden schreiender Gesichter aus Stein. Die Zeit lief langsamer, die krallenden Wurzelhände fuhren in Zeitlupe durch die klamme Luft der Felsenganges, tasteten nach ihm, versuchten ihn zu fassen.



[Norman Liebold, 29.10.2011
SchmökerEcke
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Die Höhle – 3. Kapitel “Höhlentor”

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter SchmökerEcke

Cover 'Die Höhle' Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.

Copyright by Norman Liebold, 2011.

Links zum Buch:


Kapiteleingangsornament zum 3. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Kapiteleingangsornament zum 3. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Manuel wusste vom ersten Augenblick an, dass es ein Traum war. Er hatte Erfahrung darin. Seitdem er die Traumdeutung gelesen hatte, führte er Buch über seine Träume, und Freuds Versprechen hatte sich erfüllt. Er träumte immer bewusster und konnte sich nicht nur immer besser daran erinnern, sondern oft schon im Traum selbst die Traumbilder erkennen. Und während er träumte, spürte er, dass dieser Traum anders war. Klarer, deutlicher – und von einem eigenartigen unheimlichen Gefühl getragen.
Er war eine Art Forschungsreisender. Und er wanderte – daran konnte kein Zweifel bestehen – im Siebengebirge umher. Was genau sein Forschungsgebiet war, wußte er nicht. Irgendetwas mit Sprache und Kultur. In seiner Umhängetasche trug er ein Buch bei sich, wo er alles hineinschrieb. Geschichten vor allem, die ihm erzählt wurden. Eine Art Grimm, kam ihm träumend in den Sinn. Ein Grimm, der Geschichten von Spuk und Geistern sammelte. Es gab keine Straßen in seinem Traum, keine Autos, kein Telefon. Seine Kleidung, die Tasche und das Buch schienen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Goethe-Zeit vielleicht. Oder die Zeit, da die Gebrüder Grimm gewandert waren, um ihre Märchen zu sammeln. Typisch für einen Traum wunderte er sich nicht darüber. Untypisch für einen Traum wunderte er sich, dass er sich nicht darüber wunderte.
Im Wald öffnete sich eine Lichtung. Das war sein Ziel, er wusste es. Hier gab es Geschichten von Spuk und Geistern. Am klappernden Bach – er dachte wirklich klappernder Bach – stand eine Mühle. Wie im Märchen. Und tatsächlich schaute auch die schöne Müllerin heraus. Der Himmel war blau, Schwalben schossen tschilpend umher, es roch nach Heu und Ernte. Natürlich hatte die Müllerin oder vielmehr Müllerstochter grüne Augen, und der träumende Manuel registrierte allerlei Symbole und Hinweise, dass die Traumarbeit ihm hier ein Bild von Silvia hinstellte. Der Traum folgte ganz der eichendorffschen Wanderromantik. Einladung der Müllerin, zärtliche Blicke, dann die Aufforderung, doch über Nacht zu bleiben. Die junge Frau im Nachthemd, die mit Kerze in der Tür zu seiner Kammer steht, wirre Haarsträhnen im Gesicht. Halb Scham, halb Wildheit. Gerötete Wangen, leicht geöffnete Lippen, schneller Atem.
Dann kippte der Traum. Manuel spürte es. Es war wie ein Strudel, während die schöne Müllerin ihn ritt und er röchelnd kam. Er fühlte sich plötzlich schlaff und ausgelaugt, und als er am Morgen erwachte, war zwar der Himmel blau und die Schwalben schwirrten, aber er schaffte es kaum, aus den Federn zu kommen. Die Müllerin umsorgte ihn mit zärtlichen Gesten, tischte ihm auf und sprach von der langen Wanderschaft und seiner Erschöpfung und dass er doch hier ein wenig ausruhen könne. Und er ruhte aus. Am Abend kam die Müllerin in seine Kammer, Tag um Tag. Und er wurde müder und müder. Setzte Fett an, schleppte sich von Mahlzeit zu Mahlzeit. Weiterzuziehen kam ihm nicht in den Sinn. An seinen Forschungen zu arbeiten war ihm schon in der Vorstellung zu anstrengend. Er schlief bis in den Mittag, erwachte ausgelaugt, aß, und am Abend kam sie in seine Kammer. Sie veränderte sich, oder es schien ihm so. Sie wurde nicht vertrauter, sie wurde ihm seltsam unheimlich. Schon begann er sich zu fürchten, wenn sie in seine Kammer kam und ihn bestieg. Ihm war, als zehrte sie ihn aus. Es gab keinen Spiegel in der Mühle, aber an einem Morgen, als er all seinen übrig gebliebenen Willen zusammen raffte und zum Mühlteich ging, um sich zu waschen – schrak er zurück. Hohlwangig mit tief liegenden Augen glotzte ihn ein Schreckgespenst aus dem Wasserspiegel an. Sein Haar war grau geworden, sein Gesicht von wirrem Bart zugewuchert.
Er stolperte zur Mühle. „Was geschieht mit mir?“ Die Müllerin lächelte und stellte ihm einen Teller hin. „Iss, mein Schatz, damit du wieder zu Kräften kommst.“ Ihm grauste. Hinter ihrem sanften Lächeln schien ihm etwas zu lauern. Er musste an eine Spinne denken, die ihr Opfer langsam einspann und Stück um Stück aussaugte. Und wie oft in seinen Träumen nahm das Bild Gestalt an. Mit jeder Nacht wurde die schöne Müllerin spinnenartiger. Ihre Augen, zuerst grün, wurden schwarz und insektenhaft. Ihre Leib wölbte sich, wurde zum weich-pulsierenden Körpersack. Schwarze, dicke Borsten wuchsen aus ihrer Haut. Ihre Bewegungen bekamen etwas mehr und mehr fremdartiges. Er sah die Veränderungen, aber er konnte nichts tun. Wie in den Träumen, in denen man rennt und rennt und nicht vom Fleck kommt, lag er im Bett, schleppte sich zum Tisch und ins Bett zurück und beobachtete, als stünde er neben sich, wie sie nachts in seine Kammer kam und sich zu ihm legte. Mit jeder Nacht weniger Frau und mehr groteskes Mischwesen mit pulsierendem, aufgedunsenen Leib. Bald hatte sie acht Beine, jedes mit mehreren Gelenken und dicht mit schwarzen Borsten bewachsen. Von der Frau waren nur die Brüste und das Gesicht geblieben und die nasse Spalte zwischen den hintersten Beinen. Die Spinndrüse. Vielleicht verwandelte sie sich auch nicht, sondern hörte nur auf, die Illusion aufrecht zu erhalten. Weil es nicht mehr notwendig war: er hatte keine Kraft mehr, um zu fliehen oder sich zu wehren. Nur noch Haut und Knochen, war er angefüllt mit ihrem lähmenden Gift. Und wenn auch das Grauen ins Unendliche wuchs, während die Illusion ringsum immer mehr zerbröckelte – gelähmt und seltsam teilnahmslos versuchte er noch nicht einmal, zu entkommen. Das Auflösen des Trugbildes gehörte vielleicht sogar dazu: sie berauschte sich an dem namenlosen Grauen, das ihn erfüllte. Er sah es daran, wie sie ihn aus kalten Spinnenaugen anschaute und sich vor ihm im Raum spreizte, die Wände empor lief, die Decke entlang. Wie sie hereinkam, gerade so, wie eine Spinne mit vor den Kopf gestreckten Beinen aus ihrer Höhle kriecht. Die Mühle war schon längst keine Mühle am klappernden Bach mehr. Eine schwarze Ruine, über und über mit riesigen Spinnweben überzogen. Und dann, irgendwann, begann sein Unterleib sich aufzublähen. Tag für Tag, bis er eine grotesk angeschwollene Blase war, so gespannt, dass die Haut fast durchsichtig wurde. Und darin bewegte es sich. Faustgroßen Wesen mit vielen Beinen krochen als Schemen an der Innenseite entlang. Dutzende kriechender Schatten.
Und das halb zerflossene Gesichter der Müllerin, wie aufgeklebt auf dem borstigen Körpersack der Spinne, lächelte süßlich in Mutterstolz.

***

Manuel fuhr schreiend aus dem Schlaf. Sein Herz raste, als wollte es den Brustkorb sprengen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, sein Atem kam stoßweise, er war mit Schweiß bedeckt und zitterte am ganzen Körper. Der Traum war vorbei, das Gefühl aber blieb. Ihm saß die Angst in der Brust und drückte ihm die Luft ab. Er wusste plötzlich, warum man Albdruck zu so etwas sagte. Ihm war, als lauerte das Ding aus seinem Traum hier irgendwo. Der geduckte Schatten dort hinter dem Baum. Im gähnenden Rachen der Höhle. Oder – sein Herz drohte auszusetzen – direkt unter ihm, in einem schwarzen Netz über dem Schacht, die Beine gegen die Betondecke gelegt. Alle Haare stellten sich ihm auf, er wurde das Bild einfach nicht los. Und die Angst nicht. Sie war unerträglich, nicht auszuhalten, drückte ihm die Kehle zu. Er fühlte sich, als würde er ersticken.
„Silvia …“, seine Stimme war ein Krächzen. „Silvia!“ Seine Hand tastete neben ihm unter die Decken. Sie waren leer. Panik schlug in ihm hoch. Er schrie laut ihrem Namen, lauschte in die Nacht, die silberdurchzogen unter dem Mond stand. Einem knochenbleichen Mond, einem Totenschädel-Mond. Rascheln von Laub. Der Schrei eines Käuzchens, das leise Fauchen des eingesperrten Windes unter ihm im Höhlenlabyrinth.
Dann, von oben, vom aufgesperrten Rachen des Höhleneingangs: „Hier oben, brüll‘ doch nicht so rum – du hast mich voll erschreckt!“ Jetzt bemerkte er ganz schwach flackernden Schein im Höhlenmaul, eine Kerze vielleicht. Manuel hockte unter den Schlafsäcken, gelähmt vor Angst. Er wollte, dass Silvia ihn in den Arm nahm. Wollte, dass die Angst wegging. Aber nur bei dem Gedanken, von der Betonplatte herunter zu treten, würgte es ihn, dass ihm übel wurde. Etwas würde nach ihm greifen und ihn am Knöchel packen. Ihn mit einem Ruck unter die Platte in den Schacht zerren. Das Traumbild der Spinnenfrau quoll in seinen Geist, fett und pulsierend direkt unter der Platte in einem Nest aus Spinnweben und ausgesaugten Leichen mit aufgeblähten Bäuchen, in denen es sich bewegte. Er rief sich zur Vernunft, drängte die Bilder weg, atmete kontrolliert, schlug sich ins Gesicht, stand auf und sprang mit einem weiten Satz von der Betonplatte. Er knickte um, als er aufkam. Eine Wurzel unter dem Laub. Ein stechender Schmerz durchzuckte sein Fußgelenk, er stürzte und rollte den steilen Hang zurück. Die Stämme wirbelten vorbei, dann stieß er gegen Stein. Mit Schrecken erkannte er die Säulen direkt unter der Platte. Eiskalte Luft schlug ihm ins Gesicht. Kaminwirkung, schrie er sich innerlich zu. Nur die Kaminwirkung der Höhle! Seine entfesselte Fantasie ließ Spinnenbeine aus der Finsternis schießen. Suchende, tastende, grabschende Insektenglieder mit scharfen Klauen. Keuchend warf er sich zurück, krabbelte wie ein durchgeknallter Käfer auf allen Vieren den Hang hoch. Erst ein Dutzend Meter weiter hielt er an. Seine Knie schmerzten höllisch, die Hände waren aufgerissen. Er warf einen Blick zurück, erwartete, wild zuckende Spinnenbeinen zu sehen oder das ganze Vieh, wie es sich aus einer der Spalten zwängte, eine Spinne von der Größe eines Ponys. Aber da war nichts. Die Betonplatte lag still unter dem Mond. Das bunte Igluzelt wirkte wie Hohn. Das Feuer glomm noch ganz schwach. Das Grauen aber wollte nicht weichen. Die Schwärze unter der Platte lauerte und starrte ihn an. Langsam, immer wieder hektisch über die Schulter schauend, stolperte er auf das schwache, flackernde Licht zu.
Das Bild, das sich seinem Auge bot, als er in das Maul der Hölle trat, verstörte ihn. Silvia kniete auf dem Boden, in der Hand eine Kerze. Sie trug nur ein Hemd. Das Licht der flackernden Flamme schien durch das dünne Leinen und zeichnete ihren Körper nach. Ihre Haare waren offen, ein Lufthauch bewegte sie. Ein Bild von seltsamer Eindringlichkeit: ihre zarten, weichen Linien vor den kantig riesenhaften der Felsen, die weichen Schatten ihrer Brüste gegen die grotesk verzerrten Riesenschatten an groben Felsabbrüchen. Die federleicht wehenden Haare im Massiv des Berges. Ihre Gestalt wurde vom flackernden Lichtkreis der Kerze aus dem Schwarz herausgeschält, klein und zerbrechlich im Felsentor. Es erinnerte an eines dieser kitschigen Fantasy-Gemälde. Bis er bemerkte, was sie tat. Neben ihren nackten Füßen torkelten die blauen Käfer in unsicherer Zielstrebigkeit ihre Straße entlang. Hier waren noch mehr als vor der anderen Höhle. Silvia schaute ihnen fasziniert zu. Mehr noch: Sie hatte ihre linke Hand mitten auf den Weg der Tiere gelegt, und sie liefen über ihren Handrücken. Sie sah nicht verängstigt aus, nur fasziniert. Sie kicherte und schaute hoch. „Das kitzelt!“ Das Licht der Kerze malte zuckende Schatten auf ihr Gesicht. Es sah für Manuel aus, als veränderten sich ihre Züge, verzerrten sich zu einem Grinsen. „Was hast du?“ Silvia klang besorgt. „Du bist bleich wie eine Kalkwand.“
Das war die besorgte Stimme aus seinem Traum. Die Stimme der schönen Müllerin – und auch ihr Gesicht. Wo die Schatten auf ihm tanzten, schien sich die Haut zu bewegen. Manuel starrte auf ihre Hand. Mehrere Käfer krochen darüber, hielten inne, blieben darauf hocken …
„Hab schlecht geträumt“, brachte er hervor.
„Was denn?“
Die Frage ließ ihn noch mehr in das Gefühl des Traumes zurück fallen. Die Welt zog sich ringsum zusammen. Die Schatten krochen näher. „Unsinn. Nur Unsinn.“ Die Käfer auf Silvias Hand machten ihm Angst. Sie konnten jederzeit ihre messerscharfen Grabkiefer ausfahren und sich in das Fleisch fressen. Unter ihrer Haut entlangkriechen. Wie Beulen, die den Arm hinauf wandern. Wie die Schemen, die auf der Innenseite seines aufgeblähten Bauches herum gekrochen waren. „Nimm die Hand da weg, bitte!“, flehte er.
Silvia schaute hinunter, sah den Käfern zu. Wo war ihre Angst? Das war nicht die Silvia, die er kannte.
„Die tun doch nichts“, sagte sie. Sie hob die Hand vorsichtig. Vier oder fünf der blauen Insekten klammerten sich daran fest. Wie Geschwüre. „Ich verstehe gar nicht, warum ich solche Angst vor den Tierchen hatte. Schau mal, wie schön sie sind! Sie schillern in allen Blautönen wie Edelsteine.“
Manuel war sich nicht sicher, ob er es wirklich sah, oder ob ihm Fantasie und Angst einen Streich spielten. Einer der Käfer verschwand unter ihrer Haut. Eben saß er noch wie ein eigenartiges Schmuckstück auf dem Handrücken, dann, im zuckenden Schatten, tauchte er mit dem Kopf voran hinein und war verschwunden. Er hinterließ eine winzige, blutende Wunde. Manuel schrie. Kaltes Entsetzen rann ihm den Rücken hinunter. Er hatte es sich eingebildet. Es konnte gar nicht anders sein! Die Hand hatte im Schatten gelegen, man konnte gar nichts sehen. Der Käfer hatte den Halt verloren und war hinunter gefallen, nicht mehr. Silvia schaute ihn an, die Stirn gerunzelt. „Manuel, alles in Ordnung?“ – „Entschuldige. Für einen Moment hat es ausgesehen, als …“ – „… als …?“
Manuel war klar, wie lächerlich das war. Aber das Entsetzen ließ ihn nicht aus seinem eiskalten Griff. Etwas in ihm zeigte ihm immer wieder das Bild, wie der Skarabäus unter Silvias Haut schlüpfte. Er meinte, sogar das Geräusch zu hören. Ein nasses Kratzen und ein leises Schmatzen. „… ich weiß nicht. Als würde es dich beißen.“
„Beißen? Das kitzelt nur.“
„Mach die Scheißviecher von deiner Hand weg!“ Er hörte seine eigene Stimme: sie stand kurz vor dem Umkippen und war voller Panik. Und herrisch. „Bitte!“, fügte er flehend hinzu.
„Sag mal, was ist denn los? Ich dachte, du freust dich darüber?“
„Worüber soll ich mich freuen?“, herrschte er sie an.
„Dass meine Angst weg ist. Manuel, schau doch: ich kann sie über meine Hand laufen lassen, und ich finde es bloß lustig, weil es kitzelt …“
Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie anzuschreien, wie dumm sie sei. Kapierte sie denn nicht, dass das eine Falle war? Man verlor nicht einfach seine Angst. Irgendetwas manipulierte sie, damit sie mitten in der Nacht im Hemd in die Höhle ging und diese Viecher über sich kriechen ließ. Er musste vorsichtig sein. Wie mit einer Irren. Ihre Wahnvorstellungen waren zu verlockend, sie würde daran festhalten wollen. „Das sind Mistkäfer, Liebste“, sagte er in beruhigendem Ton, während in ihm die schreckliche Vision weiterwühlte, dass etwas Fremdes in ihren Körper eindrang. In diesen Käfern, die sich unter ihre Haut fraßen. Und er sich zugleich krampfhaft versuchte klarzumachen, dass seine eigene Angst, die Angst aus dem Traum, seine Wahrnehmung verzerrte und überhaupt nichts passierte. Dass Silvia vielleicht tatsächlich ihre Angst verloren hatte, wie er es gehofft hatte. „Sie wühlen im Kot und fressen Scheiße. Findest du es nicht … unhygienisch … sie anzufassen?“
Silvia betrachtete ihre Hand und die Käfer darauf. Auswüchse, Tumore, etwas unglaublich Fremdes auf der Haut seiner Liebsten. Er schloss die Augen, um die Vorstellung abzuschütteln, dass sich die Dinger plötzlich wie auf Befehl in sie hinein fraßen. Es gelang ihm nicht – sobald er die Lider senkte, trat die Bedrohung in voller Stärke in sein Bewußtsein. Alles ringsum lauerte. Etwas war da und hockte in den Ritzen. Mit zitternder Erwartung. Hungrig. Vor seinem inneren Auge sah er, wie sich das Verhalten der Tiere veränderte. Sie torkelten nicht mehr langsam ihre Straße entlang – sie änderten ihre Richtung, krochen zielstrebig auf Silvias nackte Füße zu. Manuel riss die Augen auf, als die Panik ihn übermannen wollte. Silvia kniete im Hemd im Rachen der Höhle, in der Hand die Kerze. Sie betrachtete die Käfer, die sich an ihrer Hand festhielten. Ihre Miene war sehr ruhig.
„Du übertreibst“, sagte sie. Sie streifte die Käfer von ihrem Handrücken, sie fielen zu Boden und krochen unbeholfen durch das Laub davon. „Du benimmst dich total seltsam.“ Sie stand auf, das warme Licht der Kerzenflamme schien durch das Hemd, als wäre es nur ein durchsichtiger Schleier. Ihre Haare umspielten ihr Haupt. Ihr ernstes Gesicht und die vom Dunkel weiten Pupillen, die vollen Lippen und das finstere Maul der Höhle, das alles rührte etwas tief in Manuel an. Er dachte an eine Priesterin, Göttin, Königin. Die Welt ringsum schien den Atem anzuhalten. Selbst die Käfer hielten inne und kratzten nicht durch das dürre Laub. „Du hast mich hierher gebracht, damit ich meine Angst besiege. Die Angst vor Insekten. Vor der Dunkelheit. Vor dem Nachtwald. Ich weiß nicht warum, aber es hat funktioniert. Ich habe keine Angst mehr. Ich ekle mich nicht vor den Käfern, und wenn sie zehnmal Scheiße fressen. Die Höhle macht mir keine Furcht. Ich habe sogar Lust, hineinzugehen und mich umzuschauen.“ – „Nein!“, entfuhr es Manuel fast schon als Schrei. Die Angst schlug über ihm zusammen, der Boden schien zu wanken.
Silvia schaute ihn mit eigenartigem Ausdruck an. „Was ist mit dir los? Du warst doch selbst schon in den Höhlen.“
„Ich will nicht, das du da rein gehst!“
„Warum nicht?“
„Weil da …“ Manuel stockte. „Es ist gefährlich da drinnen.“ Er überlegte fieberhaft. „Da gibt es durchgebrochene Ebenen, Löcher im Boden, durch die man drei Stockwerke tief stürzen kann. Und man verirrt sich da drinnen. Das ist ein riesiges Labyrinth.“ Silvia schien nachdenklich. „Da funktioniert kein Handy. Wenn du dir ein Bein brichst …“
„Ich will nur mal hinein schauen und nicht gleich Höhlenforscher spielen. Hab dich doch nicht so! Und du kennst dich doch da drinnen aus.“ Sie wandte sich von ihm ab und hob die Kerze, um tiefer in die Höhlenöffnung hinein zuschauen. Manuel sah im hinteren Teil eine Öffnung, mannshoch und wie ein Tor geformt. Da dürfte kein Durchgang sein. Er war oft hier gewesen, und er konnte sich an keinen erinnern. Narrten ihn die flackernden Schatten? Hatte sich der Berg geöffnet, um sie hinein zu locken? Ihm wurde schwindlig, die Panik grub sich noch tiefer in seine Eingeweide. Er fühlte, wie etwas ihn anstarrte, versuchte, in seinen Geist einzudringen. Etwas kaltes, uraltes, unsagbar fremdes. Der Luftzug bewegte Silvias Hemd. Ein durchsichtiger Schleier, durch den ihre nackte Haut schimmerte. Ihre Haare waren eine leuchtende Wolke. Als sie sich umdrehte und ihn anlächelte, war es nicht mehr Silvia. Sein Verstand bäumte sich zum Zerreißen gespannt, es fühlte sich an, als zerrisse das Gewebe der Wirklichkeit. Eine dünne Haut, unter der sich Riesenhaftes bewegte und sie aufplatzen ließ. Und darunter, darunter … Manuel wankte. Der Wald war lebendig. Der Fels atmete. Atmete pulsierend, schaute ihn aus unzähligen Augen an. Der Boden unter ihm spürte seine Füße. Alles war ineinander verwoben, war Organismus. Er spürte das Bewusstsein darin. Uralt. Fremd. Lauernd. Und diese Frau dort, dieses wunderschöne Weib mit den grünen Augen, war Teil davon. Es blickte aus ihren Augen, es pulsierte unter ihrer Haut, wisperte in ihren Haaren.
„Komm mit mir“, sagte es. Das Lächeln lockte, die Augen waren ein Sog. Er spürte, wie Verlangen in ihn strömte und sein Begehren über ihren Körper strich, nackt unter dem Schleier des Hemdes. Und zugleich erfüllte ihn Entsetzen. Die Gefühle schienen von außen in ihn einzudringen. Ihr Blick wanderte an ihm herunter. Er trug nur seine Shorts, sie sah seine Erregung und ihr Lächeln wurde lüstern. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich will dich auch!“, hauchte sie mit dunkler Stimme. Manuel erstarrte. Silvia knöpfte ihr Hemd auf. Ihre Hand glitt über Brüste, Bauch und Beine. „Ich will dich so sehr.“ Etwas in Manuel machte einen weiteren Ruck, er konnte es spüren. Die Haut der Wirklichkeit rutschte in schleimigen Fetzen von dem Unfassbaren herunter, das darunter lag. Er stolperte zwei Schritte von ihr zurück. In Silvias Augen glomm Ärger und Enttäuschung auf. Nicht der Ärger und Enttäuschung einer Frau, die zurückgewiesen wird, sondern vor etwas unheimlich Fremdem. Ihr Bild schien zu wabern. Eine Projektion, durchfuhr es Manuel, ein Trugbild. Das war nicht Silvia, das war das Etwas, das ihn umschlingen und verzehren wollte. Mit Entsetzen und seltsamer Erregung sah er, wie das Weib sich zu winden begann. Es wiegte sich in den Hüften, fuhr mit den Händen über den Leib, stöhnte und leckte sich die Lippen. Es ließ sich zu Boden gleiten, wand sich im toten Laub, bäumte sich auf der nassen, schlammigen Erde zwischen den Käfern. Es spreizte die Schenkel, hob Manuel den Schoss entgegen, griff sich zwischen die Beine. „Nimm mich!“, keuchte es mit fremder, kehliger Stimme. „Nimm mich hier!“
Manuel stolperte zurück, starrte Silvia an. Von ihren Augen war nur noch das Weiße zu sehen, ihr Körper wand sich im Schlamm, ihre Finger krallten und glitten zwischen ihren Schenkeln, ihr Atem war spitz-kehliges Stöhnen, ihre Haut schlammverschmiert. Manuel sah einen Käfer, der auf ihrem zuckenden Bauch herum kroch. Nein, nicht einen. Überall krochen die Tiere auf ihrer Haut. Kletterten ihre Seiten hoch, wühlten sich durch ihr Haar, wanderten die Schultern hinauf. Von allen Seiten kamen sie, magisch angezogen. Erklommen mit ihren langsamen, torkelnden Bewegungen Silvias Körper. Saßen auf den Brüsten, auf dem Bauch, den Wangen.
Manuel schrie auf, als ein Käfer in ihren Mund kroch. Schrie noch lauter, als ein weiterer sich in ihren Bauchnabel senkte und verschwand. Sein Verstand wollte aussetzen, während er gelähmt dastand und zuschauen musste, wie die Viecher sich in Silvias Haut bohrten, in Mund und Nasenlöcher krochen – und Silvia vor Lust keuchte und bei jedem Käfer einen wollüstigen Seufzer ausstieß. Sie lag in einem blau schillernden Bett aus sich bewegenden Insekten, suhlte sich in ihnen, spannte den Rücken, um ihre Scham in die Käferflut zu pressen, spreizte ihre Schenkel zum Zerbrechen …
Manuel fühlte einen Schlag ins Gesicht. Und noch einen. Jemand schrie seinen Namen. Wieder ruckte es in seinem Geist. Die Welt kippte, er fiel in einen schwarzen Schlund aus Schwindel und Übelkeit. Immer wieder hörte er, wie man seinen Namen rief. Er öffnete die Augen. Silvias Gesicht schaute voller Sorge. „Was ist los mit dir?“ Manuel stammelte irgendetwas, ohne zu wissen, was. Er starrte sie an. Ihr Hemd war geschlossen, ihre Haut sauber. Keine Wunden, wo Käfer sich in ihr Fleisch gefressen hatten. Im Laub krochen die Insekten unbeirrt ihrem Ziel entgegen. „Du bist ohnmächtig geworden. Hast wie im Alptraum gezuckt und wie am Spiess geschrien“, sagte Silvia. Ihre Hand legte sich auf seine Wange. Bilder kochten bei der Berührung in Manuel hoch. Er kroch mehrere Schritte von ihr weg. „Fass mich nicht an!“, keuchte er.
„Was?“
Manuel starrte sie an. „Ich weiss nicht, wer du bist! Ich weiß nicht, was du bist!“, stieß er hervor.
„Manuel, was …“
„Was geht hier vor? Was willst du?“
Silvia schaute ihn an, schaute ihn einfach nur an. Die Kerze flackerte in einem Windhauch, für einen Moment lag Silvias Gesicht im Schatten. Manuel sah schwarz glänzende Insektenaugen zwischen ihren Lidern und unter Ihrer Haut bewegte es sich. „Du Scheusal!“, schrie er. „Geh weg! Lass mich in Ruhe!“
Als die Kerzenflamme wieder ruhig brannte, beschien sie ein Gesicht, das zutiefst verletzt war und traurig. Angst und Sorge spiegelten sich in grünen Augen. Langsam stand Silvia auf, drehte sich um und ging auf die Öffnung im hinteren Teil der Höhle zu. Sie ging hinein, der flackernde Schein erhellte einen sauber aus dem Stein gehauenen Tunnel. Der Schein wanderte mit der jungen Frau. Immer tiefer in den Berg. Eine Biegung, und sie war dem Blick entschwunden. Der Schein wurde schnell schwächer und erlosch mit einem letzten Zucken.
Manuel lag im nassen Laub und starrte auf die Öffnung. Er bewegte sich nicht, zitterte nur am ganzen Körper. Als der letzte Widerschein verschwunden war, kam ein dunkles, verzweifeltes Gefühl über ihn. Und mit dem Gefühl so etwas wie Klarheit. Vernunft sickerte in seinen Geist und schwemmte die seltsamen Bilder fort. Die Stimme, die er über Jahre in sich herangezüchtet hatte, meldete sich zu Wort und fragte ihn, was hier geschehen war. Er kannte den Unterton in der Stimme, der ihm deutlich signalisierte, dass er wieder einmal Opfer seiner irrationalen Ängste geworden war. Ihm wurde klar, dass er sich völlig kindisch benahm. Er verstand, dass er – warum auch immer – halluziniert hatte. Ein mulmiges Gefühl in seinem Bauch begehrte gegen die Stimme auf und wollte die Frage stellen, wer oder was ihm die Bilder in den Kopf gepflanzt hatte, aber die Stimme drängte es zurück. Ihre Argumente waren klar und präzise, ihre Version des Geschehens realistisch. Nichts weiter war geschehen. Silvia hatte auf die Desensibilisierung wunderbar angesprochen und ihre Angst überwunden. Ihre innere Befreiung hatte auch ihre Leidenschaft befreit. Und er kam nicht auf die angstfreie Silvia klar, auf Willensstärke und ungehemmte Lust, auf Selbstsicherheit. Er beruhigte sich. Auch wenn er verunsichert war, wie dünn die Haut der Ratio über dem brodelnden Kessel seiner Ängste war. Langsam stand er auf. Was er auch immer halluziniert haben sollte – die Öffnung im hinteren Teil der Höhle war keine Einbildung. Der Mond gab spärlich, aber genügend Licht. Kein Zweifel, an der Wand öffnete sich ein Gang. Er war künstlich angelegt wie das ganze Höhlensystem unter dem Petersberg. Er war nie wirklich in dieser Höhle hier gewesen, erinnerte er sich. Nur in der anderen Großen weiter vorn, wo sie früher durch die Lüftungsschächte gekrochen waren. Das bleiche Mondlicht reichte nicht in den Gang hinein, aber die Öffnung konnte er deutlich sehen. Eine Tür aus verrostetem Stahl stand offen, ihre Vorderseite war mit Tafeln aus Stein bedeckt, so geschickt, dass kein Unterschied zur Felswand bestehen würde, wenn sie geschlossen war. Vielleicht ein getarnter Zugang aus der Zeit, als hier die Fabrik und die Bunkeranlage betrieben wurde? Hatte ein besonders Eifriger sie dann doch entdeckt nach all den Jahren und sie aufgebrochen? Oder waren die Riegel von selbst verrostetet zu Krümeln zerfallen? Auf jeden Fall hatte kein Geist die Flanke des Berges geöffnet, um Opfer hinein zu locken, sagte die Stimme in seinem Kopf. Aus der Öffnung wehte stetig der eiskalte Wind und griff nach der Angst in seinen Eingeweiden. „Scheiße nochmal!“, stöhnte er. Er hatte seinen Entschluss gefasst. Mit schnellen Schritten eilte er zum Zelt zurück, zog sich an und holte Kerzen auf dem Seesack. Wenig später stand er wieder vor der Öffnung im Felsen und zündete eine Kerze an. Zwei Schritte machte er auf den Gang zu, der eisige Wind wehte ihm ins Gesicht. Sein Magen knotete sich zusammen, er spürte, wie seine Haare sich im Nacken aufrichteten. Er konnte keinen einzigen Schritt mehr tun, die Angst lähmte ihn. Manuel fluchte, lief vor dem Höhleneingang auf und ab, sprach laut mit sich selbst. Das war nur eine dämliche Höhle, eine Höhle, in der er schon ein Dutzend Mal gewesen war, und die erdrückende Angst war nichts als irrationale Regression. Es half nichts – sobald er am Eingang stand, konnte er nicht weiter gehen, sein Herz hämmerte, er konnte kaum atmen und Bilder drängten sich in ihm hoch, die ihn vor Entsetzen schwindeln ließen – die gigantische Müllerinnen-Spinne, die lauernd an der Decke des Ganges auf ihn wartete, war noch das Harmloseste.
Er musste eine halbe Stunde laut mit sich selber diskutierend im Höhlenmaul herum gehetzt sein, als ihn eine Stimme anrief. Er erschrak und fuhr herum. Auf einem der riesigen Felsenquader saß eine Gestalt. „Was haben wir denn da? Eine gute Nacht wünschen wir ihm!“, krächzte sie. Manuel fragte sich, ob er wieder halluzinierte: der Mann war in Felle und abgerissene Stoffreste gehüllt, sein Bart reichte ihm bis auf die Brust. Die Füße waren nackt und schwarz von Erde. Und das Gesicht, zerfurcht mit brennenden Augen, hätte einem fanatischen Wanderprediger alle Ehre gemacht. Haar und Bart waren grau mit weißen Strähnen, um den Hals trug er unzählige Lederriemen mit Beuteln daran und Amuletten aus Kristallen, Holz und Zähnen. „Ist ihm die Zunge im Hals verfault? Oder warum grüßt er uns nicht?“

Zeichnung von Alexander Lebedev.

Zeichnung von Alexander Lebedev.

Manuel räusperte sich und brachte ein „Hallo“ zustande. Die Gestalt sprang mit fliegendem Bart vom Stein. In der Rechten hielt er einen Stab, verdreht und mit Federn behangen. Sie hüpfte auf Manuel zu, der erschrocken zurückwich. „Er riecht nach Angst und Verzweiflung!“, stellte sie mit vorgerecktem Kopf fest. Sie umrundete Manuel, beäugte ihn von allen Seiten. „Was hüpft er hier herum wie ein aufgescheuchtes Huhn und lamentiert laut in der Nacht?“ Der seltsame Kauz war mit schief gelegtem Kopf vor Manuel stehen geblieben. „Na?“
„Meine Freundin ist da rein gegangen. Ich habe Angst um sie“, stammelte Manuel.
Der Kauz stieß ein jammervolles Geräusch aus, einen lang gezogenen Klagelaut. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und begann, wild herum zu hüpfen. „Unheil!“, rief er aus, als er wieder vor Manuel zu stehen kann. Das Echo hallte durch den Wald. „Unheil!“
So verrückt und durchgeknallt der Mensch auch war, Manuel krampfte sich alles vor Angst zusammen. „Was meinen Sie?“, fragte er mit zitternder Stimme.
„Der Geist!“, stieß der Sonderling hervor. „Der Geist hat sich eine neue Braut geholt!“ Er hockte sich auf den Felsquader und brabbelte Unverständliches vor sich hin. Er kramte in einem der unzähligen Beutel, die um seinen Hals hingen, förderte kleine, weiße Knöchelchen hervor und schüttelte sie in der hohlen Hand. Mit einem Klappern warf er sie vor sich auf den Stein und starrte in wirre Muster. „Der Geistermond ist voll. Der Berg sperrt seinen Rachen auf. Drei mal sieben Jahre…“
Der Kloß in Manuels Hals drückte ihm die Luft ab. Der Verrückte auf seinem Felsquader murmelte in den Bart und starrte auf seine Knöchelchen. Schließlich hob er den Kopf. „Höre er!“, sagte er mit beschwörender Stimme. „Vor drei mal sieben Jahren raubte uns der Geist unser Mädchen. Seitdem hausen wir hier und warten und beobachten. Wir kennen ihn. Wir wissen um alles!“
Manuel schauderte. Es waren keine irrationalen Ängste! Die Haut der Wirklichkeit bekam wieder Risse. „Wie ist es geschehen?“ fragte er mit tonloser Stimme.
„Wir kamen mit unserem Mädchen vor dreimal sieben Jahren. Sie hatte Ängste, und wir wollten sie heilen …“ Der Kauz gab ein erschreckend irres Lachen von sich, das gar nicht lustig klang. „… für einen Psychologen hielten wir uns – keine Ahnung hatten wir! In der Nacht nahm es Besitz von ihr. Verwandelte sie. Es kroch in sie hinein, lockte sie zu sich. In den Berg. Wir standen wie er vor dem Eingang. Der Geist ließ uns nicht hinein, lähmte uns mit schrecklichen Visionen.“
Manuel sah den Kauz jetzt mit anderen Augen. Mitleid regte sich in ihm. „Und seit dem …“
„… sind wir hier. Nähren uns von Wurzeln, kleiden uns in Felle. Wir sind der Wächter. Wir warteten, dass die Höhle sich wieder öffne.“ Er streckte die Hände gegen den Mond. „Und sie öffnete sich.“
Manuel schwankte: entweder dieser Mensch war völlig irre, oder wusste mehr als andere. Aber es war sich gleich: Manuel sah sich genauso wie diesen Ex-Psychologen hier im Wald hausen, wenn er nicht Silvia hinterher ging. Wenn es einen Geist gab, musste er irgendwie kämpfen. Und wenn es ihn nicht gab, Silvia finden und sich bei ihr entschuldigen. So oder so musste er in die Höhle, wollte er sich selbst noch in die Augen schauen können. „Ich geh hinein!“, sagte er mit leiser, aber fester Stimme.
Der Kauz starrte ihn an, dann sprang er in Kreisen herum wie ein seltsamer Vogel. „Er geht hinein!“, rief der und schüttelte seinen Stab. Er rasselte und klapperte von all den Dingen, die daran hingen. „Er geht hinein!“ Plötzlich blieb er stehen und zog sich ein Amulett nach dem anderen über den Kopf, um sie Manuel umzuhängen. Er raunte und brabbelte, Segensprüche vielleicht, Gebete, Zauberformeln. „Eile er sich! Es bleibt nur wenig Zeit! Und höre er das Ritual, mit dem er den Geist bannen kann!“ Der Kauz erklärte und führte vor. Ein Irrsinn aus Sprüngen und in den Boden geritzten Zeichen, aus Formeln und Rufen. Trotzdem saugte etwas in Manuel alles begierig auf. Es waren die einzigen Waffen gegen das, was ihn da drinnen erwartete. Und wenn es auch nur seine eigene Angst war. Zum Schluss reichte der Kauz ihm ein kopfgroßes Garnknäul. „Damit er wieder zurückfinde!“ Er schob und zerrte Manuel bis vor den Eingang. Eisiger Wind schlug ihnen entgegen. „Glück auf seinen Wegen! Wappne er sich gegen das Böse! Wir erwarten ihn hier drei Tage lang!“
Manuel stand, die Kerze in der Hand, sein Blick starrte in den Gang. Der Windhauch roch modrig wie fauliger Atem. Er fühlte sich für einen Moment wie damals als Kind, als er auf dem Fünfmeterbrett im Schwimmbad stand. Auch da war er wie gelähmt gewesen. Und war er nicht später Felsenklippen hinunter gesprungen wie heute Nachmittag? Er schloss die Augen und machte einen Schritt nach vorn. Und noch einen. Und noch einen. Der Eiswind schmerzte auf seinen Wangen. Als er die Augen öffnete, stand er im Gang. Sein Herz schlug laut, aber die Angst war erträglich. Er wandte sich um. Das Licht der flackernden Kerze erhellte den Felsengang nur in seiner unmittelbaren Nähe, dahinter versank alles in undurchdringlichem Schwarz. Die Öffnung war ein silbriges Leuchten mit dem Schattenriss des Kauzes, Haare und struppiger Bart glühten im Mondlicht. „Der Geist wird ihn aufhalten wollen mit dunklen Visionen!“, hörte er ihn rufen. Die Stimme hallte im engen Gang. Aus der Tiefe des Berges antwortete ein vielfaches Echo aus gurgelnden Schreien. „Stärke er seinen Geist!“
Manuel nickte ihm zu, schützte die Flamme der Kerze mit der Hand und schritt in den Berg hinein.



[Norman Liebold, 29.10.2011
SchmökerEcke
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Die Höhle – aus dem 1. Kapitel “Steinbruch”

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter SchmökerEcke

Cover 'Die Höhle' Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.

Copyright by Norman Liebold, 2011.

Links zum Buch:


Kapiteleingangsornament "Steinbruch" - Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Kapiteleingangsornament "Steinbruch" – Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Rückblickend würde Manuel sagen, dass es im Steinbruch begann. Als er mit aufgeschrammten Rippen an der Klippe hing und sich mit rasendem Herzen und keuchendem Atem in die Wurzeln des Holunderbusches krallte. In jenem Augenblick, als die Basaltsäule aus der Felswand kippte, um mit Getöse in den See zu stürzen. Während er an einer Hand über dem Wasser sieben Meter unter ihm hing und zuschaute, wie die Steinsäule in die Tiefe sank, brach irgendetwas in ihm auf. Vielleicht, weil er sich selbst in diesem Moment sah: unter dem Felsen, der ihn hinab in die kalten Fluten riss. Er erlebte, wie er verzweifelt versuchte, sich unter ihm hervorzuwinden. Der Quecksilber-Spiegel der Wasseroberfläche schwebte immer schneller von ihm fort. Ringsum kroch die Dunkelheit heran: zuerst tiefblau, dann schwarz. Ihm ging der Atem aus und seltsame Bilder krochen aus seinem Unterbewusstsein. Schleimig-kalte Tentakel, die nach ihm griffen, große, schlangenartige Körper, die in der Tiefe an ihm vorbei zogen.
Aber er war nicht von der Basaltsäule mitgerissen worden. Er hatte sich nach vorn geworfen und die Wurzel des Hollerbusches zu fassen bekommen. Und auch wenn er mit den Rippen über die scharfen Kanten des Basalts gerutscht war, mehr als ein paar unangenehme Schrammen würde er kaum davon tragen. Er atmete tief durch und suchte mit den Zehen Halt. Seine Linke tastete nach einer Kante. Langsam, unter Stöhnen, zog er sich hoch. Als er den Sims erreicht hatte, rollte er sich auf den Rücken und atmete tief durch. Über ihm ragte die Wand aus regelmäßigen, achteckigen Säulen weitere zwanzig Meter auf, gekrönt von Buchen und Birken. Das Laub begann sich bereits zu verfärben, es war Ende September. Der Himmel glänzte in jenem gläsern-blassen Blau, das Manuel so am Herbst liebte.
Er wälzte sich auf die Seite.
Unter ihm streckte sich der kleine See; das Wasser war, wo die Herbstsonne hinein schien, von einer hellen türkisenen Farbe, im Schatten unter der Felswand von sattem Blau. Auf der anderen Seite, im hellen Sonnenlicht, ragte ein verwitterter Steg in das Türkis. Auf ihm saß Silvia, seine Liebste. Er sah ihre Haut hell zu ihm herüber glänzen und dachte daran, dass ihre Augen von derselben türkisgrünen Farbe waren wie das Wasser des Steinbruchs. Die Wut in seinem Bauch war verflogen und er sehnte sich in diesem Augenblick nur noch danach, bei ihr auf dem Steg zu liegen und seinen Kopf an ihrer Brust zu bergen. Die dunklen Bilder aus der Tiefe des Sees waren noch ihm; die Furcht saß in seiner Magengrube, und so irrational sie auch sein mochte und so sehr er auch wusste, dass sie grundlos war – es änderte nichts daran, dass sie von innen her nach seinem Herzen griff. Er stand auf und befühlte seine Rippen. Die scharfen Kanten des Basalts hatten drei große Schrammen hinterlassen, die sich wie von einer riesigen Pranke geschlagen über seine Seite zogen. Sie bluteten nur an einigen Stellen ganz leicht. Oberflächliche Aufschürfungen, mehr nicht.
Trotzdem war die ganze Aktion sowohl dämlich als auch albern gewesen: wie ein Besessener war er über den See geschwommen; nicht gemütlich, sondern die knapp einhunderfünfzig Meter mit wirbelnden Armen kraulend. Aus Wut, oder vielmehr, um die Wut loszuwerden. Und warum? Weil Silvia nicht ins Wasser wollte. Er betrachtete die Situation in der Erinnerung und verstand sich selbst nicht mehr so richtig. Er hatte ihr diesen versteckten See zeigen wollen, den er selbst durch Zufall entdeckt hatte. Ein Kleinod, ein türkisener Edelstein; eingefasst in dunkelgraue, von Moos überzogene Basaltwände, die senkrecht in das kristallklare Wasser hinab fielen. Einer dieser Orte, die nur märchenhaft genannt werden konnten: die unglaubliche Farbe des Wassers; die regelmäßigen, riesigen Säulen, die wirkten wie gigantische Kristalle. Silvia liebte solche Orte, und er hatte sich gefreut, als sie von ihrer sonst so schamhaften Art abgekommen war und sich mit ihm nackt auf den Steg in die Sonne gelegt hatte. Er schmeckte noch ihre Küsse, die leidenschaftlicher und tiefer waren an diesem verwunschenen Ort. Er hatte das Gefühl gehabt, lebendiger als sonst zu sein; die Wellen glitzerten, die Sonne und die Hände Silvias liebkosten seine Haut und ihm war die Lust gekommen, in diesen türkisenen Wassern zu schwimmen. Ihm war klar gewesen, dass die paar sonnigen Tage den Steinbruch höchstens oberflächlich aufgewärmt haben würden – aber es war ihm egal, als er sich kopfüber vom Steg hinein hechtete. Und, trotzdem empfindlich kalt, war es wunderbar. Ein wenig verrückt, aber genau darum nach Freiheit und Lebenslust schmeckend. „Komm rein!“, hatte er Silvia zugerufen.
Sie hatte auf dem Steg gesessen und irgendwie erschrocken ausgesehen, mit angezogenen Knien und darum geschlungenen Armen. In ihren türkisgrünen Augen war jene dunkle Tiefe, die ihn oft genug irritierte. „Nein“, hatte sie gesagt und damit das verrückt-frohe der Situation zerbrochen. „Ich habe Angst.“
„Wovor denn? Das Wasser ist gar nicht so kalt.“ Er hatte sich rücklings treiben lassen, und hier oben war das Wasser von den frühherbstlichen Sonnenstrahlen angenehm aufgeheizt. Sie hatte geschwiegen, und dann, sehr leise, gesagt: „Ich weiß nicht recht. Der See macht mir irgendwie ein komisches Gefühl. Er ist so tief …“
Das war der Auslöser. In ihm machte sich etwas breit, dass alles mögliche an Gefühlen vermischte. Genervtheit vor allem, dass sie schon wieder mit ihren irrationalen Ängsten einen wildromantischen Moment zerstörte, der so schön hätte sein können. Was konnte es schöneres geben, als nackt im Herbst im türkisenen Wasser eines verzauberten Sees zu schwimmen? Enttäuschung, dass ihm dieses Erlebnis kaputt gemacht wurde, und – das konnte er jetzt vor sich selbst zugeben, mit zerschrammter Brust im Schatten unter der Felswand – weil sie damit etwas in ihm anrührte, vor dem er selbst Angst hatte. Der See war sehr tief. Er wusste selbst nicht, wie tief. Bei seinen Versuchen, bis zum Grund hinab zu tauchen, war ihm immer die Luft ausgegangen, ehe er den Boden auch nur sehen konnte – und er war ein sehr guter Taucher. Und manchmal, wenn er hier schwamm, wurde ihm unheimlich zumute, besonders, wenn ihn eine der kalten Strömungen traf. Er vermutete, dass es an der großen Tiefe lag und daran, dass der See immer zum Teil im Sonnenlicht und zum Teil im Schatten der Felswände lag. Jedenfalls gab es Ströme von kaltem Wasser, die einen unvermittelt trafen und erschrecken ließen. Die plötzlich Furcht weckten, dass etwas Riesenhaftes vorbei getaucht war. Etwas, das man nicht sehen konnte unter sich – von grotesken Formen und spitzen Zähnen oder mit langen, kaltschleimigen Fangarmen.
Das ging vielen so, das wusste Manuel. Vielleicht war das einer der Gründe, warum er sein Psychologie-Studium begonnen hatte. Die Ängste, wenn er in einem tiefen See schwamm; vor einer dunklen Höhle oder nachts mitten im Wald. Es hatte etwas mit Kontrolle zu tun. Genauer: mit Kontrollverlust. Man wusste nicht, was unter einem war, man konnte es nicht sehen mit dem Kopf über der spiegelnden Wasseroberfläche. Genauso, wie das Auge die Finsternis nicht durchdringen kann nachts im Wald oder in der Tiefe einer Höhle. Was der Augenmensch nicht sehen kann, entzieht sich seiner Kontrolle. Alles lauert dort, jede Inkarnation sämtlicher Ängste, die man je ausgestanden hat. Sie kommt mit geiferndem Maul herangeschlichen, aus der Tiefe von See oder Höhle emporgetaucht – und man weiß es noch nicht einmal, kann weder davonlaufen oder wegschwimmen, noch sich zur Verteidigung rüsten – ausgeliefert sein, eine Kontrolle über die Situation. Ein Spalt für das Unbewusste, das Verdrängte, Verschobene. Projektionsflächen. Genau wie alles Fremdartige – zu andersartig, als dass man es verstehen könnte, seine nächste Reaktion voraussehen. Wie Insekten in ihrer unübertroffenen Andersartigkeit. Oder Spinnen.
Man konnte den irrationalen Ängsten und Projektionen nachgeben. Bis sie unüberwindbare Phobien wurden. Oder sich ihnen stellen. Hindurchgehen. Immer wieder. Bis man gelernt hat, dass da keine Riesenkraken im Steinbruchsee des Siebengebirges lauern und, während man schwimmt, ihre Tentakeln tastend nach einem ausstrecken. Dass kein Ungeheuer aus der Höhle hervor gesprungen kommt, einen zu verschlingen, und kein wildes Raubtier hinter dem Baum in der Nacht. Die Angst blieb. Nicht mehr drängend, aber als Druck in den Eingeweiden, als mulmiges Gefühl. Aber sie beherrschte einen nicht mehr so sehr. Und jedes Mal weniger.
Silvia hingegen schaffte es, sie wieder in sein Bewusstsein treten zu lassen. Ihre Angst brachte längst beherrschte Ängste in ihm wieder zum Schwingen. Manuel war zu erfahren darin, sich selbst zu reflektieren, als dass er ihr die Schuld dafür gab.
Aber etwas in ihm war ihr dennoch böse darum. Und weil er seine eigene Angst nicht zugeben wollte, verkleidete sich das Gefühl in Genervtheit.
Wie er auf dem Felsensims stand und über das Wasser zu ihr hinüber schaute, wurde ihm mehr als jemals zuvor bewusst, dass er ihr helfen konnte und helfen musste. Und er war sich sogar klar darüber, dass er das nicht zuletzt seiner selbst Willen wollte. Soviel Ehrlichkeit musste sein.
Sein Blick streifte über den etwa zwei Meter breiten Absatz in der Felswand. Früher mochte hier ein Weg gewesen sein, auf dem die Arbeiter die gebrochenen Basaltsäulen abtransportiert hatten. Jetzt war er mit Gras bewachsen, kleinen Bäumen und Büschen. An der Abbruchkante wuchs eine Wegwarte, ihre Blüten waren so blau wie der herbstliche Himmel. Halb aus Versöhnungswillen, halb aus einem plötzlich unbändig in ihm aufkeimenden romantischen Gefühl heraus, ging er hin und pflückte eine besonders schöne Blüte. Ein Lächeln sprang ihm ins Gesicht. Er war über den See geschwommen, trotz der Monstren, war unter Lebensgefahr die Felswand hinauf geklettert, fast unter tonnenschwerem Fels begraben worden, und das alles, um seiner Liebsten die Blaue Blume aus dem Reich des Schattens zu holen. Er fand es selbst romantisch, umschloss die Wegwarte fest mit den Fingern und trat an den Felsabbruch, um hinunter ins Wasser zu springen und zurück zu schwimmen.
Als er hinunter schaute, kroch ihm die Angst erneut in die Eingeweide. Der Fels unter ihm fiel fast senkrecht sieben Meter auf das dunkle Wasser hinab, spitze Vorsprünge ragten hervor und weckten Bilder, wie er beim Absprung abrutschte, fiele und auf sie aufschlüge, um mit zerschmetterter Stirn und Blauer Blume in die Tiefe zu sinken. Die sieben Meter wirkten von hier oben wie zwanzig. Und auch wenn er sie zu unterdrücken versuchte, von tief drinnen kamen schemenhafte Bilder von seltsamen, riesigen Wesen, die da unten ihre Tentakel und Kiefer streckten. Er schloss kurz die Augen, erklärte sich selbst, wie albern seine Ängste wären, hielt sich vor, dass er schon häufiger von dieser Stelle in den See gesprungen war und spürte, wie sein Herz rasend gegen die Rippen klopfte und sein Atem schnell und flach ging. Dann, mit einem inneren Schrei, sprang er. Panik kochte in ihm hoch, während er fiel. Die Wasseroberfläche raste näher, und die grauenhaften Bilder überfluteten alles. Unbeschreibliche Angst vor dem Aufschlagen und Untertauchen dehnte die Zeit; ihm war, als hinge er für Minuten in der Schwebe. Dann traf das Wasser seiner Füße wie ein harter Schlag mit einem Brett. Die Kälte nahm ihm den Atem und für einen Moment glaubte er, sein Herz würde einfach aussetzen. Wild begann er nach oben zu rudern und sein Kopf durchbrach nach gefühlter Ewigkeit die Oberfläche. Er spürte den Stängel der Kornblume in seiner Hand, sah die glitzernde Fläche des Sees und den herbstblauen Himmel darüber, und ein Lachen brach aus ihm hervor. Er lachte seine Angst aus, denn er war lebendig und auf der anderen Seite wartete seine Liebste auf ihn. Er zwang sich, gleichmäßig und ruhig zu schwimmen. Aber jedes Mal, wenn eine der eigenartigen kalten Strömungen ihn traf, begann sein Herz zu rasen. Bilder überfielen ihn von Dingen, die unter ihm schwammen und jeden Moment zupacken würden. Als er am Steg ankam, setzte er ein fröhliches Gesicht auf, aber in seinem Inneren herrschte immer noch die irrationale Angst, dass im letzten Moment ein baumstarker, glitschiger Tentakel sich um seine Beine wickeln und ihn in die Tiefe zerren würde.
Seine Liebste saß mit angezogenen Knien und darum geschlungenen Armen auf dem Steg und starrte ins Glitzern des Sees. Sie drehte sich nicht zu ihm um, als er geräuschvoll auf den Steg kletterte. Die Erleichterung, auf dem Trockenen und der Angst im Wasser entronnen zu sein, machte Enttäuschung Platz. Er hatte es sich so schön vorgestellt, wie er mit Kornblume aus dem Wasser steigt und seiner Wunden auf den Rippen nicht achtend seinem Schatz die Blaue Blume reicht. Er hatte sich ihr Lächeln ausgemalt, das freudige Glitzern ihre grün-türkisenen Augen, die Umarmungen, den Kuss. Nicht wegen der Blume, aber weil sie die Geste erkannte, sah, dass er nicht mehr böse war und sich genauso wie er wünschte, dass alles wieder in Ordnung wäre.
Er griff sich sein Handtuch und rieb sich trocken. Sie saß weiter und starrte auf das Wasser hinaus. Kein Entgegenkommen. Wie immer. Wieder musste er nachgeben, und er war es so leid, dass sie ihn auf diese Weise zwang, zu Kreuze zu kriechen.
„Hab dir was mitgebracht von drüben“, sagte er mit beiläufigem Tonfall, als er hinter sie trat. Er ließ die Kornblume auf ihre Knie fallen. Silvia fing sie nicht auf, und sie rollte über ihren Arm, fiel auf die Kante des Stegs und schwankte einen Moment wie ein Waagbalken, ehe sie kippte und im Wasser landete. Silvia hatte sich die ganze Zeit nicht bewegt, und sie machte keine Anstalten, sein Geschenk aus dem See zu fischen. Ohne dass er sagen konnte, warum, fühlte er eine unendliche Verletzung. Die Blume wurde zum Sinnbild. Zum Sinnbild für seine Liebe, für alle seine Bemühungen, die genauso an ihr abglitten wie die fallende Blume. Wie viele Stunden hatte er verständnisvoll mit ihr geredet, sie im Arm gehalten, wenn sie wieder einmal hemmungslos weinte, von irgendwelchen Erinnerungen oder absurden Ängsten geschüttelt wurde oder schlicht an sich selbst verzweifelte.

Silvia. Alexander Lebedev, Grafit auf Papier 2011.

Silvia. Alexander Lebedev, Grafit auf Papier 2011.

„Es reicht! Mir reichts wirklich, Silvia!“, rief er lauter, als er gewollt hatte. Sie drehte sich langsam um. In ihren Augen schwamm eine tiefe Traurigkeit. Und auch ihre Stimme klang traurig. Traurig und ruhig. „Was reicht dir, Manuel?“, fragte sie.
Für einen Moment war er sprachlos und ihm wurde bewusst, wie lächerlich das Ganze war: Seine Wut darüber, dass sie nicht Ende September in einem kalten Steinbruch baden wollte; sein wildes Schwimmen; das gefährliche Hochklettern an der Steilwand; das Hinunterspringen in ein unbekanntes Gewässer aus sieben Metern Höhe und seine Reaktion darauf, dass die Kornblume ins Wasser gefallen war. Vielleicht war es Trotz, vielleicht Wut über sich selbst, vielleicht der Wille, einfach Recht zu behalten. Oder er fühlte sich bloßgestellt in seiner offensichtlich unangemessenen Reaktion. Jedenfalls quoll ihm im nächsten Augenblick alles mögliche über die Lippen: „Alles reicht mir, Sylvia! Deine Launen, deine absurden Ängste, dein Herumtrotzen. Mir reicht es, dass du immer schöne Momente kaputt machen musst! Ständig diskutieren wir über irgendwelche sinnlose Scheiße, du liegst stundenlang bei schönstem Wetter im Bett herum und suhlst dich in Selbstmitleid. Machst mir ständig Vorwürfe! Am laufenden Band machst du mir Vorwürfe!“ Silvia schwieg. Sie sah ihn nur traurig an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Und jetzt fang nicht wieder mit Heulen an! Ständig drückst du Tränen raus, wenn ich die Wahrheit sage! Das nennt man emotionale Erpressung, weißt du das? Du fängst an zu flennen, wenn es unbequem für dich wird, ich fühl’ mich scheiße und komm’ angekrochen und mache dir alles recht, nur damit du aufhörst mit weinen.“
Silvia sagte immer noch nichts, schaute einfach, und die Tränen rannen über ihre Wangen. Manuel fühlte eine seltsame Zwiegespaltenheit. Auf der einen Seite tat es ihm weh, sie weinen zu sehen. Er fühlte sich mies, dass er sie zum Weinen gebracht hatte, und er sah sich selbst, wie er immer weiter auf sie einredete und verbal regelrecht auf sie einschlug. Er wollte aufhören, die Zeit zurück drehen und anstatt wild über den See zu schwimmen aus dem Wasser klettern, um sie in den Arm zu nehmen. Auf der anderen Seite kamen all die Situationen der letzten Wochen in ihm hoch, all die Momente, wo ein schöner Tag, ein Besuch bei Freunden, ein Ausflug in Tränen und Streit und Schweigen geendet hatten, nur weil irgendetwas Nebensächliches dazwischen gekommen war. Eine dumme kleine Spinne, die Silvias Weg unverzeihlicher Weise gekreuzt hatte; etwas, das sie an irgend eine schlechte Sache aus der Vergangenheit erinnert hatte; ein nicht ganz geschickt gewähltes Wort. Oder eine seltsame Stimmung an irgend einem vielleicht etwas eigenartigen Ort. Wie hier im Steinbruch. „Guck dir doch an, wie das heute gelaufen ist! Es ist ein wunderschöner Tag, die Sonne scheint, und dieser Ort ist ein Traum. Wir sitzen nackt auf dem Steg, wir könnten uns küssen, zusammen schwimmen, Liebe machen – aber nein – du hockst da wie zehn Tage Regenwetter und starrst vor dich hin, keine Ahnung warum!“
„Manuel“, sagte Silvia leise. Ihre Wangen waren nass von Tränen, ihre Stimme klang verschluckt. „Bitte hör auf! Komm einfach her und nimm mich in den Arm!“
Manuels Zwiespalt brach erneut auf und schmerzte wie ein Riss in der Seele. Ihm war Galle im Herzen, und er konnte noch nicht einmal sagen, woher sie kam. Sie schmeckte nach Verbitterung, und der Analytiker in ihm wollte darauf hinweisen, dass es seine eigene Angst war, die sich hier Luft machte. Dass er ihr vorwarf, was er selbst in sich spürte. Die Angst und all die kleinen Enttäuschungen der letzten Monate. Er spürte, dass sie es ernst meinte in diesem Moment. Dass sie einfach nur in den Arm genommen werden wollte. Ohne Worte. Ohne weitere Vorwürfe und Diskussionen. Um seine Nähe zu spüren, die tiefen, feinen Verbundenheiten, die ihn und sie mehr miteinander verbanden und verstrickten, als er es je zuvor erlebt und gefühlt hatte. Sie hatten auf eigenartige Weise die Rollen gewechselt. Sonst war er es gewesen, der Vorwürfe still auf sich einregnen ließ und mit sanften, bestimmten Worten antwortete. Sonst schäumte und tobte sie, drehte sich mit ihren Gedanken im Kreis, schraubte sich in verzweifelte Ausweglosigkeiten und bohrte sich in Schmerz und Traurigkeit. Was sich in ihm drehte wie ein verrücktes Karussell, hatte nichts mehr mit einer in den See gefallen blauen Blume zu tun; nichts mit der Enttäuschung darüber, dass Silvia stumm und abweisend und traurig auf dem Steg kauerte, anstatt lachend und lebensfroh mit ihm in den See zu springen. Das Karussell in ihm drehte sich – von einer kleinen Enttäuschung angestoßen und von seinen eigenen Ängsten immer schneller vorangetrieben. Wirre Bilder rauschten vorbei, und immer zeigten sie Silvia, wie sie nörgelte, weinte, lethargisch vor sich hin starrend auf ihrem Bett saß, ihn ankeifte, forderte und seine Welt dunkel machte. Wie ein wunderschöner Tag durch eine dämliche Spinne in tragisches Leiden verwandelt wurde. In ihm kämpfte es. Eine Seite wollte trotzig sein und das Gefühl in ihm nicht herunter schlucken, wollte den Schmerz zurückgeben, wollte ein kaltes Gesicht aufsetzen und ihr klarmachen, dass sie immer alles kaputtmachen musste. Er wollte ihr sagen, dass er keine verdammte Lust hatte, sie zu umarmen, dass er ihr einige Dinge zu sagen hatte, dass er die Schnauze voll hatte. Dass er in einer hellen Welt voller Freude leben wollte, voller Lachen und mit einem Schulterzucken für die Kinderkacke, aus denen sie immer Probleme machen musste.
Der andere Teil wollte einfach die Schnauze halten und still zu ihr hingehen und sich Haut an Haut an sie schmiegen, den Wind in den Bäumen und das Plätschern des Sees hören, das Kitzeln ihres Haares und den warmen Strom ihres Atems an seiner Schulter spüren und die wunderbare Ruhe, die er nur bei ihr fand, und die sich immer einstellte, wenn er die Gedanken in seinen Kopf zum Schweigen brachte.
Der tiefe, dunkle Ausdruck im Grüntürkis ihrer Augen gab den Ausschlag. Da war Traurigkeit, ja, aber auch eine Sehnsucht, die ihn anrührte, eine Sehnsucht nach genau jenem ruhigen, vertrauten Gefühl, nach dem auch er sich sehnte, das Gefühl, in dem seine Angst schwieg. Er konnte zwar nicht anders, als kurz die Augen zu verdrehen, mit den Schultern zu zucken und ein genervt klingendes Seufzen von sich zu geben, aber Silvia war so klug, nicht wie sonst einen schrägen Kommentar abzugeben. Zuerst unsicher, ob er sich ignoriert fühlen sollte, war er auf einer anderen Ebene dankbar. Er setzte sich neben sie auf den Steg und ließ die Füße im Wasser planschen. Im kristallklaren, türkisenen Wasser tummelten sich Fische. Ganz oben die kleinen; etwas tiefer, als gäbe es unsichtbare Grenzen, etwas größere. Rotfedern. Weiße Hasen. Bleien. Barsche. Noch größere Exemplare schwammen noch etwas weiter unten, wo es schon dunkler wurde. Manuel starrte in die Tiefe. Je größer die Fische von Ebene zu Ebene wurden, umso weniger waren es. Nur noch schemenhaft konnte man einen weiteren Meter unten Tiere schwimmen sehen, nach denen die Angel auszuwerfen schon lohnenswert war. Und dann – ein seltsam atemloses Gefühl erfüllte ihn – sah er ganz tief unten einen mächtigen Schatten langsam vorbeiziehen. Ein Karpfen, bestimmt einen Meter lang, mit ruhigen, gelassenen Bewegungen. Wie der menschliche Geist, dachte er. Oben das schnelle Geplapper unwichtiger Gedanken und ganz tief, kaum ahnbar, aber sehr viel mächtiger, die großen Triebfedern.



[Norman Liebold, 29.10.2011
SchmökerEcke
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Die Höhle – von der Idee zum Buch

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter Autorengefasel

Die Höhle - Hintergrundbild des Covers

In den letzten Jahren sind fast ausschließlich realistische Geschichten entstanden: Politische Krimis wie “Gläserner Sarg”(2008), “Dichterbrand”(2007/08) und “Krimifrass”(2008); Künstlernovellen wie “Beorn”(2010) und “Euthanatus”(2010), die Dystopie “Navigator”(2009). Die letzten phantastischen Novellen waren die “Spaltenzungen”(2005) und “Der Kulturgeist”(2007), und der letzte phantastische Roman mit Horror-Elementen war der “Incubus” von 2003. Es dürfte nicht wenig verwundern, dass jetzt plötzlich ein ausgesprochen süffiger und expliziter Horrorroman aus meiner Feder gekommen ist, der sich auf dem Grad zwischen realistischer Psychologie und mystischem Abgleiten nach Anderwelt bewegt. Vielleicht ist die Antwort darauf, dass “Die Höhle” gar nicht so phantastisch ist, wie sie erscheinen mag. Die Idee zu einem solchen Buch ist nicht neu, ich trage sie schon seit geraumer Zeit mit mir herum, sah mich aber noch nicht gereift genug, um sie adäquat umsetzen zu können. Das, was die Höhle bewegt, war letzthin Motivation zu meinen Studien in der Psychologie an der Uni Bonn ebenso wie für meine Ausflüge in “Magie” und Schamanismus und durchdringt meine ganze Lebenswirklichkeit. Es taucht in vielen Geschichten und Romanen auf, besonders, natürlich, in den eindeutig phantastischen wie den “Spaltenzungen”. Aber ich konnte dem nicht gerecht werden, wenn ich in die definiert phantastische Richtung ging, denn das, um was es mir geht, ist beständig da, um uns, in uns und geschieht nicht in irgendeinem Fantasy-Setting. Der Hyperrealismus der Krimis ist genauso Teil dieser Welt wie das völlige Abgleiten in Anderwelt, wie es in den “Spaltenzungen” geschieht. Aber es geschieht gleichzeitig, nur die Schwerpunkte liegen je anders. Spalte und Tore nach Anderwelt klaffen in U-Bahnschächten genauso wie in einer indianischen Schwitzhütte beim Eifelindianer Herbie. Beim Halten einer Lesung in einem Schickimicki-Laden nicht weniger als beim Vollmond-Bad in Maria Laach. Auch bei der “Höhle” ist mir die Gradwanderung noch nicht in der Weise gelungen, wie ich es angestrebt habe. Das bleibt dem Genre gestundet, dass gerade die beängstigenden, angsteinflößenden Aspekte in den Vordergrund treten und in der Klimax eine Eindeutigkeit annehmen, die schon fast zu eindeutig sind. Auch wenn ich denke, bei der Gradwanderung nicht abgestürzt zu sein.

Die Idee

Das Manuscript der Höhle auf dem Schreibsekretär, Foto: Norman Liebold 2011.
Das Manuscript der Höhle. Foto: Norman Liebold 2011

 Der Auslöser, die “Höhle” zu schaffen, war wie so oft ein starkes Erlebnis, dass eine bestimmte Thematik plötzlich wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt und dafür sensibilisiert. Ich war zur Dämmerstunde im Herbst letzten Jahres mit *** an den Höhlen, um ihr diesen wie ich finde sehr besonderen Ort zu zeigen. Es war ein besonderer Tag mit ausgesprochen starken Bewegungen in den tieferen Ebenen, und, wie ich es gerne ausdrücke, der Berg hatte schlechte Stimmung. Als gedankliches Modell sei an eine Personifizierung gedacht. Eben, als wohnte ihn den Höhlen der Ofenkaulen tatsächlich ein Wesen mit einer Form von Bewußtsein. Hat dieses Wesen schlechte Stimmung und möchte allein sein, sorgt es mit Gefühlen und unangenehmen Bildern und Assoziationen dafür, dass etwaige Besucher schnell das Weite suchen. Dazu gehören auch real festzumachende Phänomene wie Windstöße, seltsame Zufälle und verstörende Begegnungen mit Bewohnern des Waldes. In Bäumen und Felsen scheinen sich die Schatten zu Formen zu verdichten, die Angst machen. Massive Ansammlungen abstoßender Insekten, ein wilder Hund, der einen Weg zähnefletschend und geifernd versperrt und herabstoßende Krähen gehören ebenfalls dazu. Alles ringsum schreit: “Verschwinde! Geh nicht weiter! Verpiß Dich!” Man kann sich daran gewöhnen, damit umgehen lernen, in gewisser Weise sogar in Dialog damit treten, versöhnen, Einlass erbitten. Das gehört zum schamanischen Weltbild, das diese Phänomene mit Naturgeistern erklärt, ein wie finde recht praktisches Modell, mit dem man gut arbeiten kann.

An jenem Nachmittag war ich allerdings nicht mit anderen “Schamanen” vor Ort, sondern mit einem Menschen, der zwar äußerst sensibel und feinsinnig wahrnimmt, jedoch den Phänomenen bisher weiträumig auswich und keine Erfahrungen im Umgang damit gesammelt hat. Wie ich eine Zeitlang erwog, unter Umständen die Symptome einer schizophrenen Erkrankung zu erleben statt äußere Realität und darum Psychologie studierte, so neigte dieser Mensch dazu, es innerpsychisch zu erklären und lieber zu glauben, nicht richtig zu ticken als anzunehmen, dass seine Wahrnehmung feiner ist. Das Erlebnis war erschreckend. Während ich eher Faszination und eine mit Respekt untermischte Neugier empfinde und gewissermaßen die aufkommenden Ängste als Wegweiser der Verhaltens nutze und die seltsamen Begebnisse als Hinweise und Zeichen, reagierte meine Begleiterin mit unreflektierter Heftigkeit und ohne jeden geistigen Schutz. In der Vergangenheit, als ich die “Phänomene” fast schon mit wissenschaftlichen Methoden untersuchte und gezielt “Probanten” zu bestimmten Zeiten an bestimmte Orte führte, um deren Reaktionen zu beobachten, hatte ich nach einigen ausgesprochen heftigen Zwischenfällen eigentlich den Entschluß gefaßt, keine Unvorbereiteten mehr in so eine Situation zu bringen. Jetzt, zehn Jahre später, wurde mir wieder schmerzlich vor Augen geführt, was mich zu diesem Entschluss gebracht hatte. *** hatte nicht nur einfach nackhaaraufstellende Angst, sie erlebte ungebremste Visionen, erbrach sich, war zeitweise völlig unzurechnungsfähig. Und das parallel zu den Dingen, die ich empfing, aber anders aufnahm. Wo der Berg ein klares Verbot aussprach, einen Ort zu betreten, durchfuhr mich eine Welle von unangenehmer Furcht, gepaart mit einem Bild. Aber es war wie etwas, das gesagt wird. Für *** manifestierte sich das Bild und die Furcht war real und in einer Stärke, wie man sie in unserem normalisierten Leben kaum noch erlebt. Es kostete mich grosse Anstrengung, gewissermaßen ein Schild aufzubauen, um sie dort heraus zu bekommen.

Das Erlebnis brachte für mich wieder Dinge ins Bewußtsein, die für mich selbstverständlich geworden waren. Und die Beschäftigung damit schuf letzthin die Grundidee zur “Höhle”. Daß ich sie tatsächlich an dem Ort ansiedelte, wo das reale, zugrunde liegende Erlebnis stattgefunden hat, versteht sich von selbst. Allerdings hat die Geschichte der “Höhle” nur noch in Aspekten etwas mit den realen Begebnissen zu tun – es sind letztlich Jahrzehnte in diese Geschichte mit eingeflossen und die Erfahrungen und Gespräche mit sehr vielen, unterschiedlichsten Menschen.

Manuel und Silvia – das Liebespaar

Norman Liebold: Illustration zu 'Die Höhle', Tusche auf Papier, 29,7 x 42cm

Wannimmer eine explizite erotische Szene in einem Buch oder einer Geschichte vorkommt, hagelt es kurz darauf Fragen, ob das “wirklich” sei und ob die beschriebenen Personen ich selbst und meine Partnerin vorstellen. Ich bin immer wieder fasziniert davon und frage mich, was zu solchen Gedanken führt. Und ich kann darauf nur dieselbe Antwort geben, die ich auch dann gebe, wenn es um andere Personen in meinen Stories geht. Ich schreibe sehr nah an meinem Erleben und meiner Wirklichkeit, und das bedeutet natürlich, dass die Dinge, die ich beschreibe, in meinem Erleben verwurzelt sind. Es wäre nicht falsch zu sagen, daß ich nichts beschreibe, was ich nicht in der einen oder anderen Weise selbst erlebt habe oder aus erster Hand erfuhr. Aber das ist nicht gleichbedeutend damit, daß auch nur eine Figur ein realistisches Abbild einer real exiestierenden Person darstellt. Mehr noch: Genau das vermeide ich bewusst. Natürlich ist Bauer Rowedder aus dem “Gläsernen Sarg” einem manisch-depressiven Freund nachempfunden, was bestimmte Aspekte des Verhaltens und Erlebens angeht. Lange Gespräche und eigene Beobachtungen sind hier eingeflossen. Aber Rowedder selbst ist genauso wie seine Geschichte erfunden, auch wenn diverse Szenen real geschehenen Dingen angelehnt sind. So ist durchaus klar, das Silvias Erscheinung und Charakter irgendwo reale Echos in Partnerinnen von mir haben dürfte, und wahrscheinlich auch, das Aspekte der beschriebenen Beziehung aus verschiedenen selbst erfahrenen Erlebnissen heraus gestaltet sind. Aber es ist immer eine Montage aus verschiedensten Zeiten und Erlebnissen, was am Ende zu einer Person destilliert wird, und ein Grossteil davon ist erfunden, abgeleitet und entwickelt schnell auch eine nicht zu unterschätzende Eigendynamik. Und ob ich bei Vollmond auf der Betonplatte vor dem Höhleneingang Sex gehabt habe überlasse ich der Phantasie des Lesers, beziehungsweise empfehle, es selbst auszuprobieren, denn aus Erfahrung kann ich sagen, dass es kaum etwas schöneres gibt als Sex bei Vollmond am Busen der Natur.

Ähnlich verhält es sich mit Manuel. Da seine Innenwelt geschildert wird, ist es unumgänglich, dass er gewisse Parallelen zu mir hat. man kann nur so denken und fühlen wie man denkt und fühlt, und was immer verschiedene Autoren auch sagen mögen, es läßt sich nicht verhindern, dass die eigene Art und Weise, die Wirklichkeit aufzufassen, bei einer Schilderung der Innenwelt einer Person maßgeblich mit ein fließt. Alles andere ist und bleibt notwendigerweise intellektuelles Konstrukt ohne Anspruch auf Wirklichkeit. Effektiv ist das Liebespaar Manuel-Silvia aber ein Konstrukt, um die Geschichte möglich zu machen und gehorcht der inneren Dynamik des Romans. Sie sind einander ein Spiegel, wie es in vielen Beziehungen der Fall ist, und insbesondere Manuel sieht in Silvia die Dinge gespiegelt, die er mehr oder weniger bewusst als seine eigenen menschlichen Schwächen spürt. Dies ist Teil der psychologischen Ebene des Buches und eines der Hauptmovens der Geschichte.

Spiegel im Spiegel – die Struktur

Norman Liebold: Illustration zu 'Die Höhle', Tusche auf Papier, 29,7 x 42cm

“Die Höhle” besteht aus drei Ebenen, die sich untereinander spiegeln und eng miteinander verwoben sind. Die zwischenmenschliche Beziehung von Manuel und Silvia, Manuels Beziehung zu seinem eigenen Inneren und die Berührung der Menschen mit dem “Geist” im Berg. Jede einzelne dieser Ebene spiegelt sich in den anderen wieder und ist zugleich Allegorie für sie. Dei Entwicklung der Geschichte und der Personen vollzieht sich in allen drei Ebenen und changiert zwischen ihnen. Daraus ergibt sich die Struktur der Erzählung, die sich in drei grossen Abschnitten vollzieht, die sich zugleich auch in den Handlungsorten Steinbruch, Wald vor den Höhlen und das Höhleninnere manifestiert. Zugleich sind diese Orte auch Stationen auf dem Weg ins Innerpsychische. Der Roman vollzieht den Gang vom Äußeren in den dunklen Urgrund der Seele, und das zunehmend tiefenpsychologische ist durch die zunehmende Phantastik in der Erzählung symbolisiert. Je nachdem, wie man “Die Höhle” interpretieren möchte, hat man entweder eine Geschichte vor sich, die sich mit der Magie in unserer Welt auseinandersetzt oder einen tiefenpsychologischen Roman über die Ängste und Neurosen des heutigen Menschen. Beide Interpretationsweisen sind “richtig”, wenn hier soetwas wie “richtig” oder “falsch” überhaupt anzulegen ist. Das äußere Kleid, das letztlich das Lesevergnügen schafft, ist das eines klassischen Schauerromans mit allen Elementen, bei denen sich der Leser hoffentlich ordentlich einer Gänsehaut erfreuen kann.


Entstehnungsdaten

Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.

Die Höhle ist vollständig im Manuscript entstanden, ich arbeitete am Text vom 16.02. bis zum 01.06.2011 und füllte drei Moleskine-Notizbücher mit dem Manuscript. In der ersten Juniwoche übertrug ich es in den Rechner und begann gemeinsam mit Alexander Lebedev die Illustration. Die letzte Illustration ist Ende Juli entstanden. In den Wochen danach lektorierten Freunde das Buch und ich schliff den Text, nachdem ich die Lektorenexemplare zurück erhielt, den Text noch einmal. Fertig war der Roman Ende August. Die Satzarbeiten und die Gestaltung bis zum fertigen, ausbelichtbaren Buch dauerten bis Anfang Oktober. Am 14. ging das Buchinnere in die Druckerei, die Gestaltung des Covers war am 20. Oktober abgeschlossen. Das Buch wurde am 26.10.2011 bei Meierdruck Hennef auf einer Heidelberg Offset-Letterset 64x89cm Zylindermaschine, Baujahr 1963, gedruckt, die nicht nur wunderschön ist, sondern auch ganz hervorragende Drucke liefert. Für die Interessierten hier eine kleine Galerie, wie das Buch gedruckt wurde:

Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Norman Liebold überprüft die Qualität des Drucks - und ist begeistert. Foto: Christa Hundenborn.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.
Norman Liebold überprüft die Proofs für Dichterbrand, Gläserner Sarg und Die Höhle bei Meierdruck in Hennef. Photo: Anke Böser, 2011.
Norman Liebold überprüft die Proofs für Dichterbrand, Gläserner Sarg und Die Höhle bei Meierdruck in Hennef. Photo: Anke Böser, 2011.

 

 



[Norman Liebold, 29.10.2011
Autorengefasel
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Die Höhle – Illustration und Gestaltung

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter Autorengefasel

Alexander Lebedev: Illustration zu Norman Liebolds 'Die Höhle', Grafit auf Papier, 29,7 x 42cm

Die Illustration der Höhle ist ein Gemeinschaftsprojekt von mir selbst und dem Illustrator Alexander Lebedev. Der junge russische Künstler und Freund zeichnete sieben Bilder in Grafit auf Papier im Format Din A3. Sie stellen je eine herausragende Szene aus einem der sechs Kapitel dar. Aus meiner Feder stammen sechs Zeichnungen in Tusche, die jeweils die Anfangsseite des Kapitels ornamental verzieren, einige Gestaltungselemente wie Spinnen und Käfer sowie vier Landschaftszeichnungen, die ich an den Ofenkaulen anfertigte. Aus dem Rahmen heraus fällt eine Skizze, die während des Schreibens entstanden ist und die Anfangsszene darstellt.

Es ist mir immer wieder eine Freude, bei einem Buchprojekt gemeinsam mit einem weiteren Künstler die Illustration zu besorgen – so entspinnt sich noch ein zweites Gespräch im Buch. Nicht nur der Dialog zwischen Leser und Autor, sondern auch das Gespräch zwischen den Illustratoren, in das der Leser mit einbezogen ist. Ist es für die Leser immer wieder interessant, die Bilder zu sehen, die der Autor des Buches selbst zeichnete, um auf diese Weise auch einen Blick in die gedankliche Bilderwelt zu bekommen, so ist es für mich selbst nicht minder faszinierend, einmal in den Kopf eines meiner Leser schauen zu dürfen, wie er die Szenen und Figuren aus dem Buch wahrnimmt.


Die Zeichnungen Alexander Lebedevs

Alexander Lebedev ist ein junger Künstler aus Russland, der aktuell an der Rhein-Sieg-Akademie für Design und Bildende Kunst in Hennef studiert. Seit einigen Jahren mit ihm befreundet, machte ich auch schon mehrere Ausstellungen mit ihm gemeinsam. “Die Höhle” ist sein erstes Illustrationsprojekt, dass er in 29,7 x 42cm großen Bleistiftzeichnungen ausführte. Er veröffentlicht unter dem Künstlernamen “Eleven”. Besuchen Sie die Webseite von Alexander Lebedev unter www.i11u.com.

Alexander Lebedev: Illustration zu Norman Liebolds 'Die Höhle', Grafit auf Papier, 29,7 x 42cm
Alexander Lebedev: Illustration zu Norman Liebolds 'Die Höhle', Grafit auf Papier, 29,7 x 42cm
Alexander Lebedev: Illustration zu Norman Liebolds 'Die Höhle', Grafit auf Papier, 29,7 x 42cm
Alexander Lebedev: Illustration zu Norman Liebolds 'Die Höhle', Grafit auf Papier, 29,7 x 42cm
Alexander Lebedev: Illustration zu Norman Liebolds 'Die Höhle', Grafit auf Papier, 29,7 x 42cm
Alexander Lebedev: Illustration zu Norman Liebolds 'Die Höhle', Grafit auf Papier, 29,7 x 42cm
Alexander Lebedev: Illustration zu Norman Liebolds 'Die Höhle', Grafit auf Papier, 29,7 x 42cm


Die Kapitel-Ornamente von Norman Liebold

Auch wenn ich sehr gerne selbst Szenen aus den Büchern zeichne und als Illustrationen mit hinein drucke, halte ich mich zurück, wenn ich mit einem anderen Künstler gemeinsam an einem Buchprojekt arbeite. Bei der “Höhle” hielt ich mich aus den eigentlichen Szenendarstellungen ganz heraus und schuf sechs ornamentale Zeichnungen, die die erste Seite der Kapitel schmücken. Sie sind in meinem Lieblingsstil gezeichnet: als reine Schwarzweiß-Grafiken mit stark abstrahierter Ornamentik.

Norman Liebold: Illustration zu 'Die Höhle', Tusche auf Papier, 29,7 x 42cm
Norman Liebold: Illustration zu 'Die Höhle', Tusche auf Papier, 29,7 x 42cm
Norman Liebold: Illustration zu 'Die Höhle', Tusche auf Papier, 29,7 x 42cm
Norman Liebold: Illustration zu 'Die Höhle', Tusche auf Papier, 29,7 x 42cm
Norman Liebold: Illustration zu 'Die Höhle', Tusche auf Papier, 29,7 x 42cm
Norman Liebold: Illustration zu 'Die Höhle', Tusche auf Papier, 29,7 x 42cm
Käferornament für die 2. Titelseite. Tusche auf Papier. Norman Liebold 2011.
Schwarze Witwe. Zeichnung für das Vorsatzblatt. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011


Die Landschaftszeichnungen von Norman Liebold

Ofenkaulen am Petersberg. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011.
Ofenkaulen am Petersberg. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011.
Ofenkaulen am Petersberg. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011.
Ofenkaulen am Petersberg. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011.

Während der Recherchen zur “Höhle” zeichnete ich etliche Skizzen an den Originalschauplätzen, besonders an den Ofenkaulen selbst. An den Stellen, wo am Ende eines Kapitels genügend Freiraum blieb, setzte ich sie erstmals mit ins Buch. Auf diese Weise bekommt der Leser einen Eindruck, wie es am Ort selbst aussieht.

Cover-Gestaltung

Die Höhle - Hintergrundbild des Covers
Die Höhle - Cover hinten
Die Höhle - Cover vorn
Die Höhle - Cover

Das Cover für die “Höhle” stellte eine echte Herausforderung dar, und bis wenige Tage vor dem Druck gab es mehrere Versionen, zwischen denen zu entscheiden nicht einfach war. Neben einem Cover aus dem Pinsel von Alexander Lebedev gab es eines, das als rein Strichgrafik mit Silber auf Schwarz gedruckt worden wäre. Erst beim Vorgespräch bei Meierdruck Hennef mit Frau Hundenborn, die auch schon das erste Amator-Veritas-Buch, den Märenborn, betreute, viel die Entscheidung, auch bei diesem Buch wie bei “Dichterbrand” und “Gläserner Sarg” ein Vierfarbcover mit einem fotografisch anmutenden Hintergrund zu wählen, damit die Linie der Siebengebirgs-Bücher gewahrt bleibt. Während das aber verhältnismäßig einfach ist bei den realistischen Krimis, erweist es sich für einen in weiten Teilen phantastischen Horror-Roman als eine schwierige Angelegenheit. Die Idee, das von mir sehr geliebte Relief vom Paradies der Basilika zu Maria Laach zu nehmen, stand sehr schnell. Zum einen, weil die beiden Gesichter die tiefenpsychologische Ebene genauso illustriert wie sie auch eine Szene aus dem Roman versinnbildlicht, nämlich den Spiegelgang mit dem “bösen Spiegelbild” des Protagonisten und den sich aus den Wänden pressenden Steingesichtern. Aber dem Motiv fehlte noch der rechte “Pfiff”. Nach Stunden des Probierens und des fast Verzweifelns, denn um 9 Uhr mußte ich die Dateien zum Belichter bringen, hatte ich gegen 4 Uhr eine Art Vision. Oder wie man das nennt, wenn man halb träumend vor dem Bildschirm sitzt. Es schienen sich Risse durch die Gesichter zu ziehen, und sie bewegten sich in schwer zu beschreibender Weise. Dieses Bild erschien sofort als das perfekte Cover, und der Rest war zwar anstrengend, aber ein schnelles Arbeiten. Letztlich entstand eine Fotomontage aus einer Aufnahme des Reliefs und – das ist interessant zu erwähnen – der Aufnahme einer ausgetrockneten Wasserlache, die ich im Steinbruch Hühnerberg im Siebengebirge gemacht hatte. Auf diese Weise kommt in das Cover auch ein Teil des Siebengebirges mit hinein und schönerweise eines, das technisch gesehen tief in einem Berg liegt.



[Norman Liebold, 29.10.2011
Autorengefasel
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Bericht aus der Druckerei

Von Norman Liebold geschrieben am: 26.10.2011 unter Büchermeldungen, Nähkästchen, PhotoBLOG

Druck von "Die Höhle" am 26.10.2011 bei Meierdruck in Hennef. Foto: Norman Liebold 2011.

Gestern ist der “Gläserne Sarg” fertig gedruckt worden, heute “Die Höhle”, wo ich dabei zu sein mir nicht verkneifen konnte – schließlich ist das eine Ersterscheinung und es hat mich doch schon ein wenig Schlaf gekostet, ob die vielen Grafiken im Druck auch gut kommen. Meine Befürchtungen wurden zerstreut, meine Erwartungen mehr als übertroffen – der Druck ist schlechtweg traumhaft. Kein Wunder auch, den derselbe und hochgeschätzte Drucker, der sich schon 2002 dem reich bebilderten “Märenborn” vorgenommen hat, ist auch jetzt wieder an der wie ich finde schönsten Druckmaschine der Welt – eine Heidelberg von 1963, vollmechanisch ohne Schnickschnack, aber auf der der Könner virtuos zu spielen vermag wie es eben nur mit wirklichen, analogen Dingen geht. Mensch und Maschine in Harmonie. Auch wenn ich natürlich gleich auf der ersten Seite – wie könnte es anders sein – einen Druckfehler finden musste (aber was wäre eine Ersterscheinung ohne Druckteufel, zumal bei einem so dämonischen Buch?), ich bin schlichtweg begeistert.

Hier einige Eindrücke aus der Druckerei Meierdruck in Hennef, die ich nur wärmstens für soetwas an jedes Herz legen kann.



[Norman Liebold, 26.10.2011
Büchermeldungen, Nähkästchen, PhotoBLOG
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Die Höhle – Orte

Von Norman Liebold geschrieben am: 26.10.2011 unter Autorengefasel

“Die Höhle” spielt im Siebengebirge an drei Schauplätzen. Die ersten beiden – ein stillgelegter, mit Wasser gefüllter Steinbruch und das Waldgebiet an den Ofenkaulen bei Königswinter – sind naturgetreu. Beim dritten Schauplatz, das Innere des Höhlensystems der Ofenkaulen, habe ich mir eine gewisse Freiheit erlaubt. Die Orte spiegeln die Klimax des Romans wieder: Vom hellen, sonnendurchfluteten Bergsee kommen die Protagonisten Silvia und Manuel zu den gleichsam verwunschenen Wäldern mit den Höhleneingängen, um von hier aus in das Höhlensystem vorzudringen. Die Tageszeit wechselt mit den Orten: Spätnachmittäglich badet das Liebespaar im See, in der Dämmerung kämpfen sie im Wald mit ihren aufkommenden Ängsten, in der Nacht irren sie durch die Stollen und Hallen der Ofenkaulen. Mit dem zunehmenden Dunkel dringt das Unnennbare, Mystische in ihr Leben ein. In Andeutungen am See, in Visionen im Wald und in unignorierbarer Wirklichkeit in den Höhlen. Der Gang vom Sonnenlicht in die ewige Nacht unter dem Berg ist archetypisch und spiegelt zugleich die psychologische Ebene der Geschichte allegorisch wieder: was auf der Handlungsebene die Verdichtung der Atmosphäre und das zunehmende Eindringen des Horrors ist, ist auf der psychologischen das Eindringen in das Unterbewusste.

Der Steinbruch

Steinbruch Eudenberg. Foto: Norman Liebold 2009.
Steinbruch Eudenberg, Foto: Norman Liebold 2009
Steinbruch Eudenberg. Foto: Norman Liebold, 2006

Für die Eingangsszene wählte ich meinen Lieblings-Steinbruch. Er ist nicht unbedingt der schönste im Siebengebirge – der Dornheckensee ist bei weitem eindrucksvoller, der Märchensee mystischer -, aber in unmittelbarer Nähe zu meiner Schreibklause hinter den Sieben Bergen gelegen schenkte er mir unzählige schöne Stunden. Der Sprung von der Felsklippe geht gut vier Meter in die Tiefe, und beim Hinaufklettern ist mir – wie auch Manuel im Buch – schon eine tonnenschwere Basaltsäule aus der Wand gekippt. Wenn man – besonders im Sommer – auf dem Steg sitzt, kann man de beschriebenen Fisch-Ebenen beobachten. Während ganz oben die kleinen, kaum fingerlangen Fische in wahren Horden herumtummeln, schwimmen in gleichsam abgetrennten Schichten immer grössere Tiere – je tiefer, um so eindrucksvoller, bis dort, wo man nur noch Schemen sehen kann (und der Steinbruch in sehr klar), riesige Karpfen ihre Kreise ziehen. Der Vergleich mit den Schichten des Bewußtseins kam mir 2006, als ich an meiner Magisterarbeit über Gottfrieds von Strassburg “Tristan und Isolde” im Vergleich mit Georg Kaisers “König Hahnrei” arbeitete und in diesem Kontext Freuds “Traumdeutung” durcharbeitete. Die eigenartigen Strömungen kalten Wassers haben mich selbst und Freunde schon oft erschreckt, wobei jedoch die Erklärungen, die Manuel dafür anbringt, reine Spekulation sind – ich kann nicht sagen, ob sie von Quellen am Seegrund oder durch die heftigen Gegensätze von sonnenbeschienenen und in dunklem Schatten liegenden Seeteilen herrühren. Das Gefühl jedoch ist bei den ersten Malen in der Tat unheimlich, denn die Strömungen sind so eng umrissen und kompakt, dass es sich anfühlt, als ob etwas sehr Großes in unmittelbarer Nähe vorbeischwimmt.

Den See kenne und liebe ich seit mehr als 10 Jahren, und natürlich war ich nicht nur mit meinen Liebsten dort, sondern kann auch nicht leugnen, dass ich mich dort auch schon gestritten habe. Wahrscheinlich ist die eine oder andere Erfahrung aus diesem Erleben in die Beschreibung des Streites zwischen Manuel und Silvia mit in den Roman eingeflossen. Aber die Szene selbst ist frei erfunden. Ich habe zwar schon Wegarten auf der Basalt-Klippe wachsen sehen, bin aber nie mit einer über den See geschwommen, um meine Liebste zu versöhnen. Und ich möchte doch hoffen, dass ich nicht so verbohrt und egozentrisch wie Manuel bin. Abgesehen von dem etwas mulmigen Gefühl, über einen schier bodenlosen Abgrund zu schwimmen und von kalten Strömungen wie mit riesiger Flosse berührt zu werden, kann ich auch nicht von mir behaupten, tatsächlich Angst vor Wassermonstern verspürt zu haben. Wobei die Erfahrung mir allerdings nicht fremd ist – wenn ich sie auch 1997 beim Schwimmen im Mittelmeer unterhalb einer alten Kultstätte in heftigster Weise erleben musste.

Die Wälder an den Ofenkaulen

Die Ofenkaulen in Königswinter. Foto: Norman Liebold 2011.
Die Ofenkaulen in Königswinter. Foto: Norman Liebold 2011.
Die Ofenkaulen in Königswinter. Foto: Norman Liebold 2011.
Die Ofenkaulen in Königswinter. Foto: Norman Liebold 2011.
Die Ofenkaulen in Königswinter. Foto: Norman Liebold 2011.
Die Ofenkaulen in Königswinter. Foto: Norman Liebold 2011.
Die Ofenkaulen in Königswinter. Foto: Norman Liebold 2011.
Die Ofenkaulen in Königswinter. Foto: Norman Liebold 2011.

Der Wald, der gegenüber dem Petersberg gelegen ist, hat ein eigenartiges Gefühl, besonders in der Dämmerung. Die Bedingungen des felsigen Untergrundes, die steilen Hänge und das Alter des Baumbestandes bedingen, dass ein grosser Teil der Bäume stark verwachsen und knorrig sind. Oft liegen die Wurzeln über einem Abhang frei und strecken sich wie Arme und Klauen über die engen Pfade. Und an vielen Stellen öffnet sich gähnendes Loch im Hang oder im Boden, um einen der Eingänge zu den Höhlen zu zeigen. Die Höhlen sind künstlich: im Mittelalter braute man hier – daher der Name – Trachyttuff ab, der für Öfen verwendet wurde. Im dritten Reich wurden die unterirdischen Hallen ausgebaut und für eine “bombensichere” Flugzeugfabrik genutzt. Nach erfolglosem Sprengungsversuch wurden die Eingänge mit Beton verschlossen, in dem Schlitze angebracht sind, damit zum einen die Luftzirkulation gegeben ist und zum anderen die Fledermäuse ein- und ausfliegen können – die Ofenkaulen ist eine der wichtigsten und größten Fledermaushöhlen Europas. Die Feuchtigkeit und die Temperaturunterschiede haben Algen und Moos über den Beton wachsen lassen, und aus den Lüftungsschlitzen weht ein stetiger, eiskalter Wind, oft untermalt von einem eindrucksvollen Heulen. Geht man einen der engen Hohlwege auf eine Öffnung zu, ist dieser Luftstrom deutlich spürbar. Diese Landschaft – knorrige, alte Bäume, Hohlwege und sich öffnende Höhlen – genügt schon, um in der Dämmerung und Nachts ein recht mulmiges Gefühl zu erzeugen, eine Art “romantischen Schauer”, wenn man so möchte. Ist man sich bewußt, dass in den Höhlen Zwangsarbeiter unter den denkbar schlimmsten Bedingungen Flugzeugmotoren herstellten und Vorfälle wie der mit dem Mörder Dieter Freese hier geschehen sind, verstärkt sich das Gefühl. Wobei ich nicht umhinkomme, zumindest zu erwähnen, dass man noch mehr dort fühlen kann. Es ist ein eigenartiger Ort, der bestimmte Bereiche unserer Seele und unserer Ängste anspricht. Und zugleich ist er von einer seltsamen Schönheit.

Die Ofenkaulen

Ofenkaulen am Petersberg. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011.
Ofenkaulen am Petersberg. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011.
Ofenkaulen am Petersberg. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011.
Ofenkaulen am Petersberg. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011.

Die beschriebenen Eingänge führen in das Höhlensystem unter dem Berg. Dieses ist seit Jahren nur noch unter entsprechender Führung zu betreten. In meiner Abiturzeit – um 1996/1997 herum – waren sie allerdings ein Geheimtipp für Mutige. Die Lüftungsschlitze waren soweit aufgemeiselt worden, dass man mit einiger Mühe hindurchkriechen konnte. Ist bereits der Wald vor den Eingängen bemerkenswert und mystisch, so sind die Höhlen selbst unbeschreiblich. Wir nannten die Höhlen “Moria”, und in der Tat drängt sich der Vergleich auf. Riesige Hallen, Löcher im Boden, die den Blick auf die darunter liegenden Ebenen öffnen, lange Gänge, unterirdische Seen. Das ganze im seltsamen Zwiespalt zwischen natürlichem Fels und den Resten der industriellen Nutzung: Beton, verrostete Eisenträger und -schienen, eigenartig verwinkelte Treppen. Ich bin mehr als einmal mit Freunden durch diese Hallen gewandert, wir haben dort genächtigt und uns die “Sehenswürdigkeiten” angeschaut. So gibt es einen Raum, der über und über mit Reliefen bedeckt ist. Unbekannte aus verschiedenen Zeitaltern haben hier Götterbilder, Symbole und Szenen aus dem weichen Tuffstein heraus gemeiselt. Auch der “schwebende Stein” aus dem letzten Kapitel gehörte zu unseren Lieblingsorten. Auf der obersten Ebene gelegen hatte der Raum einen Durchbruch an die Oberfläche, durch die ein schwacher Lichtstrahl kam. Er fiel genau auf einen grossen Felsen, der dadurch als das einzige in der unterirdischen Halle beleuchtet war. Der Eindruck, der entstand, war, dass er aus sich selbst heraus leuchtete und in der Luft schwebte. Besonders eindrucksvoll ist die Gestalt der Hallen. Ab dem Hochmittelalter hat hier riesige Platten aus dem Fels geschnitten. So bestehen viele der Wände aus geraden Flächen, die in schiefen Winkeln zueinander stehen. Eine Sinnhaftigkeit scheint dahinter zu stecken, eine eigenartige Architektur, die uns unverständlich ist, und ihre Ausmasse sind gigantisch. Einige der Hallen sind 12 Meter und höher.

Die Beschreibungen des Inneren der Höhlen sind meiner Erinnerung entnommen. Die Lüftungsschlitze, durch die wir damals krochen, sind heute mit Stahlplatten eingefaßt und so schmal, dass ein Hindurchkriechen unmöglich ist. In den Höhlen, in denen unter anderem auch einige schräge Partys gefeiert wurden, gab es einige Unglücksfälle. Auch sollen die Fledermäuse ungestört bleiben. Und da der Roman in den Höhlen bereits in den phantastischen Bereich vorgedrungen ist, habe ich mir eine gewisse Freiheit erlaubt. Das gilt insbesondere für die Tür, die ich erfunden habe. Es gibt noch Zugänge, die sehr versteckt und nur einigen “Eingeweihten” bekannt sind, die dieses Wissen für sich behalten, damit sie nicht auch noch verschlossen werden. Und es wäre durchaus denkbar, dass die Flugzeugfabrik zusammen mit den Bunkeranlagen auch einige getarnte Zugänge gehabt hat. Die Geheimtür dürfte allerdings weniger der Wirklichkeit entlehnt sein als sie eine literarische Anspielung auf die Tür zu Smaugs Höhle im Einsamen Berg darstellt.

Einige Bilder aus dem Inneren der Ofenkaulen finden Sie auf diesen Webseiten:

 



[Norman Liebold, 26.10.2011
Autorengefasel
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