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Amator Veritas eBooks für den Kindle

Von Norman Liebold geschrieben am: 17.01.2012 unter Autorengefasel, Büchermeldungen, Nähkästchen

eBook-Cover des Märenborns

eBook-Cover des Märenborns

Das eBook kommt. Selbst ich, der ich meine Bücher mit Füllfederhalter in Notizbücher schreibe und erst damit an den Rechner gehe, wenn das Buch fertig ist, habe mittlerweile einen eBook-Reader und muß gestehen, dass es angenehm zu lesen und ausgesprochen praktisch ist – bei einem Bücherwurm wie mir bestand ein Grossteil meines Reisegepäcks aus Lesestoff. Jetzt habe ich ein kleines, handliches Gerät mit einer ganzen Bibliothek darauf. Selbst beim Schreiben nutze ich das Gerät, wenn ich Zitate nachschlagen möchte.

Für die eBook-Leser gibt es ab sofort sämtliche meiner Bücher auch als eBook-Variante. Erst einmal für den Amazon Kindle, vor Ablauf des nächsten Monats auch als ePub auf LIBREKA!. Nicht uninteressant dabei ist, dass auch einige der Bücher, die leider ausverkauft sind und deren Neuauflage hinter anderen, neueren Projekten zurücksteht, auf diese Weise wieder verfügbar sind:

  • Krähe und Nachtigall
  • Der Minnesänger-Komplex
  • Die Sieben Kelche
  • Sternenkinder

Einige der Editionen sind mit einigen neu hinzugekommenen Illustrationen versehen. Im Preis liegen die eBook stets und in manchen Fällen wesentlich unter dem Preis für die Printausgabe.

Neugierig?

Hier gehts zu den eBook-Shops:

  1. www.lieboldbuch.de
  2. www.siebengebirgskrimi.de
  3. www.amator-veritas.de
  4. www.amazon.de (Kindle-Shop)


[Norman Liebold, 17.01.2012
Autorengefasel, Büchermeldungen, Nähkästchen
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“Dichterbrand” und “Die Höhle” – Buchbesprechungen im Extrablatt

Von Norman Liebold geschrieben am: 21.12.2011 unter PresseArtikel

Extrablatt vom 21.12.2011, Seite 9

Extrablatt Rhein-Sieg vom 21.12.2011, S. 9

Extrablatt Rhein-Sieg vom 21.12.2011, S. 9

Dichterbrand

Ein Siebengebirgs-Krimi

Ein kauziger Privatdetektiv, liebevoll gezeichnete Charaktere, knisternde Spannung und eine gute Portion spitzzüngiger Humor machen Liebolds „Dichterbrand“ zu einem anspruchsvollen Lesevergnügen. „Liebold fängt nicht nur seine Charaktere in einem Netz aus Spiel und Wirklichkeit: auch als Leser kann man die Grenze zwischen Schein und Sein bald nicht mehr erkennen. Er verleiht den Figuren und der Geschichte eine Lebendigkeit, die dem Leser Schauer über den Rücken hinunterjagt. Liebolds Ironie, die das Genre an sich in Frage stellt, lässt den Krimi nie an Glaubwürdigkeit verlieren und schafft einen ganz eigenen, ja fast nüchternen Realismus.” Kölnische Rundschau

Dichterbrand
Ein Siebengebirgs-Krimi
WWW.LIEBOLDBUCH.DE
ISBN 978-3-937330-22-8
216 Seiten, Paperback

Die Höhle

Siebengebirgs-Horror

Der Psychologie-Doktorand Manuel geht daran, die Phobien seiner Liebsten therapieren zu wollen. Er führt sie an den unheimlichsten Ort, den er kennt – die Ofenkaulen unter dem Petersberg, um sie, wie er wortreich ausführt, zu „desensibilisieren“. Doch was dort auf ihn wartet, sind seine eigenen Ängste, und er wird in einen Abgrund aus Grauen geschleudert, in dem er sich ihnen stellen muss. Tief unter dem Petersberg verschmilzt Liebold Psychoanalyse und uralte Mythen zu einem Horrorroman, der mit Urängsten ebenso spielt wie mit dem Leser. Und er nimmt den Leser mit auf eine Reise durch sich selbst.
Die Höhle
Siebengebirgs-Horror
WWW.LIEBOLDBUCH.DE
ISBN 978-3-937330-35-8
116 Seiten, Paperback



[Norman Liebold, 21.12.2011
PresseArtikel
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Eine Reise durch die Psyche

Von Norman Liebold geschrieben am: 11.12.2011 unter PresseArtikel

Generalanzeiger vom 10./11.12.2011, Seite 18

Eine Reise durch die Psyche

Der neue Roman des Autors Norman Liebold spielt in den Ofenkaulen unter dem Petersberg

Photo im Generalanzeiger 10./11.12.2011, Seite 18Photo im Generalanzeiger 10./11.12.2011, Seite 18

Photo im Generalanzeiger 10./11.12.2011, Seite 18

Von Rebecca Erken

SIEBENGEBIRGE. Der unheimlichste Ort, den man sich vorstellen kann? Für Manuel sind das die Ofenkaulen unter dem Petersberg. In dem Stollensystem, das sich wie ein ungeheuerlicher Abgrund auftut, trifft der Psychologie-Doktorand weniger auf furchterregende Geister und wilde Tiere, sondern vielmehr: auf seine eigenen Ängste.
Der Protagonist von Norman Liebolds kürzlich erschienenem Horrorroman „Die Höhle“ steigt hinab in das undurchdringliche Geflecht seiner eigenen Psyche. Dabei wollte Manuel mit dem Besuch eigentlich die Phobien seiner Freundin Silvia therapieren. Doch alles kommt anders, als der Wissenschaftler es geplant hatte.
Der Autor Norman Liebold lebt in Neunkirchen-Seelscheid, zum Schreiben zieht er sich in seinen Wohnwagen auf dem Campingplatz in Eudenbach zurück. „Ich nutze meinen Wohnwagen als Schreibklause, insbesondere für Geschichten und Romane, die im Siebengebirge spielen“, sagt Liebold. Inzwischen hat der 35-Jährige sieben Siebengebirgs-Bücher veröffentlicht, vier davon sind Krimis. Im neuen Roman „Die Höhle“ huldigt Liebold einem alten literarischen Motiv: Der Berg, und was sich in seinem Inneren verbirgt, hat schon viele Autoren zum Schreiben inspiriert. Vor allem die Romantiker, etwa Ludwig Tieck, mit seiner Erzählung „Der Runenberg“ (1804) oder E.T.A. Hofmann mit der Erzählung „Die Bergwerke zu Falun“ (1819) haben sich dem Thema gewidmet. Und ähnlich wie in den Erzählungen der Romantiker tritt das Unheimliche dem Protagonisten von Liebolds Roman in der Höhle auch in Gestalt einer Frau entgegen. „Sie war überirdisch schön“, heißt es dort. Und: „Sie war eine starke Frau, die wusste, was sie wollte und es sich nahm.“ Für Manuel bedeutet die Begegnung auch eine Verwandlung – nur so viel: „Er fühlte sich seltsam klein und jungenhaft neben ihr.“

Der Autor

„Die Höhle“ ist im Verlag Amator Veritas erschienen und ab sofort für 10,95 Euro imHandel erhältlich. Mit „Dichterbrand“ brachte Norman Liebold 2008 seinen ersten Siebengebirgskrimi heraus, dem einige folgten. Der Autor wurde 1976 in Sachsen geboren und studierte Literatur- und Sprachwissenschaften an der Universität Bonn. Zum Schreiben zieht er sich in seinen Wohnwagen zurück, der im Siebengebirge auf dem Campingplatz Eudenbach steht. Info:www.norman-liebold.com.


Generalanzeiger vom 10./11.12.2011

Generalanzeiger vom 10./11.12.2011

Bildunterschrift: Siebengebirgs-Autor: Norman Liebold. FOTO: ANKE BÖSER



[Norman Liebold, 11.12.2011
PresseArtikel
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Was zu Naschen – die Bücher sind da!

Von Norman Liebold geschrieben am: 28.11.2011 unter Autorengefasel, Büchermeldungen, Nähkästchen

Photo: Norman Liebold, 2011.
Photo: Norman Liebold, 2011.28-Nov-2010 12:25, PENTAX PENTAX K-m , 4.5, 35.0mm, 0.067 sec, ISO 200

In den letzten Tagen ist einiges geschehen, daß mich nach den langen, dunklen Jahren zwischen 2005 und 2011 wieder gänzlich ganz fühlen läßt. Der gemütliche Geburtstagsabend zum 35igsten, der mir zeigte, daß ich trotz 2005 in Asche zerfallener Blutfamilie eine riesige Wahlverwandtschaft habe und endlich zuhause angekommen bin (einschließlich meiner endlich aus Leipzig geholten Restmöbel und vor allem meiner Bibliothek) ist daran gewiss nicht unschuldig. Aber pünktlich zum Beginn des vierten Lebensalters sind auch meine drei neuen Bücher angekommen, und wie man sieht, findet das auch die Schriftstellerkatze Nadu genau so grossartig wie ich. (Signierte Exemplare können sofort bei mir oder im Verlags-Shop bestellt werden.). Der neue Roman “Der Stift” ist begonnen und reißt meine Aufmerksamkeit an sich. Er ist eine ziemliche Herausforderung und eine Gradwanderung in vielfacher Hinsicht, denn ich packe dabei so manches heiße Eisen an, an das ich mich bisher nicht getraut habe. Ich halte in der Schreibwerkstatt zum Stift auf dem Laufenden.



[Norman Liebold, 28.11.2011
Autorengefasel, Büchermeldungen, Nähkästchen
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Niederschrift des “Stiftes” begonnen – vom Schriftsteller

Von Norman Liebold geschrieben am: 16.11.2011 unter Autorengefasel, Nähkästchen

[Dieser Artikel ist der 2. von 2 Teilen in der Reihe Schreibwerkstatt: Der Stift]

Schloss Hohenprießnitz. Foto: Norman Liebold, 2011 (Handy)
Schloss Hohenprießnitz. Foto: Norman Liebold, 2011 (Handy)
Heute Morgen um sechs die Niederschrift von  “Der Stift” begonnen. Der Auftakt ist bei dieser Geschichte vielleicht das Schwierigste. Das hat seine Gründe. “Der Stift” wird eine Gradwanderung werden, nicht nur, aber auch wegen seiner politischen Ebene, derentwillen ich sehr vorsichtig sein muss, was die Schilderung bestimmter Umstände angeht. Nun ist die Geschichte aber in weiten Bereichen von den Umständen abhängig, unter denen die Idee entstand. Natürlich könnte ich diese extrem verfremden, und vielleicht auch so, daß sie trotzdem noch funktioniert, aber ich stelle beim Schreiben fest, daß ich das in diesem Fall nicht will. Zum einen, weil die Abbildung der Verhältnisse hier einer der Aspekte ist, die die Geschichte motiviert und ich das Unglaubliche daran wahrheitsgetreu nachzeichnen will. Zum anderen aber auch, weil in dieser Story nicht nur eine politische Abrechnung steckt, sondern eben auch und vielleicht genau so wichtig, eine sehr persönliche. Und so ist die Profession des Protagonisten nach vielen Gedankenexperimenten doch die Schriftstellerei geworden. Das löst widersprüchliche Gefühle aus. Zum einen Freude, in diese Geschichte viel hineinpacken zu können, was wesentlich ist für meine eigene Profession, und, nicht zuletzt, auch einige Szenen nicht aussparen zu müssen, die die Geschichte bunter und lebendiger machen. Zum anderen aber auch ein leise mulmiges Gefühl, wie es nur die sich aufdrängende Deckungsgleichheit real Erlebten mit romanhaft Geschildertem auslösen kann. Jedes Buch ist wie ein Sog, ein Strudel, der einsaugt und mit vergrabenen Dingen konfrontiert. Und da ein Buch oft, wenn Jahre nach der Ideenfindung der Reifeprozess abgeschlossen ist und die Niederschrift begonnen wird, irgendwo in seinen tiefsten Tiefen ein Jonglieren mit Ungeklärtem, Unausgesprochenen und das Kratzen an schlecht verheilten Wunden ist, ist das etwas Gefährliches. Dieses Mal in mehrfacher Hinsicht, denn dieser politische Künstlerkrimi – ich nenne es mal so, schon weil er sich immer mehr als Bruder vom “Ruhestand” (2005) heraus stellt – ist auch durchaus nicht ungefährlich für mich. Eine gewisse Verfremdung ist daher aus verschiedenen Gründen absolut notwendig. Zum einen literarisch, da ich keine autobiographische Selbstbespiegelung zu Papier bringen möchte, sondern einen allgemeingültigen und spannenden Kriminalroman. Aber zum anderen eben auch, damit mir kein Strick daraus gedreht werden kann. Ein Aspekt der Verfremdung hat sich bei der gerade vollendeten Szene klar herauskristallisiert: Die Orte werden verwischt, vermischt und verallgemeinert. Das Bild oben zeigt das Schloss Hohenprießnitz, in dem mein Bruder einige Jahre in vergleichbaren Umständen lebte wie ich in der “Stiftung”. Allerdings ohne die politischen Verwicklungen. Es wird einer der etlichen Vorbilder sein, aus denen ich den Stift destilliere. Was jedoch nicht umgangen werden kann, ist die Verortung in der ehemaligen DDR, denn diese ist wesentlich und ohne sie kann die Geschichte nicht funktionieren. Mit einem Maler oder Musiker hingegen schon, aber nichtsdestotrotz wird der Protagonist dieses Mal ein Schreiberling werden. Ein analytisches, selbstverwühltes Recherchetier eignet sich einfach am besten für diese Geschichte.



[Norman Liebold, 16.11.2011
Autorengefasel, Nähkästchen
Kommentare: Keine Kommentare » ]


Die Büchse der Pandora – “Der Stift” begonnen

Von Norman Liebold geschrieben am: 13.11.2011 unter Autorengefasel, Nähkästchen

[Dieser Artikel ist der 1. von 2 Teilen in der Reihe Schreibwerkstatt: Der Stift]

Norman Liebold an einem der Eingänge zu den Ofenkaulen, wo sein neuer Horror-Roman "Die Höhle" (erschienen: 11.11.2011) spielt. Foto: Anke Böser.
Norman Liebold an einem der Eingänge zu den Ofenkaulen, wo sein neuer Horror-Roman "Die Höhle" (erschienen: 11.11.2011) spielt. Foto: Anke Böser.12-Nov-2011 16:08, PENTAX PENTAX K-x , 5.6, 50.0mm, 0.067 sec, ISO 400
Heute Morgen stand ich wie üblich, wenn meine Liebste zur Arbeit muss, mit ihr um fünf auf und setzte noch mein Auto aus der Einfahrt – als wir gestern nocheinmal an den Ofenkaulen waren, um Bilder vom Schauplatz von “Die Höhle” zu machen, meinte ein unaussprechliches Subjekt, dem ich am liebsten die Eier abschneiden und sie ihm zu Fressen geben würde, ihr Auto aufzubrechen, indem es die Scheibe der Beifahrertür zerschlug. Auch wenn es natürlich dramatisch zu berichten wäre, denke ich noch nicht einmal ansatzweise, dass der Geist auf diese Weise sein Mißfallen auszudrücken beliebte, dass ich ihm literarisch huldigte. Dieser nämlich war ausgesprochen umgänglich, ja fast freundlich, was ich natürlich als Abnicken der “Höhle” nehme. Nein, dieser vandalisierende Sohn einer räudigen Hündin war schlicht und ergreifend ebenso verachtenswert wie dämlich und das sind gemeinhin nur Menschen: Er klaute die Handtasche, in der sich nichts von materiellem Wert befand (soll er sich an den Magnesium-Brausetabletten erfreuen, ich gönne sie ihm!), übersah aber in seiner unbeschreiblichen Hirnamputiertheit die wohlgefüllte Brieftasche. Wenn es nicht so kalt wäre und A* nicht um halb sechs Uhr morgens eine halbe Stunde zur Arbeit fahren müßte und nicht die Wege zur Polizei wären, dann würde ich in homerisches Gelächter ausbrechen, zumal recht und links neben der kleinen Ford-K-Möhre nicht nur mein wie immer unabgeschlossener Wagen mit fetter Digitaler Spiegelreflex und einem 1.500-Euro-Laptop stand, sondern auch zwei dicke Bonzenkarren. Möge dem räudigen Hundesohn die Eier abfaulen und der Rest seines eh degenerierten Hirns aus den Ohren tropfen. Für mich bedeutet das, das ich die nächsten Tage autolos sein werde und Rosinante hoffentlich die hübsche Reiterin sicher zur Arbeit und zurück bringt. Mir gefällt es tatsächlich, auf diese Weise in meiner Klause zu Breidscheid (hinter Schreck, gleich bei Wahn) sozusagen festzusitzen, mein Öfchen knistern und knäckern zu lassen, ab und an die Schriftstellerkatze Nadu schnurrend im Bücherschrank zu streicheln und meinen Parker zu zücken, um endlich den “Stift” zu beginnen.

Die Schriftstellerkatze Nadu, drei Monate alt. Foto: Norman Liebold, 2011.
Die Schriftstellerkatze Nadu, drei Monate alt. Foto: Norman Liebold, 2011.04-Nov-2010 14:08, PENTAX PENTAX K-m , 4.5, 105.0mm, 0.006 sec, ISO 400
Der “Stift” erweist sich als ebenso unerschöpflich, überraschend und eigenwillig wie Nadu, die Schriftsteller-Katze. Ursprünglich – ziemlich genau vor 5 Jahren – notierte ich die Geschichtenidee als eine kleine Kriminalnovelle mit philosophisch-psychologischen Spitzfindigkeiten. Übrigens eine, die auf wahren Begebenheiten basiert. Als ich letztes Jahr – auch in etwa um diese Zeit herum – nach längerer Zeit wieder am Ort des Geschehens war und selbst ein wenig kriminell wurde, indem ich meine geliebte Stehlampe durch Einstieg in den Keller des jetzt leerstehenden Gebäudes wieder in meinen Besitz brachte, geschah etwas mit der Geschichte in mir. Sie begann, nach außen zu drängen. Der Anlaß dafür war, dass genau das, was in der Geschichtenkonstruktion von 2006 als Ende formuliert wurde, ziemlich genauso eingetroffen ist. Die Erlebnisse bei diesem Besuch hatten ein eigenartiges Gefühl, wie immer, wenn eine der in mir schlafenden Stories blinzelnd das Auge öffnet und sich ähnlich zu recken beginnt, wie man es im Bild links bei Nadu sehen kann. Seitdem und während der Arbeiten an der “Höhle” kamen immer wieder Gedankenskizzen zur Ideenniederschrift hinzu. Eine Geschichte in diesem halbschlafenen Zustand ist eine überaus bemerkenswerte Sache. Die mystische Betrachtungsweise wäre zu sagen, daß sie beginnt, sich in die Wirklichkeit auszudehnen und Dinge anzuziehen, die zu ihr gehören. Es geschehen Dinge, die Puzzlestücke aus Schubladen fallen lassen, oder sie versteckt weitere Puzzlestücke in den Taschen des Herbstmantels, so dass man, wenn man ihn Anfang November aus der Truhe holt und in die Tasche greift, plötzlich weitere Geschichten-Details in der Hand hält. Harmlos ausgedrückt.

Saalecker Werkstätten, 2002, Haupthaus
Saalecker Werkstätten, 2002, HaupthausFUJI PHOTO FILM CO., LTD. SP-2000
Heute Morgen begann ich also, den Geschichtenverlauf, die Charakterstrukturen und die Zeit- und Erzählebenen zu notieren und diejenigen Szenen kurz zu umreissen, die Herz- und Nierenstücke der Geschichte sind. Dass ich mich jetzt hinsetze, um davon zu berichten, liegt an dem unbedingten Gefühl, bei einem Waldspaziergang etwas seltsames aus dem Laub hervor lugen zu sehen. Etwas wie ein geschupptes Schwänzchen. Von einer Eidechse vielleicht, die es nicht rechtzeitig in ihr Winterloch geschafft hat. Und daß das Schwänzchen eisbergspitzentechnisch sich dann als Schwanz herausstellt, der kein Ende nehmen will und immer dicker wird (von der Assoziation einer Erektion bitte ich abzusehen, obgleich das Gefühl dabei nicht ganz unähnlich ist). Und während man Meter um Meter Laub wegschaufelt, immer irritierter, immer faszinierter und zunehmend furchterfüllt, steht man vor der Unglaublichkeit, ganz offensichtlich dabei zu sein, einen Drachen im Wald auszugraben. Und man erinnert sich plötzlich daran, dass man – so absurd das scheinen mag – aufgebrochen war, um Drachen zu suchen. Das kleine Spiegelkabinettchen, das ich da in Buchdeckel zu fassen gedacht hatte, erweist sich als ein Kabinett, wie Dr. Parnassus es im gleichnamigen Film von Terry Gilliam betrieb. Die zwar hinterhältigen, aber doch eher kleinen Seitenhiebe, die auf Mißbrauch von Staatsgeldern, die Ewiggestrigen und nicht zuletzt auf das Zerreissen von Familien durch historische Politikae wie die Wende oder das 3. Reich gezielt sind, mausern sich zu Rundumschlägen und das Betrachten des psychologischen Phänomens, einem alten Traum verbissen wieder nachzurennen, wenn die Wirklichkeit zu blinden Scherben zerbricht, plustert sich zu einer Generalkritik durch alle Ebenen, die in ihrer Absolutheit ein ähnlich fasziniert-furchtsames Erschauern auslöst wie der Anblick des im Laub vergrabenen Drachens. Bei diesen Dingen ist jedoch klar, dass ich sie mit Kribbeln in den Fingern angehen und die Herausforderung annehmen werde. Was beim Scribbeln als einziger Punkt noch unklar ist, ist die Frage der Leiche, bzw. ihrer kriminologischen Notwendigkeit. Irgendwie flüstert der “Stift”, dass er ein Menschenopfer braucht, und in mir wehrt es sich noch dagegen. Ich mag keine Leichen und Morde sind zum Glück höchst unwahrscheinlich. Andererseits dreht sich der Stift (unter anderem) um einige Millionen veruntreuter Gelder, und dies läßt die Wahrscheinlichkeit doch in einen Bereich steigen, dass ich ein Menschenopfer in Betracht ziehe.



[Norman Liebold, 13.11.2011
Autorengefasel, Nähkästchen
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Neue Bücher, neues Leben

Von Norman Liebold geschrieben am: 12.11.2011 unter Autorengefasel, Büchermeldungen, Nähkästchen

Drucker und Autor. Foto: Anke Böser.
Drucker und Autor. Foto: Anke Böser.02-Nov-2011 15:53, PENTAX PENTAX K-x , 5.6, 55.0mm, 0.067 sec, ISO 400
Endlich ist es soweit: “Die Höhle” ist ab sofort lieferbar mit den Illustrationen von Alexander Lebedev und mir selbst. Und darüber hinaus auch der neu von Katharina Theine und mir selbst neu illustrierte “Dichterbrand” und der überarbeitete “Gläserne Sarg”. Die letzten Monate waren, wie man sich denken kann, ein einziges Durcharbeiten – und es hat sich gelohnt. Nicht nur auf der Ebene der Bücher ist viel geschehen. Die kleine Katze Nadu hat Einzug in die Schriftsteller-Klause im Bergischen Land gehalten und das Fachwerk mit unübersehbarem Vergnügen und katzentypischer Eleganz als ihr neues Königreich erklärt, und das Fachwerkgeschachtel selbst ist endlich fertig möbliert, meine Bibliothek ist mit den letzten ein, zwei Dutzend Kartons angekommen und ich fühle mich endlich zuhause. (Um Mißverständnissen vorzubeugen: Meine schreibklausurige Wohnschnecke im Siebengebirge habe ich natürlich nach wie vor, auch wenn sie jetzt tatsächlich den Charakter einer Datscha zum Zurückziehen und versunken Schreiben angenommen hat.)

Die Rejustierungen, Reanalogisierungen und Entzettelungen, die ich im letzten halben Jahr mit Kompromisslosigkeit durchzog, bzw. mich endlich getraute durchzuziehen, haben Frucht getragen. Das Gestern ist abgepackt, katalogisiert und archiviert, die Zettelkästen leer, die Schreibtische jungfräulich, die Füllfederhalter frisch befüllt und die Notizbücher voller weißer, leise flüsternder Seiten. An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, nochmals eine Bitte um Nachsicht anzubringen: Seit ich vorgestern wieder aus der Funksperre auftauchte, kamen derart viele Bemerkungen und Kommentare in der Richtung, dass mein Anblick Erstaunen hervorriefe, da man mich für verschollen angesehen hatte, dass ich nicht umhin komme, hier nocheinmal zusammenzufassen: Seit 2005 befleißigte ich mich eines Lebens, das effektiv nicht das Leben eines Mannes, sondern das von ca. dreieinhalb gewesen ist. Das Ende des Studiums 2007 nahm vielleicht die schizophrene Teilperson des Studiosus aus der Rechnung, aber es drängten sich direkt zwei neue in die freugewordene Lücke. Auch der Hans Dampf mußte Anfang des Jahres eingestehen, dass ihm die Puste ausging und er weder die Kraft noch (das vor allem) die Geduld hatte, Altlasten und Unnötiges weiter mit sich herum zu zerren. Ich rejustierte mich auf die Dinge, die mir wirklich wichtig sind und die sich, seit ich zurückdenken kann, nicht wesentlich geändert haben. Und schmiß den Rest über Bord, ehe ich kenterte. Danach war Entwöhnung (oder Entzugsüberwindung?) notwendig, aber auch, dass ich das Paddel nahm und den Wesen auf die Finger, Krallen und Tentakel schlug, die versuchten, wieder ins Boot zurück zu krabbeln, klettern oder schlüpfen. Was bedingte, dass ich  effektiv ein halbes Jahr nicht wirklich erreichbar war – und es auch nie wieder in der gewesenen Form zu sein beabsichtige.

Jetzt ist das jungfräuliche Moleskine aufgeschlagen, die Füller frisch befüllt und im Ofen knistert und knäckert munter das Feuerchen. Ruhe ist eingekehrt, und Freude und Leichtigkeit. Die ersten 20 Lesungen für 2012 stehen, das Sax und die Klarinette sind mit neuen Blättern bestückt und meine Bibliothek verspricht gemütliche Leseabende am Ofen. Den Winter werde ich im Fachwerk verbringen und vor allem am Krimi “Der Stift” arbeiten, die “Ansichten eines Aktmodells” endlich vollenden und mit den Siebengebirgsmärchen beginnen. Vielleicht komme ich sogar dazu, mit den Arbeiten am “Zeitenquell”, diesem äußerst umfänglichen Romanprojekt, zu beginnen, das seit 2003 in der Mache ist. Es werden viele Zeichnungen für diese Bücher entstehen und mit meinen Musikern von “WortAnKlang” werden neue abendfüllende Shows eingeprobt. Ansonsten freue ich mich auf lange Spaziergänge und schöne Konzerte, auf Stunden mit Silberarbeiten und fiebere gerade dem “Stift” entgegen, dessen spiegelnde Vielschichtigkeit eine ganz besondere Herausforderung werden wird.



[Norman Liebold, 12.11.2011
Autorengefasel, Büchermeldungen, Nähkästchen
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Dichterbrand – die Illustration der zweiten Auflage

Von Norman Liebold geschrieben am: 30.10.2011 unter Autorengefasel

Cover Dichterbrand

Cover Dichterbrand

Am 11.11.2011 bekommt der “Dichterbrand” ein neues Gewand: In seiner zweiten Auflage erscheint er auf wunderschönem Munken Volumen in Cremeweiss mit einem 300g starken Vierfarbcover, ist um 30 Seiten angewachsen, damit man ihn nicht mehr mit der Lupe lesen muss und wird auf einer Original Heidelberg Druckmaschine von 1963 gedruckt. Aber das vielleicht wichtigste und schönste ist: Für die Neuauflage haben meine Lieblingsillustratorin Katharina Theine und ich selbst uns daran gesetzt und einen Illustrationszyklus aus 10 Zeichnungen geschaffen.
Im Buch finden sie jetzt immer abwechselnd eine Zeichnung von Katharina und mir. Ihre sind in Pastell auf Din A2 gearbeitet, meine – natürlich – als Tuschezeichnungen. Die Pastellarbeiten zeigen Quirin Hundtemanns Blickwinkel, während ich den Blick auf Quirin lenke und ihn selber zeige. Wobei die letzte meiner Zeichnungen eine Ausnahme darstellt, zeigt sie doch nicht Quirin, sondern Richard Recknagel. Der Roman spielt mit Identitäten: der Literatur-Magister untersucht den Fall des Schriftstellers, der auf dem Wohnwagenplatz verbrannt ist, und unschwer läßt sich das Augenzwinkern übersehen. Der Dichterbrand entstand kurz nach meinem Magisterabschluss in verschiedenen literarischen Studienfächern und ich Schriftsteller lebte während des Magisters und die vier Jahre darauf auf ebendiesem Wohnwagenplatz. Auch Katharina spielt in ihrer letzten Zeichnung mit dieser im Roman versteckten Ironie, dass ich selbst meine eigene Verbrennung aufkläre: Wenn Sie sich die 5. Zeicnhnung von Katharinas Hand ansehen, werden Sie feststellen, dass auf dem Bucheinband des “Dichterbrand” nicht “Michael Recknagel” oder “Richard Beckmann” steht, sondern “Norman Liebold”.

Norman Liebold. Foto: Anke Böser 2011.

Norman Liebold. Foto: Anke Böser 2011.12-Okt-2011 18:21, PENTAX PENTAX K-x , 8.0, 24.38mm, 0.1 sec, ISO 800

Die Erstellung der Illustrationen hat sehr viel Freude gemacht. Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei meiner Partnerin bedanken, die für mich eine Reihe von Photos machte, mit Hilfe derer ich die Faltenwurf und die eine oder andere Schwierigkeit in kuriosen Körperhaltungen studieren konnte. Die Shootings haben ausgesprochen viel Spaß gemacht!


Hier für Sie die Zeichnungen:

Illustration für das 1. Kapitel: Quirin im Sessel. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.

Illustration für das 1. Kapitel: Quirin im Sessel. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.

Quirin auf dem Eudenbacher Friedhof. Illustration für das 3. Kapitel von 'Dichterbrand'. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.

Quirin auf dem Eudenbacher Friedhof. Illustration für das 3. Kapitel von ‘Dichterbrand’. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.

Der Widergänger. Illustration zum 9. Kapitel des 'Dichterbrand'. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.

Der Widergänger. Illustration zum 9. Kapitel des ‘Dichterbrand’. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.

Illustration für "Dichterbrand" - Quirin und die Soldaten. Norman Liebold, 2011, Tusche auf Papier.

Illustration für “Dichterbrand” – Quirin und die Soldaten. Norman Liebold, 2011, Tusche auf Papier.

Latein-Duell in der Buchhandlung. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.

Latein-Duell in der Buchhandlung. Norman Liebold 2011, Tusche auf Papier 29,7 x 42 cm.

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.10-Okt-2011 16:05, PENTAX PENTAX K-x , 50.0mm, 0.05 sec, ISO 100

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.10-Okt-2011 15:52, PENTAX PENTAX K-x , 50.0mm, 0.022 sec, ISO 100

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.10-Okt-2011 15:49, PENTAX PENTAX K-x , 50.0mm, 0.022 sec, ISO 100

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.13-Okt-2010 16:42, PENTAX PENTAX K-m , 5.6, 55.0mm, 0.022 sec, ISO 100

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.

Katharina Theine: Illustration zu Dichterbrand. Pastell auf Papier, Din A2.13-Okt-2010 16:41, PENTAX PENTAX K-m , 5.6, 55.0mm, 0.033 sec, ISO 100



[Norman Liebold, 30.10.2011
Autorengefasel
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Die Höhle – aus dem 5. Kapitel

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter SchmökerEcke

Cover 'Die Höhle' Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.

Copyright by Norman Liebold, 2011.

Links zum Buch:


Kapiteleingangsornament für das 5. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Kapiteleingangsornament für das 5. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Aus der Tiefe gurgelten die verzerrten Echos. Keine Antwort. Vorsichtig trat er einige Schritte hinein. Es roch eigenartig metallisch, und das Schimmern vor ihm wurde deutlicher. Es füllte den gesamten Felsengang aus. Eine ebene Fläche, eine Wand aus spiegelndem Material. Die Kerzenflamme und sein eigenes, verstörtes Gesicht kamen ihm entgegen. Verzerrt wie in einem alten, verzogenen Spiegel. Wo die Flächen auf den Fels trafen, waren sie fleckig; rostige Streifen liefen hinunter. Die Oberfläche war von knopfgroßen stumpfsilbernen Nieten durchbrochen. Das Ding wirkte genauso seltsam wie die gigantischen Felsquader in der Halle – hier konnte Silvia nicht durchgekommen sein. Er war im Begriff, sich wieder umzudrehen, als er, halb aus dem Augenwinkel, eine Bewegung im Spiegel wahrnahm. Sein Spiegelbild hatte sich bewegt – oder vielmehr nicht bewegt – es stand noch genauso da, die Kerze mit der Hand abgeschirmt, das Gesicht von unten angestrahlt. Es schaute ihn an. Manuel spürte, wie sein Gesicht sich mit dem Ausdruck von Furcht füllte, aber sein Spiegelbild schaute ihm unverändert aus der glänzenden Fläche entgegen. Der Ausdruck seines Gesichts schien kalt und berechnend. Manuel hob die Kerze ein wenig und senkte sie wieder. Die Kerze im Spiegel folgte der Bewegung nicht. Mehrere Herzschläge verstrichen, dann hob sein Spiegelbild die Kerze mit einer kurzen, schnellen Bewegung, um sie sofort wieder zu senken – eine höhnische Parodie. Das Spiegelbild lächelte ein kaltes, unangenehmes Lächeln.
Das Gefühl, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit zu hängen, wurde so stark, dass Manuel schwindelte. Sein Spiegelbild machte einen Schritt auf ihn zu, stützte die Hand gegen die glatte Fläche, lehnte sich dagegen und legte den Kopf schief. Es weidete sich an Manuels Schrecken, beobachtete mit Genuss, wie das Entsetzen in ihm hoch kroch – ein Entsetzen, das grausamer war als ein sich selbstständig machendes Spiegelbild, unheimlicher als das Gefühl, dass der eigenen Wahrnehmung jetzt überhaupt nicht mehr zu trauen war. Es war nicht die Angst, dass ihn dieser Mann dort vernichten wollte und sich dafür in einer Anwandlung grotesken Humors seine Gestalt geliehen hatte.
Er kannte ihn über die Vertrautheit hinaus, die das eigene Spiegelbild hat. Die Ähnlichkeit war auch weniger die eines Spiegelbildes, sondern eher die zwischen Zwillingen. Der Spiegel hatte ein kaltes, hartes Gesicht und Augen, aus denen Berechnung sprach. Und eine subtile Grausamkeit. Er grinste, als er Manuels Erkennen sah. Er öffnete den Mund, und für Manuels Wirklichkeitsempfinden war es wie ein Schlag in die Magengrube, als seine eigene Stimme dumpf durch den Spiegel drang. „Sie ist hier durch gekommen“, sagte er. „Aber dir werde ich es bestimmt nicht so leicht machen.“ Sein Lachen war leise und gemein. „Ich sehe gar nicht ein, warum ich einem so selbstgerechten Arschloch wie dir eine Chance geben sollte.“
„Wer bist du?“ Manuels Stimme war leise und heiser.
„Ich glaube nicht, dass ich dir das erklären muss.“
„Bist du mein dunkles Selbst?“
Der andere begann zu lachen. Die Frage schien ihn ungemein zu amüsieren. „Wir sind hier nicht in irgend einem pseudo-psychologischen Fantasy-Roman, mein Lieber. Ich bin kein dunkles Selbst, mit dem du dich versöhnen musst, um die Einheit deiner Seele wiederzuerlangen. Ich bin bloß dein beschissenes Spiegelbild – ungefiltert, sozusagen.“
Manuel wusste nichts zu entgegen. Es gab zu viele Momente in seiner Erinnerung, in denen er ihn schon gesehen hatte. Momente, die ihn wie kaum etwas anderes verunsicherten. In denen seine Selbstwahrnehmung plötzlich gekippt war und ihn sich selbst als Arschloch zeigten: Egozentrisch, selbstgerecht und mit Lust verletzend.
„Gut erkannt“, erklärte das Spiegelbild, lässig gegen die andere Seite der Scheibe gelehnt. „Du bist eine schlecht konstruierte Lüge. Dein ganzes Wesen ist ein Flickwerk aus Selbstbetrug. Deine Erinnerung Schönfärberei.“ Er fixierte Manuel durch den Spiegel hindurch, beobachtete mit kaltem Lächeln, wie seine Worte einschlugen. „Die Menschen, die du Freunde nennst, sie dulden dich nur und ertragen deine Klugscheißereien und Bevormundungen nur aus Pflichtgefühl und Nachsicht. Wirklich mögen tun sie dich nur so lange sie noch nicht gemerkt haben, wie du wirklich bist. Weil du sie getäuscht hast mit deinem gebildeten Gelaber und den Lügen über dich selbst, an die du sogar selber glaubst.“
„Halt die Schnauze!“, kreischte Manuel.
„Aber warum denn?“ Das Spiegelbild zeigte sich unbeeindruckt. Es entblößte nur noch mehr Zähne beim Grinsen. Spitze Zähne. Manuel suchte nach Worten, die er ihm entgegen schreien konnte, aber er fand keine. Seine Brust schien bersten zu wollen von einer wütenden Angst; er wollte gegen diesen Spiegel anrennen und ihn zertrümmern. „Ich werde mir bestimmt nicht von einem wie dir das Maul verbieten lassen. Einem, der den Menschen, die ihn lieben, unendlichen Schmerz zufügt. Du Pseudo-Psychologe hast deine beschissenen pubertären Ängste vor der übermächtigen Frau auf liebenswert-arglose Mädel projiziert und sie zu dunklen, intriganten Göttinnen gemacht in deinem verkorksten Hirnkasten – und deine komische Weibsspinne in ihnen bekämpft. Hast ihnen mit deinen Vorwürfen und Unterstellungen das Herz zerrissen und ihre Gefühle mit Füßen getreten. Böse Absichten, Marionettenspielerinnen, Intrigenspinnerinnen, Psychovampire, schöne Müllerinnen, die hinter ihrer hübschen Larve bösartige, hinterlistige Monstren verstecken.“
„Hör auf, hör endlich auf!“, kreischte Manuel in einem fort. Seine Stimme überschlug sich, und er hatte die Hände auf die Ohren gepresst. Aber es half nichts: weder die Hände auf den Ohren noch sein Geschrei konnten auch nur ein Wort des Spiegelbildes ersticken. Lässig gegen seine Seite der Scheibe gelehnt sprach es ruhig und ohne die Stimme auch nur zu heben: „Schau dich doch an. Du benimmst dich wie ein verzogener Sechsjähriger, wenn er seinen Wutausbruch bekommt. Willst du nicht noch ein bisschen mit den Füßen stampfen? Du weißt, dass ich Recht habe! Nur getroffene Hunde bellen. Ich kann dir noch mehr sagen, Brüderchen.“ Das Spiegelbild brachte sein Gesicht ganz nah an die Scheibe. Vor dem unendlich kalten Lächeln beschlug die Oberfläche, aus den Augen blickte eine Verachtung, ein Belächeln, die die Wut in Manuel ins Maßlose steigerte; eine Wut, die seltsam ungerichtet kochte und tobte und seine Brust sprengen wollte und keinen Ausgang, kein Ventil fand. Sie wollte nichts als das Spiegelbild zum Schweigen bringen. Denn jedes Wort war wie eine glühende Nadel, die bis hinab ins Innerste stach und Dinge weckte, Dinge, die Manuel von innen her zerbissen und zerkratzten. Das Spiegelgrinsen wurde noch ein wenig breiter. Das Amüsement trat in den Vordergrund, ein so herablassend-verächtliches Amüsement, dass die Wut noch ein wenig mehr hoch kochte und Manuel den Atem nahm. Die Linien um den Mund des Spiegelbildes verzogen sich zu einem breiten Grinsen – und darüber hinaus. Das Grinsen verzerrte das Gesicht – es erinnerte an die Metamorphosen des Müllerin-Gesichtes auf dem Spinnenleib, nur subtiler: die Nase bekam einen leichten Knick, als wäre sie einmal gebrochen gewesen; um die Augen vertiefte sich das Netz aus Fältchen, der Haaransatz wich zurück. Manuel starrte ihn an. Hätte der Spiegel ihn gespiegelt, hätte er die seltsam widersprüchliche Mischung von Gefühlen auf seinem Gesicht gesehen. Die Unterwürfigkeit eines geprügelten Hundes, der Stolz des Märtyrers, die Bewunderung des kleinen Jungen, der Hass des Wehrlosen. Am stärksten vielleicht die Spuren eines Jahrzehnte dauernden Ringens um Anerkennung, die auf Spott, Ablehnung und ewiges Herumnörgeln stößt. „Du!“, stieß Manuel tonlos hervor. Seine entgleisten Gesichtzüge waren nur ein schwaches Abbild der Kämpfe in seinem Inneren. Das Gesicht vor ihm, kalt lächelnd mit Augen, die sich kühl distanziert in seine Seele bohrten, stießen eine Tür auf, rissen eine Mauer ein, und eine Flut aus Bildern, Szenen und Gefühlen brach hervor. Manuel war fünf, und er war zehn. Er war zwölf und er war junger Erwachsener. Und alles, was er tat, fühlte und sprach, alles was ihm wichtig war und was er liebte, alles, worauf er stolz war, was er hoffte und wünschte, alles wurde mit harten Worten in den Dreck getreten. Immer wieder, immer aufs Neue. Er war ein Stück stinkende Scheiße, unwürdig, dumm und unfähig. Ein Dilettant und Versager, ein hässlicher Kretin. Die unbändige Liebe und Bewunderung, die er tief in sich trug, durchlief ein ständiges Wechselbad zwischen brutaler Verletzung und Momenten der Seligkeit. Er hörte die Stimme tief in seinem Innersten. Sie war immer da gewesen, die ganze Zeit, all die Jahre. Und er hörte, was sie sprach. Wie sie ihn auseinander nahm, demontierte und jedes Teil für schlecht befand. Dass nur noch Zweifel in ihm war, nein, Gewissheit, dass alles, was ihn ausmachte, alles, was er zu können glaubte, alles, was er tat, nichts wert war. Weniger als nichts. Und wenn irgendjemand meinte, dass es gut sei, dann log er entweder, versuchte, sich einzuschleimen oder war schlicht zu blöd, um zu sehen, wie scheiße es in Wirklichkeit war.
„Du!“, sagte Manuel ein zweites Mal. Er hob den Blick und schaute das Spiegelbild an. Er fühlte, dass sein Blick jetzt ebenfalls bohrend war. Sein Rückgrat straffte sich, die Hände ballten sich zu Fäusten. Wie gut kannte er dieses Gesicht! Auch wenn er es seit Jahren nicht gesehen hatte. Und er begriff, dass es nichts genutzt hatte, seinen Träger aus seinem Leben heraus zu sezieren – er trug ihn mit sich herum. Und selbst wenn er seine inneren Ohren für seine Stimme verschlossen hatte – sie sprach dennoch weiter, und sie tarnte sich als seine eigene.
Er machte einen Schritt auf den Spiegel zu und zu seinem Erstaunen sah er, dass das überhebliche Lächeln ihm gegenüber zerbröckelte und in die so wohl bekannten Augen etwas kroch, das wie Furcht wirkte. Das Durcheinander von Wut und Angst in Manuel – wirr und wild überkochend, wie ein tollwütiges Tier kreischend in seiner Brust – wurde ruhig und kühl. Klar. Gerichtet. Noch ein Schritt. Manuel stand jetzt direkt vor dem Spiegel. Der andere versuchte, die Maske seiner Lässigkeit aufrechtzuerhalten, aber es gelang ihm nicht. Als Manuel direkt vor dem Spiegel stand, wich er einen Schritt zurück. Widerwillig, fast ein wenig ungläubig.
„Du hast keine Macht mehr über mich“, sagte Manuel. „Ich habe dich erkannt.“ Er rief sich das Gefühl ins Gedächtnis, wie seine Hand in die Wunde des Kristalls getaucht war und geheilt hatte, streckte den Arm aus und legte die Finger auf das Glas des Spiegels. Sie tauchten in das polierte Metall, als wäre es aus Spinnweben. Das Spiegelbild stolperte einen weiteren Schritt zurück. Und sein Gesicht verzerrte sich in einer Mischung aus Angst und Hass. Manuel zerriss den Spiegel wie ein Spinnennetz. Mit jedem Griff in die spiegelnde Oberfläche, jeder ausgreifenden Armbewegung zerrte er einen halben Meter herunter. Unzählige schwarze Witwen, diesmal in natürlicher Größe, krochen über die Höhlenwand davon und verschwanden in Ritzen und Spalten. Und mit dem Gesicht des Spiegelbildes geschah Unheimliches. Es war, als fetzte eine unsichtbare Klaue eine Maske von seinem Schädel. Jeder spiegelzerreißende Hieb Manuels zerriss auch das Gesicht vor ihm. Und darunter bewegte es sich. Eine schwarze, wimmelnde Masse. Und wo der Mund war – Zähne. Lang, spitz, wie aus Glas. Ein Maul mit Hunderten von Zähnen; die Lippen zuckende Wülste.
„Was dachtest du?“, krächzte die Stimme des Spiegelbildes. Ein Gurgeln und Röcheln wie das Echo in den Gängen des Bergs. Es lachte. „Dass du irgendwelche verdrehten Komplexe in dir entdeckst und ich mich – kaum, dass du sie sehen kannst – in Wohlgefallen auflöse? Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du dich nicht in einem pseudo-psychologischen Selbstfindungsroman befindest.“ Er trat einen Schritt auf Manuel zu und zerriss mit einem Hieb seiner Hand den letzten Rest des Spiegels. Zugleich fiel das letzte Menschliche von seinem Gesicht ab. Und von seinem Körper. Im Gang stand eine mannshohe Gestalt, die Glieder in ständiger Verwandlung. Schwarzes Wimmeln, dass sich in immer neuen Formen zusammenfand. Millionen Schwarzer Witwen, vielleicht. Oder Käfer. Manuel konnte es im flackernden, schwachen Licht nicht erkennen. Nur die glitzernden Zähne aus Glas und das Maul blieben. „Hat die Spiegelwand deinen Weg versperrt, Manuel? Oder hat sie dich vor mir beschützt? Das ist sicherlich eine Frage, die dich im Moment beschäftigt, vermute ich.“ Das Spiegelbild machte einen Sprung, der nichts menschliches mehr an sich hatte: Es schwärmte, floss, quoll und nur das zahngefüllte Maul bewahrte seine Form. Es prallte nicht gegen Manuel – ein Strom unzähliger vielbeiniger, schwarz glänzender Körper traf seine Brust und hüllte ihn ein. Sie waren überall. Krochen über Beine, Bauch und Arme, über Hals und Rücken – bedeckten Kinn, Wangen, Lippen, Augen. Drangen durch Ärmel, Kragen und Hosenbeine; waren überall auf seiner nackten Haut. Und in seinem Nacken bildeten sie einen Klumpen. Das Maul. Manuel konnte es nicht sehen, aber er spürte es. Fühlte die nadelspitzen Glas-Zähne. Sie drangen in seine Haut. Er schrie, und die Dinger strömten in seinen Mund. Tausend nadelfeine Bisse flammten überall an seinem Körper auf, vereinigten sich, flossen zu einem allumfassenden, brennenden Schmerz zusammen. Manuel schlug um sich, warf sich auf den Boden, wälzte sich über den Fels. Sie klebten an ihm, krallten, bissen, drängten in jede Spalte; ihre Körper saßen in den Achseln, auf den Augenlidern, Lippen. Manuel sprang auf und rannte – rannte schreiend, um sich schlagend, den Felsengang hinunter, schlug auf seinen Körper ein, zermalmte mit jedem Schlag ein Dutzend der schwarzglänzenden Körper – aber genauso viele strömten nach. Sein Blick flackerte, die Felswände flimmerten in wilden Farben, er roch verwesendes Fleisch, dann Erdbeeren in wilden Wechsel; das Parfüm einer längst vergessenen Geliebten. Und tief in seinem Nacken saßen die Zähne aus Glas. Es war, als krallte sich ein Vampir auf seinen Rücken und zugleich, als wäre er in ein riesiges Wespennest gefallen.
Aus dem Fels der Höhlenwand pressten sich steinerne Gesichter und glotzten ihm entgegen. Wurzelhände ragten und griffen nach ihm. Ein Schlauch aus Gesichtern und Händen. Erdmünder öffneten sich, Stimmen wie knirschender Kies schrien. Er kannte sie, unter Wurzelhaaren und rissiger Felshaut erkannte er sie. Hunderte bekannte Gesichter aus Stein. Er hörte die kiesel-knirschenden Stimmen. Alle seine Quälgeister waren hier, zu einer Masse aus Gesichtern und Händen verbacken. Manuel rannte, die schreienden Stein-Fratzen rasten vorbei. Sie schrien Vorwürfe, Anklagen. Sie schrien Forderungen. Sie schrien ihm entgegen und hinterher. Ein Spießrutenlauf. Manuel wurde schwarz vor Augen, alles schwankte; er rannte weiter. Er wusste: wenn er fiele, kämen sie über ihn. Zerrissen ihn mit Wurzelfingern, fräßen ihn mit Steinenmäulern. Der Schlauch aus Fratzen und Händen wurde immer enger, zog sich zusammen. Voraus glomm ein blau-türkisener Schimmer – ihn musste er erreichen … er würde ihn nicht erreichen: der Gang schrumpfte, schon spürte er die Wurzelhände von allen Seiten. Die Steingesichter mit toten Kieselaugen rückten zusammen, starrten ihm entgegen, schrien, forderten, kreischten Vorwürfe. Der Gang schloss sich. Vor ihm eine kompakte Wand aus grabschenden, schreienden Steinwesen. Sein Körper bedeckt mit beißenden Spinnen. In der Schulter der tiefe Biss des Spiegeldämons. Sein Körper versagte: er sackte in die Knie, sein flackernder Blick verwirrte sich in Dutzenden schreiender Gesichter aus Stein. Die Zeit lief langsamer, die krallenden Wurzelhände fuhren in Zeitlupe durch die klamme Luft der Felsenganges, tasteten nach ihm, versuchten ihn zu fassen.



[Norman Liebold, 29.10.2011
SchmökerEcke
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Die Höhle – 3. Kapitel “Höhlentor”

Von Norman Liebold geschrieben am: 29.10.2011 unter SchmökerEcke

Cover 'Die Höhle' Leseprobe aus Liebold, Norman: Die Höhle. Königswinter 2011.

Copyright by Norman Liebold, 2011.

Links zum Buch:


Kapiteleingangsornament zum 3. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Kapiteleingangsornament zum 3. Kapitel. Tusche auf Papier, Norman Liebold 2011

Manuel wusste vom ersten Augenblick an, dass es ein Traum war. Er hatte Erfahrung darin. Seitdem er die Traumdeutung gelesen hatte, führte er Buch über seine Träume, und Freuds Versprechen hatte sich erfüllt. Er träumte immer bewusster und konnte sich nicht nur immer besser daran erinnern, sondern oft schon im Traum selbst die Traumbilder erkennen. Und während er träumte, spürte er, dass dieser Traum anders war. Klarer, deutlicher – und von einem eigenartigen unheimlichen Gefühl getragen.
Er war eine Art Forschungsreisender. Und er wanderte – daran konnte kein Zweifel bestehen – im Siebengebirge umher. Was genau sein Forschungsgebiet war, wußte er nicht. Irgendetwas mit Sprache und Kultur. In seiner Umhängetasche trug er ein Buch bei sich, wo er alles hineinschrieb. Geschichten vor allem, die ihm erzählt wurden. Eine Art Grimm, kam ihm träumend in den Sinn. Ein Grimm, der Geschichten von Spuk und Geistern sammelte. Es gab keine Straßen in seinem Traum, keine Autos, kein Telefon. Seine Kleidung, die Tasche und das Buch schienen aus einem anderen Jahrhundert zu stammen. Goethe-Zeit vielleicht. Oder die Zeit, da die Gebrüder Grimm gewandert waren, um ihre Märchen zu sammeln. Typisch für einen Traum wunderte er sich nicht darüber. Untypisch für einen Traum wunderte er sich, dass er sich nicht darüber wunderte.
Im Wald öffnete sich eine Lichtung. Das war sein Ziel, er wusste es. Hier gab es Geschichten von Spuk und Geistern. Am klappernden Bach – er dachte wirklich klappernder Bach – stand eine Mühle. Wie im Märchen. Und tatsächlich schaute auch die schöne Müllerin heraus. Der Himmel war blau, Schwalben schossen tschilpend umher, es roch nach Heu und Ernte. Natürlich hatte die Müllerin oder vielmehr Müllerstochter grüne Augen, und der träumende Manuel registrierte allerlei Symbole und Hinweise, dass die Traumarbeit ihm hier ein Bild von Silvia hinstellte. Der Traum folgte ganz der eichendorffschen Wanderromantik. Einladung der Müllerin, zärtliche Blicke, dann die Aufforderung, doch über Nacht zu bleiben. Die junge Frau im Nachthemd, die mit Kerze in der Tür zu seiner Kammer steht, wirre Haarsträhnen im Gesicht. Halb Scham, halb Wildheit. Gerötete Wangen, leicht geöffnete Lippen, schneller Atem.
Dann kippte der Traum. Manuel spürte es. Es war wie ein Strudel, während die schöne Müllerin ihn ritt und er röchelnd kam. Er fühlte sich plötzlich schlaff und ausgelaugt, und als er am Morgen erwachte, war zwar der Himmel blau und die Schwalben schwirrten, aber er schaffte es kaum, aus den Federn zu kommen. Die Müllerin umsorgte ihn mit zärtlichen Gesten, tischte ihm auf und sprach von der langen Wanderschaft und seiner Erschöpfung und dass er doch hier ein wenig ausruhen könne. Und er ruhte aus. Am Abend kam die Müllerin in seine Kammer, Tag um Tag. Und er wurde müder und müder. Setzte Fett an, schleppte sich von Mahlzeit zu Mahlzeit. Weiterzuziehen kam ihm nicht in den Sinn. An seinen Forschungen zu arbeiten war ihm schon in der Vorstellung zu anstrengend. Er schlief bis in den Mittag, erwachte ausgelaugt, aß, und am Abend kam sie in seine Kammer. Sie veränderte sich, oder es schien ihm so. Sie wurde nicht vertrauter, sie wurde ihm seltsam unheimlich. Schon begann er sich zu fürchten, wenn sie in seine Kammer kam und ihn bestieg. Ihm war, als zehrte sie ihn aus. Es gab keinen Spiegel in der Mühle, aber an einem Morgen, als er all seinen übrig gebliebenen Willen zusammen raffte und zum Mühlteich ging, um sich zu waschen – schrak er zurück. Hohlwangig mit tief liegenden Augen glotzte ihn ein Schreckgespenst aus dem Wasserspiegel an. Sein Haar war grau geworden, sein Gesicht von wirrem Bart zugewuchert.
Er stolperte zur Mühle. „Was geschieht mit mir?“ Die Müllerin lächelte und stellte ihm einen Teller hin. „Iss, mein Schatz, damit du wieder zu Kräften kommst.“ Ihm grauste. Hinter ihrem sanften Lächeln schien ihm etwas zu lauern. Er musste an eine Spinne denken, die ihr Opfer langsam einspann und Stück um Stück aussaugte. Und wie oft in seinen Träumen nahm das Bild Gestalt an. Mit jeder Nacht wurde die schöne Müllerin spinnenartiger. Ihre Augen, zuerst grün, wurden schwarz und insektenhaft. Ihre Leib wölbte sich, wurde zum weich-pulsierenden Körpersack. Schwarze, dicke Borsten wuchsen aus ihrer Haut. Ihre Bewegungen bekamen etwas mehr und mehr fremdartiges. Er sah die Veränderungen, aber er konnte nichts tun. Wie in den Träumen, in denen man rennt und rennt und nicht vom Fleck kommt, lag er im Bett, schleppte sich zum Tisch und ins Bett zurück und beobachtete, als stünde er neben sich, wie sie nachts in seine Kammer kam und sich zu ihm legte. Mit jeder Nacht weniger Frau und mehr groteskes Mischwesen mit pulsierendem, aufgedunsenen Leib. Bald hatte sie acht Beine, jedes mit mehreren Gelenken und dicht mit schwarzen Borsten bewachsen. Von der Frau waren nur die Brüste und das Gesicht geblieben und die nasse Spalte zwischen den hintersten Beinen. Die Spinndrüse. Vielleicht verwandelte sie sich auch nicht, sondern hörte nur auf, die Illusion aufrecht zu erhalten. Weil es nicht mehr notwendig war: er hatte keine Kraft mehr, um zu fliehen oder sich zu wehren. Nur noch Haut und Knochen, war er angefüllt mit ihrem lähmenden Gift. Und wenn auch das Grauen ins Unendliche wuchs, während die Illusion ringsum immer mehr zerbröckelte – gelähmt und seltsam teilnahmslos versuchte er noch nicht einmal, zu entkommen. Das Auflösen des Trugbildes gehörte vielleicht sogar dazu: sie berauschte sich an dem namenlosen Grauen, das ihn erfüllte. Er sah es daran, wie sie ihn aus kalten Spinnenaugen anschaute und sich vor ihm im Raum spreizte, die Wände empor lief, die Decke entlang. Wie sie hereinkam, gerade so, wie eine Spinne mit vor den Kopf gestreckten Beinen aus ihrer Höhle kriecht. Die Mühle war schon längst keine Mühle am klappernden Bach mehr. Eine schwarze Ruine, über und über mit riesigen Spinnweben überzogen. Und dann, irgendwann, begann sein Unterleib sich aufzublähen. Tag für Tag, bis er eine grotesk angeschwollene Blase war, so gespannt, dass die Haut fast durchsichtig wurde. Und darin bewegte es sich. Faustgroßen Wesen mit vielen Beinen krochen als Schemen an der Innenseite entlang. Dutzende kriechender Schatten.
Und das halb zerflossene Gesichter der Müllerin, wie aufgeklebt auf dem borstigen Körpersack der Spinne, lächelte süßlich in Mutterstolz.

***

Manuel fuhr schreiend aus dem Schlaf. Sein Herz raste, als wollte es den Brustkorb sprengen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, sein Atem kam stoßweise, er war mit Schweiß bedeckt und zitterte am ganzen Körper. Der Traum war vorbei, das Gefühl aber blieb. Ihm saß die Angst in der Brust und drückte ihm die Luft ab. Er wusste plötzlich, warum man Albdruck zu so etwas sagte. Ihm war, als lauerte das Ding aus seinem Traum hier irgendwo. Der geduckte Schatten dort hinter dem Baum. Im gähnenden Rachen der Höhle. Oder – sein Herz drohte auszusetzen – direkt unter ihm, in einem schwarzen Netz über dem Schacht, die Beine gegen die Betondecke gelegt. Alle Haare stellten sich ihm auf, er wurde das Bild einfach nicht los. Und die Angst nicht. Sie war unerträglich, nicht auszuhalten, drückte ihm die Kehle zu. Er fühlte sich, als würde er ersticken.
„Silvia …“, seine Stimme war ein Krächzen. „Silvia!“ Seine Hand tastete neben ihm unter die Decken. Sie waren leer. Panik schlug in ihm hoch. Er schrie laut ihrem Namen, lauschte in die Nacht, die silberdurchzogen unter dem Mond stand. Einem knochenbleichen Mond, einem Totenschädel-Mond. Rascheln von Laub. Der Schrei eines Käuzchens, das leise Fauchen des eingesperrten Windes unter ihm im Höhlenlabyrinth.
Dann, von oben, vom aufgesperrten Rachen des Höhleneingangs: „Hier oben, brüll‘ doch nicht so rum – du hast mich voll erschreckt!“ Jetzt bemerkte er ganz schwach flackernden Schein im Höhlenmaul, eine Kerze vielleicht. Manuel hockte unter den Schlafsäcken, gelähmt vor Angst. Er wollte, dass Silvia ihn in den Arm nahm. Wollte, dass die Angst wegging. Aber nur bei dem Gedanken, von der Betonplatte herunter zu treten, würgte es ihn, dass ihm übel wurde. Etwas würde nach ihm greifen und ihn am Knöchel packen. Ihn mit einem Ruck unter die Platte in den Schacht zerren. Das Traumbild der Spinnenfrau quoll in seinen Geist, fett und pulsierend direkt unter der Platte in einem Nest aus Spinnweben und ausgesaugten Leichen mit aufgeblähten Bäuchen, in denen es sich bewegte. Er rief sich zur Vernunft, drängte die Bilder weg, atmete kontrolliert, schlug sich ins Gesicht, stand auf und sprang mit einem weiten Satz von der Betonplatte. Er knickte um, als er aufkam. Eine Wurzel unter dem Laub. Ein stechender Schmerz durchzuckte sein Fußgelenk, er stürzte und rollte den steilen Hang zurück. Die Stämme wirbelten vorbei, dann stieß er gegen Stein. Mit Schrecken erkannte er die Säulen direkt unter der Platte. Eiskalte Luft schlug ihm ins Gesicht. Kaminwirkung, schrie er sich innerlich zu. Nur die Kaminwirkung der Höhle! Seine entfesselte Fantasie ließ Spinnenbeine aus der Finsternis schießen. Suchende, tastende, grabschende Insektenglieder mit scharfen Klauen. Keuchend warf er sich zurück, krabbelte wie ein durchgeknallter Käfer auf allen Vieren den Hang hoch. Erst ein Dutzend Meter weiter hielt er an. Seine Knie schmerzten höllisch, die Hände waren aufgerissen. Er warf einen Blick zurück, erwartete, wild zuckende Spinnenbeinen zu sehen oder das ganze Vieh, wie es sich aus einer der Spalten zwängte, eine Spinne von der Größe eines Ponys. Aber da war nichts. Die Betonplatte lag still unter dem Mond. Das bunte Igluzelt wirkte wie Hohn. Das Feuer glomm noch ganz schwach. Das Grauen aber wollte nicht weichen. Die Schwärze unter der Platte lauerte und starrte ihn an. Langsam, immer wieder hektisch über die Schulter schauend, stolperte er auf das schwache, flackernde Licht zu.
Das Bild, das sich seinem Auge bot, als er in das Maul der Hölle trat, verstörte ihn. Silvia kniete auf dem Boden, in der Hand eine Kerze. Sie trug nur ein Hemd. Das Licht der flackernden Flamme schien durch das dünne Leinen und zeichnete ihren Körper nach. Ihre Haare waren offen, ein Lufthauch bewegte sie. Ein Bild von seltsamer Eindringlichkeit: ihre zarten, weichen Linien vor den kantig riesenhaften der Felsen, die weichen Schatten ihrer Brüste gegen die grotesk verzerrten Riesenschatten an groben Felsabbrüchen. Die federleicht wehenden Haare im Massiv des Berges. Ihre Gestalt wurde vom flackernden Lichtkreis der Kerze aus dem Schwarz herausgeschält, klein und zerbrechlich im Felsentor. Es erinnerte an eines dieser kitschigen Fantasy-Gemälde. Bis er bemerkte, was sie tat. Neben ihren nackten Füßen torkelten die blauen Käfer in unsicherer Zielstrebigkeit ihre Straße entlang. Hier waren noch mehr als vor der anderen Höhle. Silvia schaute ihnen fasziniert zu. Mehr noch: Sie hatte ihre linke Hand mitten auf den Weg der Tiere gelegt, und sie liefen über ihren Handrücken. Sie sah nicht verängstigt aus, nur fasziniert. Sie kicherte und schaute hoch. „Das kitzelt!“ Das Licht der Kerze malte zuckende Schatten auf ihr Gesicht. Es sah für Manuel aus, als veränderten sich ihre Züge, verzerrten sich zu einem Grinsen. „Was hast du?“ Silvia klang besorgt. „Du bist bleich wie eine Kalkwand.“
Das war die besorgte Stimme aus seinem Traum. Die Stimme der schönen Müllerin – und auch ihr Gesicht. Wo die Schatten auf ihm tanzten, schien sich die Haut zu bewegen. Manuel starrte auf ihre Hand. Mehrere Käfer krochen darüber, hielten inne, blieben darauf hocken …
„Hab schlecht geträumt“, brachte er hervor.
„Was denn?“
Die Frage ließ ihn noch mehr in das Gefühl des Traumes zurück fallen. Die Welt zog sich ringsum zusammen. Die Schatten krochen näher. „Unsinn. Nur Unsinn.“ Die Käfer auf Silvias Hand machten ihm Angst. Sie konnten jederzeit ihre messerscharfen Grabkiefer ausfahren und sich in das Fleisch fressen. Unter ihrer Haut entlangkriechen. Wie Beulen, die den Arm hinauf wandern. Wie die Schemen, die auf der Innenseite seines aufgeblähten Bauches herum gekrochen waren. „Nimm die Hand da weg, bitte!“, flehte er.
Silvia schaute hinunter, sah den Käfern zu. Wo war ihre Angst? Das war nicht die Silvia, die er kannte.
„Die tun doch nichts“, sagte sie. Sie hob die Hand vorsichtig. Vier oder fünf der blauen Insekten klammerten sich daran fest. Wie Geschwüre. „Ich verstehe gar nicht, warum ich solche Angst vor den Tierchen hatte. Schau mal, wie schön sie sind! Sie schillern in allen Blautönen wie Edelsteine.“
Manuel war sich nicht sicher, ob er es wirklich sah, oder ob ihm Fantasie und Angst einen Streich spielten. Einer der Käfer verschwand unter ihrer Haut. Eben saß er noch wie ein eigenartiges Schmuckstück auf dem Handrücken, dann, im zuckenden Schatten, tauchte er mit dem Kopf voran hinein und war verschwunden. Er hinterließ eine winzige, blutende Wunde. Manuel schrie. Kaltes Entsetzen rann ihm den Rücken hinunter. Er hatte es sich eingebildet. Es konnte gar nicht anders sein! Die Hand hatte im Schatten gelegen, man konnte gar nichts sehen. Der Käfer hatte den Halt verloren und war hinunter gefallen, nicht mehr. Silvia schaute ihn an, die Stirn gerunzelt. „Manuel, alles in Ordnung?“ – „Entschuldige. Für einen Moment hat es ausgesehen, als …“ – „… als …?“
Manuel war klar, wie lächerlich das war. Aber das Entsetzen ließ ihn nicht aus seinem eiskalten Griff. Etwas in ihm zeigte ihm immer wieder das Bild, wie der Skarabäus unter Silvias Haut schlüpfte. Er meinte, sogar das Geräusch zu hören. Ein nasses Kratzen und ein leises Schmatzen. „… ich weiß nicht. Als würde es dich beißen.“
„Beißen? Das kitzelt nur.“
„Mach die Scheißviecher von deiner Hand weg!“ Er hörte seine eigene Stimme: sie stand kurz vor dem Umkippen und war voller Panik. Und herrisch. „Bitte!“, fügte er flehend hinzu.
„Sag mal, was ist denn los? Ich dachte, du freust dich darüber?“
„Worüber soll ich mich freuen?“, herrschte er sie an.
„Dass meine Angst weg ist. Manuel, schau doch: ich kann sie über meine Hand laufen lassen, und ich finde es bloß lustig, weil es kitzelt …“
Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie anzuschreien, wie dumm sie sei. Kapierte sie denn nicht, dass das eine Falle war? Man verlor nicht einfach seine Angst. Irgendetwas manipulierte sie, damit sie mitten in der Nacht im Hemd in die Höhle ging und diese Viecher über sich kriechen ließ. Er musste vorsichtig sein. Wie mit einer Irren. Ihre Wahnvorstellungen waren zu verlockend, sie würde daran festhalten wollen. „Das sind Mistkäfer, Liebste“, sagte er in beruhigendem Ton, während in ihm die schreckliche Vision weiterwühlte, dass etwas Fremdes in ihren Körper eindrang. In diesen Käfern, die sich unter ihre Haut fraßen. Und er sich zugleich krampfhaft versuchte klarzumachen, dass seine eigene Angst, die Angst aus dem Traum, seine Wahrnehmung verzerrte und überhaupt nichts passierte. Dass Silvia vielleicht tatsächlich ihre Angst verloren hatte, wie er es gehofft hatte. „Sie wühlen im Kot und fressen Scheiße. Findest du es nicht … unhygienisch … sie anzufassen?“
Silvia betrachtete ihre Hand und die Käfer darauf. Auswüchse, Tumore, etwas unglaublich Fremdes auf der Haut seiner Liebsten. Er schloss die Augen, um die Vorstellung abzuschütteln, dass sich die Dinger plötzlich wie auf Befehl in sie hinein fraßen. Es gelang ihm nicht – sobald er die Lider senkte, trat die Bedrohung in voller Stärke in sein Bewußtsein. Alles ringsum lauerte. Etwas war da und hockte in den Ritzen. Mit zitternder Erwartung. Hungrig. Vor seinem inneren Auge sah er, wie sich das Verhalten der Tiere veränderte. Sie torkelten nicht mehr langsam ihre Straße entlang – sie änderten ihre Richtung, krochen zielstrebig auf Silvias nackte Füße zu. Manuel riss die Augen auf, als die Panik ihn übermannen wollte. Silvia kniete im Hemd im Rachen der Höhle, in der Hand die Kerze. Sie betrachtete die Käfer, die sich an ihrer Hand festhielten. Ihre Miene war sehr ruhig.
„Du übertreibst“, sagte sie. Sie streifte die Käfer von ihrem Handrücken, sie fielen zu Boden und krochen unbeholfen durch das Laub davon. „Du benimmst dich total seltsam.“ Sie stand auf, das warme Licht der Kerzenflamme schien durch das Hemd, als wäre es nur ein durchsichtiger Schleier. Ihre Haare umspielten ihr Haupt. Ihr ernstes Gesicht und die vom Dunkel weiten Pupillen, die vollen Lippen und das finstere Maul der Höhle, das alles rührte etwas tief in Manuel an. Er dachte an eine Priesterin, Göttin, Königin. Die Welt ringsum schien den Atem anzuhalten. Selbst die Käfer hielten inne und kratzten nicht durch das dürre Laub. „Du hast mich hierher gebracht, damit ich meine Angst besiege. Die Angst vor Insekten. Vor der Dunkelheit. Vor dem Nachtwald. Ich weiß nicht warum, aber es hat funktioniert. Ich habe keine Angst mehr. Ich ekle mich nicht vor den Käfern, und wenn sie zehnmal Scheiße fressen. Die Höhle macht mir keine Furcht. Ich habe sogar Lust, hineinzugehen und mich umzuschauen.“ – „Nein!“, entfuhr es Manuel fast schon als Schrei. Die Angst schlug über ihm zusammen, der Boden schien zu wanken.
Silvia schaute ihn mit eigenartigem Ausdruck an. „Was ist mit dir los? Du warst doch selbst schon in den Höhlen.“
„Ich will nicht, das du da rein gehst!“
„Warum nicht?“
„Weil da …“ Manuel stockte. „Es ist gefährlich da drinnen.“ Er überlegte fieberhaft. „Da gibt es durchgebrochene Ebenen, Löcher im Boden, durch die man drei Stockwerke tief stürzen kann. Und man verirrt sich da drinnen. Das ist ein riesiges Labyrinth.“ Silvia schien nachdenklich. „Da funktioniert kein Handy. Wenn du dir ein Bein brichst …“
„Ich will nur mal hinein schauen und nicht gleich Höhlenforscher spielen. Hab dich doch nicht so! Und du kennst dich doch da drinnen aus.“ Sie wandte sich von ihm ab und hob die Kerze, um tiefer in die Höhlenöffnung hinein zuschauen. Manuel sah im hinteren Teil eine Öffnung, mannshoch und wie ein Tor geformt. Da dürfte kein Durchgang sein. Er war oft hier gewesen, und er konnte sich an keinen erinnern. Narrten ihn die flackernden Schatten? Hatte sich der Berg geöffnet, um sie hinein zu locken? Ihm wurde schwindlig, die Panik grub sich noch tiefer in seine Eingeweide. Er fühlte, wie etwas ihn anstarrte, versuchte, in seinen Geist einzudringen. Etwas kaltes, uraltes, unsagbar fremdes. Der Luftzug bewegte Silvias Hemd. Ein durchsichtiger Schleier, durch den ihre nackte Haut schimmerte. Ihre Haare waren eine leuchtende Wolke. Als sie sich umdrehte und ihn anlächelte, war es nicht mehr Silvia. Sein Verstand bäumte sich zum Zerreißen gespannt, es fühlte sich an, als zerrisse das Gewebe der Wirklichkeit. Eine dünne Haut, unter der sich Riesenhaftes bewegte und sie aufplatzen ließ. Und darunter, darunter … Manuel wankte. Der Wald war lebendig. Der Fels atmete. Atmete pulsierend, schaute ihn aus unzähligen Augen an. Der Boden unter ihm spürte seine Füße. Alles war ineinander verwoben, war Organismus. Er spürte das Bewusstsein darin. Uralt. Fremd. Lauernd. Und diese Frau dort, dieses wunderschöne Weib mit den grünen Augen, war Teil davon. Es blickte aus ihren Augen, es pulsierte unter ihrer Haut, wisperte in ihren Haaren.
„Komm mit mir“, sagte es. Das Lächeln lockte, die Augen waren ein Sog. Er spürte, wie Verlangen in ihn strömte und sein Begehren über ihren Körper strich, nackt unter dem Schleier des Hemdes. Und zugleich erfüllte ihn Entsetzen. Die Gefühle schienen von außen in ihn einzudringen. Ihr Blick wanderte an ihm herunter. Er trug nur seine Shorts, sie sah seine Erregung und ihr Lächeln wurde lüstern. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. „Ich will dich auch!“, hauchte sie mit dunkler Stimme. Manuel erstarrte. Silvia knöpfte ihr Hemd auf. Ihre Hand glitt über Brüste, Bauch und Beine. „Ich will dich so sehr.“ Etwas in Manuel machte einen weiteren Ruck, er konnte es spüren. Die Haut der Wirklichkeit rutschte in schleimigen Fetzen von dem Unfassbaren herunter, das darunter lag. Er stolperte zwei Schritte von ihr zurück. In Silvias Augen glomm Ärger und Enttäuschung auf. Nicht der Ärger und Enttäuschung einer Frau, die zurückgewiesen wird, sondern vor etwas unheimlich Fremdem. Ihr Bild schien zu wabern. Eine Projektion, durchfuhr es Manuel, ein Trugbild. Das war nicht Silvia, das war das Etwas, das ihn umschlingen und verzehren wollte. Mit Entsetzen und seltsamer Erregung sah er, wie das Weib sich zu winden begann. Es wiegte sich in den Hüften, fuhr mit den Händen über den Leib, stöhnte und leckte sich die Lippen. Es ließ sich zu Boden gleiten, wand sich im toten Laub, bäumte sich auf der nassen, schlammigen Erde zwischen den Käfern. Es spreizte die Schenkel, hob Manuel den Schoss entgegen, griff sich zwischen die Beine. „Nimm mich!“, keuchte es mit fremder, kehliger Stimme. „Nimm mich hier!“
Manuel stolperte zurück, starrte Silvia an. Von ihren Augen war nur noch das Weiße zu sehen, ihr Körper wand sich im Schlamm, ihre Finger krallten und glitten zwischen ihren Schenkeln, ihr Atem war spitz-kehliges Stöhnen, ihre Haut schlammverschmiert. Manuel sah einen Käfer, der auf ihrem zuckenden Bauch herum kroch. Nein, nicht einen. Überall krochen die Tiere auf ihrer Haut. Kletterten ihre Seiten hoch, wühlten sich durch ihr Haar, wanderten die Schultern hinauf. Von allen Seiten kamen sie, magisch angezogen. Erklommen mit ihren langsamen, torkelnden Bewegungen Silvias Körper. Saßen auf den Brüsten, auf dem Bauch, den Wangen.
Manuel schrie auf, als ein Käfer in ihren Mund kroch. Schrie noch lauter, als ein weiterer sich in ihren Bauchnabel senkte und verschwand. Sein Verstand wollte aussetzen, während er gelähmt dastand und zuschauen musste, wie die Viecher sich in Silvias Haut bohrten, in Mund und Nasenlöcher krochen – und Silvia vor Lust keuchte und bei jedem Käfer einen wollüstigen Seufzer ausstieß. Sie lag in einem blau schillernden Bett aus sich bewegenden Insekten, suhlte sich in ihnen, spannte den Rücken, um ihre Scham in die Käferflut zu pressen, spreizte ihre Schenkel zum Zerbrechen …
Manuel fühlte einen Schlag ins Gesicht. Und noch einen. Jemand schrie seinen Namen. Wieder ruckte es in seinem Geist. Die Welt kippte, er fiel in einen schwarzen Schlund aus Schwindel und Übelkeit. Immer wieder hörte er, wie man seinen Namen rief. Er öffnete die Augen. Silvias Gesicht schaute voller Sorge. „Was ist los mit dir?“ Manuel stammelte irgendetwas, ohne zu wissen, was. Er starrte sie an. Ihr Hemd war geschlossen, ihre Haut sauber. Keine Wunden, wo Käfer sich in ihr Fleisch gefressen hatten. Im Laub krochen die Insekten unbeirrt ihrem Ziel entgegen. „Du bist ohnmächtig geworden. Hast wie im Alptraum gezuckt und wie am Spiess geschrien“, sagte Silvia. Ihre Hand legte sich auf seine Wange. Bilder kochten bei der Berührung in Manuel hoch. Er kroch mehrere Schritte von ihr weg. „Fass mich nicht an!“, keuchte er.
„Was?“
Manuel starrte sie an. „Ich weiss nicht, wer du bist! Ich weiß nicht, was du bist!“, stieß er hervor.
„Manuel, was …“
„Was geht hier vor? Was willst du?“
Silvia schaute ihn an, schaute ihn einfach nur an. Die Kerze flackerte in einem Windhauch, für einen Moment lag Silvias Gesicht im Schatten. Manuel sah schwarz glänzende Insektenaugen zwischen ihren Lidern und unter Ihrer Haut bewegte es sich. „Du Scheusal!“, schrie er. „Geh weg! Lass mich in Ruhe!“
Als die Kerzenflamme wieder ruhig brannte, beschien sie ein Gesicht, das zutiefst verletzt war und traurig. Angst und Sorge spiegelten sich in grünen Augen. Langsam stand Silvia auf, drehte sich um und ging auf die Öffnung im hinteren Teil der Höhle zu. Sie ging hinein, der flackernde Schein erhellte einen sauber aus dem Stein gehauenen Tunnel. Der Schein wanderte mit der jungen Frau. Immer tiefer in den Berg. Eine Biegung, und sie war dem Blick entschwunden. Der Schein wurde schnell schwächer und erlosch mit einem letzten Zucken.
Manuel lag im nassen Laub und starrte auf die Öffnung. Er bewegte sich nicht, zitterte nur am ganzen Körper. Als der letzte Widerschein verschwunden war, kam ein dunkles, verzweifeltes Gefühl über ihn. Und mit dem Gefühl so etwas wie Klarheit. Vernunft sickerte in seinen Geist und schwemmte die seltsamen Bilder fort. Die Stimme, die er über Jahre in sich herangezüchtet hatte, meldete sich zu Wort und fragte ihn, was hier geschehen war. Er kannte den Unterton in der Stimme, der ihm deutlich signalisierte, dass er wieder einmal Opfer seiner irrationalen Ängste geworden war. Ihm wurde klar, dass er sich völlig kindisch benahm. Er verstand, dass er – warum auch immer – halluziniert hatte. Ein mulmiges Gefühl in seinem Bauch begehrte gegen die Stimme auf und wollte die Frage stellen, wer oder was ihm die Bilder in den Kopf gepflanzt hatte, aber die Stimme drängte es zurück. Ihre Argumente waren klar und präzise, ihre Version des Geschehens realistisch. Nichts weiter war geschehen. Silvia hatte auf die Desensibilisierung wunderbar angesprochen und ihre Angst überwunden. Ihre innere Befreiung hatte auch ihre Leidenschaft befreit. Und er kam nicht auf die angstfreie Silvia klar, auf Willensstärke und ungehemmte Lust, auf Selbstsicherheit. Er beruhigte sich. Auch wenn er verunsichert war, wie dünn die Haut der Ratio über dem brodelnden Kessel seiner Ängste war. Langsam stand er auf. Was er auch immer halluziniert haben sollte – die Öffnung im hinteren Teil der Höhle war keine Einbildung. Der Mond gab spärlich, aber genügend Licht. Kein Zweifel, an der Wand öffnete sich ein Gang. Er war künstlich angelegt wie das ganze Höhlensystem unter dem Petersberg. Er war nie wirklich in dieser Höhle hier gewesen, erinnerte er sich. Nur in der anderen Großen weiter vorn, wo sie früher durch die Lüftungsschächte gekrochen waren. Das bleiche Mondlicht reichte nicht in den Gang hinein, aber die Öffnung konnte er deutlich sehen. Eine Tür aus verrostetem Stahl stand offen, ihre Vorderseite war mit Tafeln aus Stein bedeckt, so geschickt, dass kein Unterschied zur Felswand bestehen würde, wenn sie geschlossen war. Vielleicht ein getarnter Zugang aus der Zeit, als hier die Fabrik und die Bunkeranlage betrieben wurde? Hatte ein besonders Eifriger sie dann doch entdeckt nach all den Jahren und sie aufgebrochen? Oder waren die Riegel von selbst verrostetet zu Krümeln zerfallen? Auf jeden Fall hatte kein Geist die Flanke des Berges geöffnet, um Opfer hinein zu locken, sagte die Stimme in seinem Kopf. Aus der Öffnung wehte stetig der eiskalte Wind und griff nach der Angst in seinen Eingeweiden. „Scheiße nochmal!“, stöhnte er. Er hatte seinen Entschluss gefasst. Mit schnellen Schritten eilte er zum Zelt zurück, zog sich an und holte Kerzen auf dem Seesack. Wenig später stand er wieder vor der Öffnung im Felsen und zündete eine Kerze an. Zwei Schritte machte er auf den Gang zu, der eisige Wind wehte ihm ins Gesicht. Sein Magen knotete sich zusammen, er spürte, wie seine Haare sich im Nacken aufrichteten. Er konnte keinen einzigen Schritt mehr tun, die Angst lähmte ihn. Manuel fluchte, lief vor dem Höhleneingang auf und ab, sprach laut mit sich selbst. Das war nur eine dämliche Höhle, eine Höhle, in der er schon ein Dutzend Mal gewesen war, und die erdrückende Angst war nichts als irrationale Regression. Es half nichts – sobald er am Eingang stand, konnte er nicht weiter gehen, sein Herz hämmerte, er konnte kaum atmen und Bilder drängten sich in ihm hoch, die ihn vor Entsetzen schwindeln ließen – die gigantische Müllerinnen-Spinne, die lauernd an der Decke des Ganges auf ihn wartete, war noch das Harmloseste.
Er musste eine halbe Stunde laut mit sich selber diskutierend im Höhlenmaul herum gehetzt sein, als ihn eine Stimme anrief. Er erschrak und fuhr herum. Auf einem der riesigen Felsenquader saß eine Gestalt. „Was haben wir denn da? Eine gute Nacht wünschen wir ihm!“, krächzte sie. Manuel fragte sich, ob er wieder halluzinierte: der Mann war in Felle und abgerissene Stoffreste gehüllt, sein Bart reichte ihm bis auf die Brust. Die Füße waren nackt und schwarz von Erde. Und das Gesicht, zerfurcht mit brennenden Augen, hätte einem fanatischen Wanderprediger alle Ehre gemacht. Haar und Bart waren grau mit weißen Strähnen, um den Hals trug er unzählige Lederriemen mit Beuteln daran und Amuletten aus Kristallen, Holz und Zähnen. „Ist ihm die Zunge im Hals verfault? Oder warum grüßt er uns nicht?“

Zeichnung von Alexander Lebedev.

Zeichnung von Alexander Lebedev.

Manuel räusperte sich und brachte ein „Hallo“ zustande. Die Gestalt sprang mit fliegendem Bart vom Stein. In der Rechten hielt er einen Stab, verdreht und mit Federn behangen. Sie hüpfte auf Manuel zu, der erschrocken zurückwich. „Er riecht nach Angst und Verzweiflung!“, stellte sie mit vorgerecktem Kopf fest. Sie umrundete Manuel, beäugte ihn von allen Seiten. „Was hüpft er hier herum wie ein aufgescheuchtes Huhn und lamentiert laut in der Nacht?“ Der seltsame Kauz war mit schief gelegtem Kopf vor Manuel stehen geblieben. „Na?“
„Meine Freundin ist da rein gegangen. Ich habe Angst um sie“, stammelte Manuel.
Der Kauz stieß ein jammervolles Geräusch aus, einen lang gezogenen Klagelaut. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und begann, wild herum zu hüpfen. „Unheil!“, rief er aus, als er wieder vor Manuel zu stehen kann. Das Echo hallte durch den Wald. „Unheil!“
So verrückt und durchgeknallt der Mensch auch war, Manuel krampfte sich alles vor Angst zusammen. „Was meinen Sie?“, fragte er mit zitternder Stimme.
„Der Geist!“, stieß der Sonderling hervor. „Der Geist hat sich eine neue Braut geholt!“ Er hockte sich auf den Felsquader und brabbelte Unverständliches vor sich hin. Er kramte in einem der unzähligen Beutel, die um seinen Hals hingen, förderte kleine, weiße Knöchelchen hervor und schüttelte sie in der hohlen Hand. Mit einem Klappern warf er sie vor sich auf den Stein und starrte in wirre Muster. „Der Geistermond ist voll. Der Berg sperrt seinen Rachen auf. Drei mal sieben Jahre…“
Der Kloß in Manuels Hals drückte ihm die Luft ab. Der Verrückte auf seinem Felsquader murmelte in den Bart und starrte auf seine Knöchelchen. Schließlich hob er den Kopf. „Höre er!“, sagte er mit beschwörender Stimme. „Vor drei mal sieben Jahren raubte uns der Geist unser Mädchen. Seitdem hausen wir hier und warten und beobachten. Wir kennen ihn. Wir wissen um alles!“
Manuel schauderte. Es waren keine irrationalen Ängste! Die Haut der Wirklichkeit bekam wieder Risse. „Wie ist es geschehen?“ fragte er mit tonloser Stimme.
„Wir kamen mit unserem Mädchen vor dreimal sieben Jahren. Sie hatte Ängste, und wir wollten sie heilen …“ Der Kauz gab ein erschreckend irres Lachen von sich, das gar nicht lustig klang. „… für einen Psychologen hielten wir uns – keine Ahnung hatten wir! In der Nacht nahm es Besitz von ihr. Verwandelte sie. Es kroch in sie hinein, lockte sie zu sich. In den Berg. Wir standen wie er vor dem Eingang. Der Geist ließ uns nicht hinein, lähmte uns mit schrecklichen Visionen.“
Manuel sah den Kauz jetzt mit anderen Augen. Mitleid regte sich in ihm. „Und seit dem …“
„… sind wir hier. Nähren uns von Wurzeln, kleiden uns in Felle. Wir sind der Wächter. Wir warteten, dass die Höhle sich wieder öffne.“ Er streckte die Hände gegen den Mond. „Und sie öffnete sich.“
Manuel schwankte: entweder dieser Mensch war völlig irre, oder wusste mehr als andere. Aber es war sich gleich: Manuel sah sich genauso wie diesen Ex-Psychologen hier im Wald hausen, wenn er nicht Silvia hinterher ging. Wenn es einen Geist gab, musste er irgendwie kämpfen. Und wenn es ihn nicht gab, Silvia finden und sich bei ihr entschuldigen. So oder so musste er in die Höhle, wollte er sich selbst noch in die Augen schauen können. „Ich geh hinein!“, sagte er mit leiser, aber fester Stimme.
Der Kauz starrte ihn an, dann sprang er in Kreisen herum wie ein seltsamer Vogel. „Er geht hinein!“, rief der und schüttelte seinen Stab. Er rasselte und klapperte von all den Dingen, die daran hingen. „Er geht hinein!“ Plötzlich blieb er stehen und zog sich ein Amulett nach dem anderen über den Kopf, um sie Manuel umzuhängen. Er raunte und brabbelte, Segensprüche vielleicht, Gebete, Zauberformeln. „Eile er sich! Es bleibt nur wenig Zeit! Und höre er das Ritual, mit dem er den Geist bannen kann!“ Der Kauz erklärte und führte vor. Ein Irrsinn aus Sprüngen und in den Boden geritzten Zeichen, aus Formeln und Rufen. Trotzdem saugte etwas in Manuel alles begierig auf. Es waren die einzigen Waffen gegen das, was ihn da drinnen erwartete. Und wenn es auch nur seine eigene Angst war. Zum Schluss reichte der Kauz ihm ein kopfgroßes Garnknäul. „Damit er wieder zurückfinde!“ Er schob und zerrte Manuel bis vor den Eingang. Eisiger Wind schlug ihnen entgegen. „Glück auf seinen Wegen! Wappne er sich gegen das Böse! Wir erwarten ihn hier drei Tage lang!“
Manuel stand, die Kerze in der Hand, sein Blick starrte in den Gang. Der Windhauch roch modrig wie fauliger Atem. Er fühlte sich für einen Moment wie damals als Kind, als er auf dem Fünfmeterbrett im Schwimmbad stand. Auch da war er wie gelähmt gewesen. Und war er nicht später Felsenklippen hinunter gesprungen wie heute Nachmittag? Er schloss die Augen und machte einen Schritt nach vorn. Und noch einen. Und noch einen. Der Eiswind schmerzte auf seinen Wangen. Als er die Augen öffnete, stand er im Gang. Sein Herz schlug laut, aber die Angst war erträglich. Er wandte sich um. Das Licht der flackernden Kerze erhellte den Felsengang nur in seiner unmittelbaren Nähe, dahinter versank alles in undurchdringlichem Schwarz. Die Öffnung war ein silbriges Leuchten mit dem Schattenriss des Kauzes, Haare und struppiger Bart glühten im Mondlicht. „Der Geist wird ihn aufhalten wollen mit dunklen Visionen!“, hörte er ihn rufen. Die Stimme hallte im engen Gang. Aus der Tiefe des Berges antwortete ein vielfaches Echo aus gurgelnden Schreien. „Stärke er seinen Geist!“
Manuel nickte ihm zu, schützte die Flamme der Kerze mit der Hand und schritt in den Berg hinein.



[Norman Liebold, 29.10.2011
SchmökerEcke
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