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Büste des HomerVerdammt! Ich schwöre, es war keine Absicht. Irgendwie ist Quirin heute in diese Buchhandlung gekommen, in der ich vor Jahren mal Lesungen gehalten habe. Der geschnäuzte Buchhändler war da, und dann kroch da dieses alberne Klischee herauf von wegen des Ruhms nach dem Tode. Es brodelte im Gedärm, und warum auch immer – das Adäquat einer Blähung kam aus dem Gehirn. Auch wenn mein Quirin[us] mir so fremd ein Anglizist ward, sein Schöpfer blieb doch ein Altsprachler, wie es scheint… und da war sie da, diese schöne Sentenz: Cinera gloria sero venit. Ga! Das ist etwas, das ich eigentlich stets aus dem Schreibprozeß herauszuhalten versuche – diese seltsamen Eigendynamiken. Allerdings greifen die üblichen Methoden beim “Rufmord” offenbar nicht im Geringsten. Das Ergebnis ist eine ausgesprochen seltsame Passage, wo Quirin[us] und ein Priester sich lateinisch-humanistische Zitate um die Ohren schlagen. Keine Ahnung, ob ich das so im Roman lasse, aber wenn ich es wiederlese, muss ich mich doch am Kopf kratzen. Und diese Kopfhautmassage möchte ich natürlich niemandem vorenthalten. Tststs.

[...] et tulit eloquium insolitum facundia praeceps,
utiliumque sagax rerum et diuina futuri
sortilegis non discrepuit sententia Delphis. (Horatius: De poeta liber, Vv. 217-219) 1

Ist, denke ich, durchaus eine Gefahr, die es zu beachten gilt… Wirklich lesen? Nundenn… für die humanistisch verseuchte Priesterszene in der Rohfassung auf “Mehr” klicken…





“Wer weiß”, sagte der Buchhändler, während Quirin den Kladdentext [sc. des Buches des "ermordeten Autors"] überflog, “vielleicht wird Beckmann noch richtig berühmt. Man sagt ja, dass Künstler und Dichter dafür erst einmal sterben müssen.”"Cineri gloria sero venit“, murmelte Quirin. Er hatte das Buch geöffnet und blätterte darin. Ein sauberer, schlichter Satz ohne Spielereien und Illus.”Bitte?”"Cineri gloria sero venit“, wiederholte Quirin.

Der Graugelockte blickte fragend.

“Marcus Valerius Martialis. Für die Asche kommt der Ruhm zu spät“, übersetzte Quirin. Die leicht überraschte Anerkennung im Gesicht seines Gegenübers war Balsam. Für einen Moment hatte Quirin tatsächlich das Gefühl, irgendetwas zu wissen – mit Recht den Titel Magister zu tragen. Sieben Jahre Studium hatten, so kam es ihm vor, nichts als einen Spalt des Zweifels in ihm aufgerissen, der sich Stück um Stück und mit zunehmender Gier durch seine Welt fraß wie das Nichts der Unendlichen Geschichte. “Was war Beckmann für ein Mensch?”

“Nunja…” Der Buchhändler wand sich. Ganz offensichtlich gehörte Beckmann nicht unbedingt zu seinen Favoriten. Oder zumindest nicht zu jenen, die er seiner Interesse für würdig befand. “Er ist vor zwei Jahren oder so hier aufs Land gezogen und war ein paar Mal hier. Wollte Lesungen halten bei uns.” Er zuckte mit den Schultern. “Wir halten schon länger keine Lesungen mehr, lohnt sich nicht, wissen Sie. Wir haben bei ihm dann mal eine Ausnahme gemacht, er hat ja auch oft genug gefragt.”

“Und wahrscheinlich auch keine Gage verlangt, nehme ich an?”

“Nein”, gab der Buchhändler zu. Er öffnete den Mund, und es war klar, dass jetzt irgendeine Form von Rechtfertigung folgen würde, ein Vergleich mit den großen Autoren, die zu soundso hohen Auflagen verkauft und in soundso viele Sprachen übersetzt wurden.

De mortuis nil nisi bene, wie Chilon von Sparta trefflich anriet”, sagte Quirin mit einem Lächeln. Noch während er es lächelte, fühlte es sich in seiner Selbstgefälligkeit schmierig an, und es schien in der Natur der Dinge zu liegen, dass hinter ihm ein Gewand rascheln musste und eine Stimme zu sprechen begann. Eine Stimme, die im Gegensatz zu seiner eigenen tatsächlich ruhig und getragen war, ohne dabei aufgesetzt zu klingen. “Aber vergessen Sie nicht: Mortui non mordent, wie Erasmus von Antiocha meinte.” Quirin drehte sich um und sah, was er bereits erwartet hatte, das Weiß unter Schwarz am Kragen eines Priesters. “Um sie nicht weiter zu verwirren, Herr Millinger [sc. der Buchhändler]: Der junge Lateiner hier riet an, über Verstorbene nicht anders als wohlwollend zu sprechen, wohingegen ich mir die Freiheit heraus nahm darauf hinzuweisen, dass die Toten nicht – beißen.” Er grinste, wurde dann wieder ernst. Er hatte helle, flinke Augen in einem lebhaften Gesicht und mochte Anfang sechzig sein. “Im Übrigen fand ich die Lesung sehr angenehm. Und auch wenn Herr Beckmann nicht unbedingt die frommsten Ansichten sein eigen nennen konnte und nicht des Buchhändlers Vorstellungen erfüllt haben mag – sein Werk sollte, wie ich finde, nicht unterschätzt werden.” Er nahm das schmale Bändchen auf, das vor Quirin auf der Theke lag und blätterte es behutsam durch. “Recht gewagt war das schon”, sagte er mit anerkennendem Tonfall. “Und wenn für den jungen Mann auch vieles zu spät kommen mag, wie Martialis mit seinem Cineri gloria sero venit so treffend auf den Punkt bringt, so muss man doch auch die Worte Publilius Syrius’ bedenken: Vita homini brevis, in morte est immortalitas.” Als könne er kein Wässerchen trüben, schaute er Quirin in die Augen.

Ein Schnaufen kam von hinter der Theke, das sehr deutlich zeigte, wie der Buchhändler sich ernsthaft auf die Nerven getreten fühlte. Buchhändler können zuweilen ausgesprochen heftig reagieren, wenn man in ihrer Gegenwart Dinge sagt, die sie nicht verstehen können. Aufgrund ihres regen Kontaktes mit Büchern entwickeln sie vermutlich das Selbstbild eines Wissenshortes, das dadurch empfindlich gestört wird. Insbesondere bei solchen humanistischen Notwendigkeiten wie Latein und klassische Bildung. Quirin war sich sicher, dass der Graugelockte bei jedem weiteren Brocken Latein zum Schnaufen die Augen verdrehte – aber er sah nicht hin. Er blickte dem Priester ins Auge.

“Das Leben des Menschen ist kurz, im Tode nur ist Unsterblichkeit”, übersetzte er die Sentenz. “Wie sagte noch Ovid? Fama post cineres maior venit.2” – lautes Schnaufen von hinter dem Ladentisch – “Davon haben dann aber bestenfalls Buchhändler etwas, nicht wahr? Und die Verleger, natürlich.”

Der Priester lächelte. “Ein junger Mann voller Zorn, wie es scheint”, sagte er. Unmut stieg in Quirin auf. Wenn der Schwarzrock jetzt väterlich die Hand auf seinen Arm legte, könnte er ihm die Nase brechen, überlegte er. Möglicherweise wäre das angemessen für einen jungen Mann voller Zorn. “Kannten Sie den Autor?”

Quirin schüttete den Kopf. “Die Mutter kenne ich”, sagte er. “Ich soll etwas über seinen Tod herausfinden.”

Der Priester nickte bedächtig. “Es ist schwer, ein Kind zu verlieren”, sagte er mit wohldosiertem Verständnis. “Man möchte einen Verantwortlichen haben, den man hassen kann. Einen Grund, einen Sinn für den Schmerz. Etwas, das zu verstehen ist – und selbst das Böse ist besser als blinder Zufall.” Er seufzte, etwas, das Quirin schon fast theatralisch empfand. “Herr Beckmann wird, wie mir der Bestatter heute mitteilte, am Dienstag beerdigt. Sie werden gewiß auch kommen, Herr Millinger?” Der wirkte eher, als wäre es ihm lieber gewesen, er hätte es nicht erfahren, nickte aber. “Jetzt aber zu meinem Anliegen. Ich hätte gern den neuen Harry Potter.”

“Der kommt erst am 27. Oktober, Pater”, sagte der Buchhändler und um seinen Gesicht zeigte sich eine feine, verächtliche Linie. Der Pater schüttelte lächelnd den Kopf. “Ich meinte durchaus die Originalausgabe, Herr Millinger. Ich hatte nur noch keine Zeit gefunden bisher, und als ich Harry Potter and the Deathly Hallows in ihrem Schaufenster sah, konnte ich einfach nicht widerstehen.” Während der Buchhändler nach hinten ging, zwinkerte der Pater Quirin zu. “Sie hätten sein Gesicht sehen sollen”, sagte er, “als ich mir Die dreizehneinhalb Leben des Käpt’n Blaubär kaufte!” Er zog gespielt eine Miene, als kröche eine handgroße Spinne über seine Hand und erklärte: “Damnant, quae non intellegunt, würde Quintilian sagen.” “Sie verdammen, was sie nicht verstehen”, übersetzte Quirin automatisch. Trotzdem der Priester ihm zunehmend sympathischer wurde, musste er sich heftig auf die Zunge beißen, um nicht darauf hinzuweisen, dass die katholische Kirche auf diesem Gebiet besonders eifrig gewesen war. Nicht nur, indem sie verdammte, was sie nicht verstand, sondern es gleich mit Stumpf und Stiel verbrannte. Der Buchhändler war inzwischen mit Harry Potter zurückgekehrt und rollte mit den Augen, weil diese seltsamen Menschen offenbar nicht müde wurden, mit lateinischen Fetzen um sich zu werfen. Quirin zahlte zwölf Euro für sein Buch, verabschiedete sich und ging zum Auto zurück. Ihm wollten die Scheiterhaufen der Inquisition und die Krieger der Krimileserin [sc. Soldaten des Bundeswehrdepots Eudenbach] nicht aus dem Kopf gehen. Der gläserne Sarg fühlte sich seltsam in seiner Hand, viel zu schwer für so ein dünnes Taschenbuch.

Eppur si muove3 murmelte er, als er den Blinker setzte und aus der Parklücke rollte. Die letzten Worte des Dichters und Philosophen Giordano Bruno, anno auf dem Scheiterhaufen ausgerufen – wie so oft brachten sie einem anderen unverdienten Ruhm ein, denn im Gegensatz zu Bruno hatte Galilei nicht für seine Überzeugungen gebrannt, sondern hatte widerrufen. Und wenn Quirin nicht baldigst seinen Buckel beim Establishment machte, um seine TÜV-Plakette zu bekommen, dann würde sich gar nichts mehr bewegen.

  1. [...] sich überschlagender Wortschwall gefiel sich in Fremdheit der Rede,
    bis dann ihr Sinn, der einst Nutzen erkannte und Zukunft voraussah,
    nicht zu scheiden mehr war von Orakeln des delphischen Gottes. []
  2. Der Ruhm nimmt nach der Asche zu. []
  3. “Und sie bewegt sich doch” (ital.). []

[Norman Liebold, 16.10.2007
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