Von Norman Liebold geschrieben am: 20.02.2010 unter Autorengefasel, Nähkästchen, PhiloBlog
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Wir schreiben den 20.02.2010, das sind ziemlich genau 10 Jahre nach dem totentänzerischen 20.02.2000. Das wird den wenigsten (noch) etwas sagen, mir dafür aber um so mehr. Ich möchte gern abstrakt bleiben in diesem Bezug: Bestimmten Daten wecken eine gewisse Bewusstheit, weil das Leben bzw. die Leiter der Erkenntnis nicht etwa ein gerade Strecke ist, sondern vielmehr eine sich in weiten Spiralen nach oben schraubende, verschlungene Bewegung, die, wenn sie sich einer auf niedrigerer Ebene passierten Stelle nähert, gewisse Echoeffekte auslöst. Und dieses Widerhallen, diese Steinwurfkreise, die sich auf der Oberfläche der Weltwahrnehmung bilden, machen … aufmerksam. Für das, was sich gleich geblieben ist, für das, was anders ist, für das, was anders scheint, aber im Grunde ein ähnliches Muster bildet. Ein überaus schönes Gefühl ist es, wenn man anstatt des an den letzten Kreisbahnpunktüberschneidungsphänomenen empfundenen “Gut, ich sehe es, faszinierend, aber was soll ich jetzt damit anfangen?” ein eigenartig gelassenes Lächeln an sich bemerkt und der seelische Aufruhr zugunsten einer sehr, sehr einfachen und klaren Handlung oder Nichthandlung ausbleibt. Es erfüllt mich sogar mit einem nicht geringen Erstaunen, dass die Abstiege in eine Reihe von wirbelnden Gedankenstrudeln mit nichts anderem bewaffnet als dem gesunden Menschenverstand, tatsächlich bis zur Quelle des Strudels gelangten, also gelangen und das ganze mit einem homerischen Gelächter beenden konnten.1 Das nahm eine gewisse Zeit in Anspruch, dieses Entstrudeln und homerisch Lachen, und tatsächlich war ich außerstande, in dieser Zeit neue Geschichten fertig zu stellen und auf den Markt und ans geneigte Leserohr zu bringen.
Ich möchte hiermit also ganz allgemein zur Kenntnis bringen, dass ich jene Zündschnur, welche an jenes hochkomplexe, über Monate hinweg ausgetüfteltes Arrangement von Sprengkörpern verschiedenster Art angeschlossen ist, das, einmal in Gang gebracht, nicht mehr aufzuhalten sein wird und keinen anderen Zweck hat, als die letzten Reste gewisser Unnotwendigkeiten3 wegzusprengen, nicht nur genüsslich in Brand gesteckt habe, sondern der rasend schnell sich fortpflanzende, spritzend funkensprühende Glutpunkt längst die ersten Explosionen auslöste. Und ich sitze und schaue und freue mich. Sehr, denn der letzte Rest gewisser zweifelnder Kontrollsüchtlerängste löst sich in einem wirklich ästhetisch ansprechenden Feuerwerk auf. Was genau diese weggesprengten Dinge sind, werden die nächsten vier Stories (“Versichert”, “Ansichten eines Aktmodells”, “Euthanatus” und “Der Stift”) ausführlich und unterhaltsam zu beschreiben wissen. In Vorfreude darauf und auf meine Leserohren daher in diesem Sinne bis dahin.
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[Norman Liebold,
20.02.2010 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 19.12.2009 unter Autorengefasel, Nähkästchen, PhiloBlog
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Wenn ich in mein Tagebuch hineinschaue, stelle ich fest, daß ich die erste Notiz zu “Versichert” (Arbeitstitel) am 10. Februar machte. Heute erlebte ich zum ersten Mal, seit ich das LieBLOG als Dokumentationswerkzeug nutze1, wie genau die Entscheidung zur Niederschrift einer Geschichte fällt. Vielleicht tatsächlich in derselben Weise, wie unser Erinnerungsvermögen funktioniert, das aufgrund von Ähnlichkeiten Dinge der Vergangenheit wieder aufruft, wahrscheinlich schlicht, um Erfahrungswerte für aktuelle, vergleichbare Situationen zur Verfügung zu haben, was sinnvoll ist. Es ist wirklich kalt hier oben, und – eine Verstärkung der Situation – mein treuer Rosinante liegt mit frisch operierter Zylinderkopfdichtung in der Klinik. Ich habe es warm, zumindest, sofern das Gas nicht ausgeht,2 Eisblumen klettern die Fenster meiner Wohnschnecke sehr malerisch empor, ich habe leise saxlastige Musik laufen und in jenem Zwischenraum zwischen Sein und Potentialität, zwischen entspanntem Teeschlürfen und existentieller Angst, irgendwo da liegt die Wurzel dieser einen speziellen Story – was dort geschieht, und was einen selbst in Atem hält, ist in gewisser Weise zu eins verschmolzen – und wahrscheinlich ist genau das jener Zündfunke, jener winzige Energieüberschuss, der diesen Moment von allen anderen Momenten seit dem 10. Februar unterscheidet3 und eben den ersten Satz auf das Papier bringt, der, gleichsam ein Pfropfen, die Geschichte im Gefäß hat wachsen, gären und immer mehr Details sammeln lassen. Wobei “Versichert” letzthin die erste von einer Reihe lose zusammenhängender Stories ist, die zusammen das Buch “Ansichten eines Aktmodells” bilden, und erfahrungsgemäß wird es jetzt recht schnell gehen, meine lieben Leute, die stets die Rohfassungen der Geschichten vorgelesen bekommen, dürfen sich schon mal auf gemütliche Leseabende freuen. Ich jedenfalls freue mich schon sehr darauf, mache den Rechner zu und das Manuskriptbuch auf.
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[Norman Liebold,
19.12.2009 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 11.12.2009 unter Autorengefasel, Nähkästchen, PhiloBlog
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[Norman Liebold,
11.12.2009 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 11.10.2009 unter Nähkästchen, PhiloBlog
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Mein Lieblingslehrer während der Abiturzeit, der mir auf seine zynisch-bissige und zugleich sehr weitsichtige Art sehr viel mitgegeben hat, meinte desöfteren, ich würde mich von Zeit zu Zeit häuten.1 In der Tat – das zeigte sich auch bei einem interessanten Gespräch gestern und ist nicht zuletzt auch eine der Thematiken des Aktmodells – hat sich in den letzten 12 Jahren im Grunde nicht allzuviel geändert. Auf die Frage, was ich denn heute mache, mußte ich einen Moment überlegen, dann … lachen. Denn meine Antwort war nahezu dieselbe wie sie vor einem Dutzend Jahren gewesen war, mit dem nicht wenig überraschenden Zusatz “und eigentlich hoffe ich, daß ich das in einem weiteren Dutzend Jahren noch immer sagen kann”. Aber natürlich gibt es Dinge, die sich ändern. Vor allem Dinge, in die man sich verrennt. So gesehen mag es von Außen vielleicht durchaus wie eine Art Häutung aussehen, eine Art Sprengung einer zu eng gewordenen alten Haut, tatsächlich handelt es sich aber – und das ist vielleicht die maßgebliche Erkenntnis – lediglich um eine Kurskorrektur auf einem längst begangenen und über mithin Jahrzehnte beständig gegangenen Weg. Die eigene Erinnerung neigt dazu, sich in Bereichen, die man länger nicht berührt, zu trüben. Nicht wie ein Grauer Star das Auge trübt, sondern eher wie eine Staubschicht sich über Edelstahl ansammelt und das Glänzen nach ein wenig Putzen wieder sehen läßt. Es war interessant zu sehen, daß die Erinnerung eines anderen an mich bereits die selben Thematiken enthielt, um die ich heute erneut mottenhaft kreise. Und daß die Reanalogisierung in der Tat eine Re-analogisierung ist, die an eine Erkenntnis anknüpft, die ich 2002 offenbar mit der Verlagsgründung, den Internetseiten und dem digitalen Buchsatz aus den Augen verlor, als die Notwendigkeiten eine starke Digitalisierung verlangte. Eine Kurskorrektur, die eine wirklich mühselige und durchaus schmerzhafte Häutung bedeutete, wenn auch mehr im Kopf als tatsächlich im Außen. Gerade habe ich meinen kleinen grünen Rucksack gepackt. Nicht meine kleine grüne Tasche, die einmal ausgereicht hatte, aber immerhin. Freitag ist das letzte hinzugekommen, was für mein Gefühl noch gefehlt hat. Das Schachspiel. Mein altes, wunderschönes, das mich seit 1992 begleitet hatte, verlor im Laufe der Jahre etliche seiner Figuren, bis es zu gut einem Drittel aus nachgebauten und improvisierten Teilen bestand. Was natürlich auf eine gewisse Weise einen ganz eigenen Reiz entfaltete, waren die Figuren doch je aus dem Umfeld entnommen, wo sie verloren gegangen waren – auf dem Bild zu sehen ein weißer Läufer, der mir in der Türkei 1997 abhanden kam und durch einen kleinen Bergkristall ersetzt wurde, den ich dort gefunden hatte. Unscharf im Vordergrund ein Pyrit aus dem Schatzkästlein eines Mädels, bei dem sich ein weißer Turm heimischer fühlte als im Spiel.2 Nichtsdestotrotz war irgendwann ein Grad erreicht, indem für Spieler, die die Figuren nicht kannten, das Spiel nahezu unspielbar wurde. Nachdem Grenoble mich einen weiteren Bauern und einen Läufer gekostet hatte und der Versuch, Figuren nachzukaufen, erfolglos verlief, gönnte ich mir ein neues Spiel. Ich kann nur schwer beschreiben, welch eigenartige Freude damit verbunden war, das mit Ahorn eingelegte Palisanderholz in Händen zu halten3. Heute Abend werde ich es in Siegen einweihen können, worauf ich mich schon sehr freue. Im Moment bin ich dabei, das zu tun, was Herakles mit dem Stall des Augias tat, nur daß es sich weniger um einen 30 Jahre nicht ausgemisteten Rinderstall handelt als vielmehr um die Eingeweide meiner Wohnschnecke.
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[Norman Liebold,
11.10.2009 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 06.09.2009 unter Autorengefasel, PhiloBlog
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Mein alter Freund Jens, der wie wohl kaum ein anderer am Werden meines Schreibens und von Amator Veritas teil hatte und seines Zeichens zur Gattung der Computerphilen gehört, antwortete sehr beredt auf meinen jüngsten Beitrag mit einer seinerseitigen Stellungnahme. (Jens’ Beitrag Lesen!) Ich komme natürlich nicht umhin, darauf Bezug zu nehmen, auch wenn es ein wenig zwischen Tür und Angel geschieht.
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[Norman Liebold,
06.09.2009 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 05.09.2009 unter Autorengefasel, Nähkästchen, PhiloBlog
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[GeBu0901 S. 6-19] Das ist vielleicht ein Gedankengang, den nur Menschen wirklich nachvollziehen können, die viel mit Text arbeiten. Und ich meine: wirklich viel. Es ist auch ein Gedanke, der vor sagen wir 20 oder 30 Jahren ganz undgar unnötig zu denken gewesen wäre. Trotzdem ist es ein Gedanke, der mir heute als ungemein wichtig, wenn nicht vielleicht sogar grundlegend erscheint, und der, wenn man ihn als Beispiel betrachtet, für eine ganze Reihe von Dingen steht, die in ihrer Gesamtheit einen beängstigend großen Teil unserer Wahrnehmung der Welt ausmacht. Beängstigend, weil dieser Teil sich verändert. Natürlich lösen gerade bei analfixierten Zeitgenossen Veränderungen jeglicher Art Zustände des Unwohlseins und der Angst aus, doch, ganz abgesehen von der natürlich nicht auszuschließenden Möglichkeit, daß ich analfixiert sein könnte, erscheint mir der Gedanke doch objektiv wichtig genug, um einige Zeiten in diesem Schriftsteller-Blog zu formulieren, denn gerade im Moment beschäftigt mich das Problem in zweierlei Hinsicht. Aus inhaltlicher Sicht, da es für die „Ansichten eines Aktmodells“ von nicht zu ignorierender Wichtigkeit ist, und zwar dahingehend, daß das Modell darüber zu formulieren belieben wird. Aus technischer Sicht, weil ich selbst aus nachvollziehbaren Gründen damit während der Arbeit in denkbarer Weise direkt damit konfrontiert bin. Ich rede von Schreiben, natürlich, von was auch sonst. Vom Stellen von Schrift, von Schriftstellen, papiernem Erzählen, Geschichtenfinden und -erfinden. Genauer: Vom Kratzen der Feder auf dem Papier, wenn man einen schlechten Füllfederhalter hat, vom eher ungelenken Rollen der Kugel im Kugelschreiber, vom Gleiten der Bleistiftmiene. Nicht aber – oder eigentlich doch, nur eben in negativer Hinsicht – vom Klappern der Tastatur.
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[Norman Liebold,
05.09.2009 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 15.08.2009 unter Nähkästchen, PhiloBlog
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Persönlich bin ich der Meinung, daß die Dinge sich wiederholen, sich gewissermaßen spiralförmig aufwärts schraubend um einen Zentrum drehen, dabei an bestimmter Stelle ähnliche Orte, Dinge, Konstellationen durchquerend. In den Kreisen der Humanistischen Bewegung, mit denen ich mich im Moment eingehender beschäftige, gibt es sogar ein Begriffskatalog dafür, bei dem es um “Traumkerne” geht. Ich könnte, dieser Gedanke geht mir aktuell durch den Kopf, das ganze auch weitaus profaner betrachten, nämlich in der Metapher einer Schallplatte. Wobei ich weniger die gerne zitierte meine, die immer und immer wieder gespielt wird, was durchaus naheliegend wäre, sondern um einen Kratzer auf derselbigen. Wenn die Diamantnadel an irgendeiner Stelle auf den Kratzer gerät, springt die Platte, am Kratzer, an der Narbe, wenn man so möchte, entlanggleitend zurück, und die Geschichte beginnt von neuem. |
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[Norman Liebold,
15.08.2009 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 24.07.2009 unter Nähkästchen, PhiloBlog
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Grundlegende Änderung im Lebens(ver)lauf, die aus dem Menschen heraus geschehen, haben einen schon fast dialektischen Dreischritt im Vorfeld. Der erste der Schritte äußert sich auf sehr unterschiedliche Weisen, grundsätzlich jedoch könnte man ihn als eine Art Aufmerken, eine Art Sensibilisierung in einem bestimmten Kontext definieren. Der zweite Schritt wäre als Begreifen zu bezeichnen. Das Begreifen ist intellektueller Art, und wie man nur zu gut weiß, kann man sehr viel begriffen haben, ohne daß dies mehr zeitigt als viel Geschwafel, Gejammer — oder in endlosen Kreisen gefüllte Seiten. Der zweite Schritt enthält weitestgehend minutiös ausgearbeitete Pläne, wie der als zu ändernde Zustand in den erstrebenswerten zu überführen ist. Oft sind diese Pläne sehr klug und vernünftig. Der zweite Schritt kann Zeiträume von Jahren erfüllen. Der dritte Schritt ist letztlich der, auf den es ankommt. Vielleicht wäre der durchaus als tierisch zu nennende Zustand durchaus zu bevorzugen, indem der beschriebene Dreischritt nur aus einem knurrenden Zähnefletschen und Schütteln besteht. Als Mensch aber, der denkbar und bedauernswert weit vom tierisch-gesunden Zustand entfernt ist, bleiben dann oft nur sehr mutwillige, in ihrer Ausprägung schon fast zu extreme Schritte, um die innerlich anerzogenen Stimmen dessen, was Gewissen genannt doch etwas ganz anderes ist, zu übertönen. Gemeint ist hier weniger die weibliche Reaktion, sich verändern zu wollen und dann doch lieber nur die Farbe der Haare zu wechseln. Oder das gegebenfalls als männlich zu nennende Adäquat, sich die Haare wieder mal zu rasieren. Aber letzthin ist das Bestreben, nach der abgeschlossenen Analogisierungs-Phase #5 alles auf Null zu stellen, alles vergoren Angefangene zu entsorgen und ein grosses Kehraus aller Lebens-Fragmente zu veranstalten, vielleicht auch nichts anderes als dergleichen Ersatzhandlungen. Aber, möglicherweise, ist es ein Anfang. Und er macht ein warmes Gefühl. Und ein warmes Gefühl bei etwas zu haben, ist meistens ein gutes Zeichen. |
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[Norman Liebold,
24.07.2009 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 20.10.2008 unter Nähkästchen, PhiloBlog
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Meine Freunde durften mit einigem Stirnrunzeln mitverfolgen, wie ich, sozusagen vom eigenen nicht anders als humanistisch zu nennenden Drang der Vollständigkeit angetrieben, ein inkompaktibles System zu assimilieren versuchte. Ich will nicht sagen, daß mir das nicht gelungen wäre, etliche Stimmen behaupten sogar das Gegenteil. Allein: Das Ergebnis der Assimilation behagt mir seit geraumer Zeit nicht nur nicht, es stößt mich ab. Eine Zeitlang mochte ich die Vorstellung vom Cyber-Spielmann amüsant gefunden haben, mithin durfte ich feststellen, daß die Datenkabel im Hirn Effekte erzeugten, die schlechtweg widerlich sind. Weshalb seit geraumer Zeit eine Art Revolution im Gange ist. Die vollständige Rückkehr zum Manuskript, was die literarischen Arbeiten angeht, war hier erstes und vielleicht wichtigstes Symptom. Das Nutzen der Zeichnung statt des digitalen Photos als Gedächtnisstütze für Recherchen ein Zweites. Das Zurückkehren zum handgeschriebenen Brief für private Korrespondenz ein Drittes. Über die Effekte und Beobachtungen dabei werde ich bei Gelegenheit einen Essay schreiben, da sie geradezu erschreckend und zugleich ungemein erhellend sind. Die zweite Phase ist genauso heikel wie der Sprung zum Manuskript, denn sie berührt eine der gänzlich neurotischen Grundängste, die uns angezüchtet worden sind. Den Wahn der Erreichbarkeit. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht die philosophischen Feinheiten Erläutern oder Für und Wider abwägen, sondern nur einen imaginären Gong schlagen und die Stunde für gekommen erklären, an der ich mir die Datenkabel aus dem Hirn ziehe. Immerhin hat es seine Gründe, weshalb ich mich für ein Leben als Aussteiger entschieden habe, im Siebengebirge bei den Sieben Zwergen in meiner Wohnschnecke hause und sehr eigene Wege mit meiner Literatur gehe. Ich habe die Regel-Lieferzeit der Bücher auf 4-6 Tage erhöht. Ich werde ab sofort, orientiert am Postweg vor der immerhin kaum 10 Jahre zurückliegenden Revolutionierung der Brieflichkeit — der statt 10 Sekunden i.d.R. 2 Tage dauerte und zuweilen auch einmal drei (und wenn man nicht zuhause war, blieb es halt solange liegen, ohne daß die Welt zusammen brach) — entsprechend das eMail-Postfach kontrollieren. Bei wichtigen Dingen bitte ich zum guten alten Fernsprecher zu greifen, da eine Stimme ja auch sonst viel angenehmer und Dinge viel schneller abgeklärt sind. Anrufbeantworter-Nachrichten bekomme ich auch unterwegs und kann zurückrufen. Aber eigentlich sollten 3 Tage bis zu einer Antwort ja auch kein Problem sein, nicht wahr?! Entdecke die Langsamkeit! |
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[Norman Liebold,
20.10.2008 |
Von Norman Liebold geschrieben am: 22.09.2008 unter Nähkästchen, PhiloBlog
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Bevor eben jener Punkt, welcher den exakten Moment der (theoretischen) Tag und Nacht-Gleiche ausmacht, vorüber rutscht, noch eine Bemerkung am Rande. Es gibt für für Schriftsteller wie auch für jene, die sich “normale Menschen” schimpfen, ganz offensichtlich etwas, das ich gerne den 2/3-Punkt nennen möchte. Ich kenne ihn nicht nur von nahezu einer jeden Novelle, von jedem Roman oder sogar von jeder (!) Kurzgeschichte, sondern durchaus auch von Dingen1 wie dem Studium, dem Abitur oder was weiß ich was noch. Es ist der Moment des Zweifelns in Bezug auf das, was im gegebenen Moment das Wichtigste im Leben ist2. Tatsächlich durchlebte ich gestrigen Tages selbigen in Bezug auf “Krimi-Dinner”, und auch die Bestätigung, daß die (Buch?)-Premiere im November in der “Glocke” zu Hennef stattfindet, also in sehr gehobenem und dem Dinner angemessenem Ambiente, konnte am 2/3-Punkt nichts rütteln. Es gibt bei solchen Dingen nur eines, was rütteln kann. Nämlich: Freunde. Gestern Nacht hielt ich eine Art private Marathon-Lesung mit dem Text, soweit er steht. In Innersten – wie bei jeder Story, jaja, – von Zweifeln zerfressen flüchtete ich in die Arme jener Familie, welche mein bevorzugte(ste)s Testobjekt geworden ist in den letzten vier Jahren. Ich kann nicht genau sagen, wie lange diese überaus private Lesung gedauert hat. Der Beginn muß um spätestens 22:30 gelegen haben, als I* ins Bett ging. Um recht genau 3:15 war ich definitiv fertig, da ich da eine Begegnung der 23. Art auf der A3 Höhe Ölberg hatte – welche selbige, wie mir heute berichtete wurde, zu einem zeitgleichen Alptraum 475km weiter östlich führte. Wichtig in diesem Kontext ist vielleicht nur zu erwähnen, daß die Story offenbar mehr als nur überzeugte. Zu meiner eigenen Verwunderung, aber die ist am 2/3-Punkt eine Geschichte für sich. Ein weiterer Punkt, den ich interessant finde, ist, daß meine Theoreme bezüglich des Unterschiedes zwischen Manuscript und am Rechner geschriebenen Text offenbar korrekt sind. Ich kann an dieser Stelle nur die gemeinschaftliche Beurteilung von K*, C* und Ka* wiedergeben, welche auf den Punkt bringen, daß dies meinem Stil etwas geraubt hat, das längst hätte mit einem Flammenwerfer ausgemerzt werden sollen, nämlich eine gewisse Über-Geschliffenheit. Jedenfalls eine wunderbare Bestätigung im Augenblick des größten Zweifels. Unterstützt späterhin von einem geradezu andersweltlichen Nebel. Aber auch das ist dem Datum angemessen…
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[Norman Liebold,
22.09.2008 |