Natürlich wird der “Rufmord” nicht am Samstag fertig werden. Um ehrlich zu sein, habe ich das nicht anders erwartet. Es war ja eine Arbeitslesung gedacht, eine Art “offene Schreibstube” anstatt “offenes Atelier”. Ausgerechnet diese Geschichte in 10 Tagen herunterschreiben zu wollen, grenzt allerdings auch an übermäßige Selbstüberschätzung.1 Gerade eben netterweise mittagstechnisch abgefüttert las ich die Szene vor, in der ich meine Lieblingshunde – Gay Einzahn und Joy Blauauge – verewigt habe und fand damit ebensoviel anklang wie am Wochenende bei mSternchenSlashNormanbibliothekar, den ich zum Spiegeln und Echoisieren des Anfangskapitels habe heranziehen dürfen. Da dieses Anfangskapitel aber sehr haarig, sehr defizil und sehr toll (Zitat) ist, muß ich damit bis zur Veröffentlichung vertrösten2 -, die Hundeszene hingegen ist eine Sache, die stimmungsmalerisch eingesetzt und nur indirekt storyrelevant ist, so daß ich sie hier mal einstelle – Rohfassung, versteht sich!

Leseprobe Hundeszene, Rohfassung [19.09.2007]
“[...] wenig später knirschte der Schotter eines Parkplatzes unter seinen Rädern, und er schaute auf die bemalte Hauswand mit Zelt und Hund, Sonne und Fuchs.
„Campingplatz Eudenbach. Fam. Hülder“ war darüber gemalt.
Eine kleine Terrasse ging zur Straße, und Licht fiel in den Nebel hinaus. Rechterhand lief zwischen Haus und Wiese ein schmaler Gehweg entlang. Oben führte er auf einen gepflasterten Hof mit Scheunengebäuden.
Kaum hatte er den erreicht, ertönte lautes Gebell und Quirin dachte: Scheiße. Sekunden später stürmten weit mit den Pfoten ausgreifend zwei schwarz-weiß gefleckte Hunde über den Hof. Die Geschwindigkeit der laut bellenden Tiere war beängstigend, Quirin rutschte das Herz in die Hose und er blickte sich verzweifelt nach irgendeiner Möglichkeit um, sich in Sicherheit zu bringen. Neben ihm stand eine grüne Kutsche, zur Zierde mit Blumen beladen. Mit den Flügeln der Angst machte er einen Satz und kauerte sich zwischen Tontöpfe voller Petunien . Die Hunde kamen einen halben Augenblick später an. Es wäre ihnen keinerlei Anstrengung gewesen, zu ihm zwischen die Petunien-Töpfe zu springen, aber sie blieben unten und schauten zu ihm herauf. Der mit dem schwarzen Kopf bellte, als wollte es ihn zerreißen und jaulte in einer Weise, daß, würde es sich um einen Menschen gehandelt haben, Quirin wohl an seinem Geisteszustand gezweifelt hätte. So aber machte es ihm nur um so mehr Angst. Der andere Hund stand still, hatte den Kopf schief gelegt und musterte ihn aus ganz erstaunlich blauen Augen. Jetzt bemerkte Quirin, daß dieser Hund einen Ball zwischen den Vorderpfoten hielt.
„Die tun nichts, keine Sorge!“ hörte Quirin den typischen Spruch aller Hundebesitzer. Der eine Hund bellte weiterhin wie verrückt geworden, es fehlte nur, daß ihm Schaum vor dem Mund stand. Vom Haus her kam mit langen Schritten ein großer Mann mit grauen, zerzausten Haaren. Sein Gesicht, markant mit vielen Falten und Fältchen um die [grauen] Augen, spiegelte sowohl Besorgnis wieder wie auch Belustigung, die er nur schwer verbergen konnte. Quirin kam sich plötzlich vor wie eine Katze, die zusammengekauert auf einem Baum saß – es fehlte nur, daß er die Hunde anfauchte. „Gay!“ brüllte der Mann den wie wild bellenden Hund an, und mit einem Japsen verstummte der. Zwei weitere lange Schritt, und er war am Wagen, holte Schwung und trat mit voller Kraft gegen den zweiten Hund. Aber nicht der Hund flog quer über den Hof, sondern nur der Ball – allerdings folgte der Hund dichtauf, wenngleich aus eigener Kraft und mit freudigem Gebell.
„Kommen Sie runter da!“ Der Mann hielt den schwarzköpfigen Hund am Halsband. Das Tier gab die merkwürdigsten Geräusche von sich, ein hohes Jaulen, abgelöst von einem halb melodischen Fiepen und gefolgt von einem fast amüsiert klingenden guturalen Knurren. Er hatte sich gegen das Bein des Mannes gelehnt und schien Anstalten zu machen, sich wie eine Katze mit gewölbtem Rücken daran zu schuppern. Er wirkte nicht mehr bedrohlich, eher skurril. Quirin kletterte zwischen den Petunien hervor und sah aus dem Augenwinkel, wie der andere Hund wieder über den Hof kam. Er führte den Ball zwischen den Vorderläufen wie ein Fußballer und blieb drei Meter vor Quirin stehen. Der Ball rollte weiter und grad vor Quirins Füße. Der Hund senkte den Kopf und starrte gebannt auf die Lederknolle. „Treten Sie den Ball über den Hof, und Sie haben eine Freundin fürs Leben“, sagte der Mann. Quirin tat, wie ihm geheißen, und japsend stürzte der Hund hinterher. „Allerdings werden Sie die Freundin auch nicht mehr so schnell wieder los.“ Tatsächlich dauerte es keine zwei Augenblicke, bis der Hund wieder schwanzwedelnd mit Ball vor Quirin stand. „Wollten Sie zu mir?“
„Sind Sie der Besitzer von dem Campingplatz?“
Der Mann streckte eine große, harte Hand entgegen, der man körperliche Arbeit ansah. „Hülder, mein Name.“
„Hundtemann“, sagte Quirin und trat die Lederknolle die Auffahrt hinauf, so fest er konnte. Herr Hülder grinste von einem Ohr zum anderen. „Wollen Sie einen Kaffee?“ fragte er. Quirin nickte. Als sie durch die Tür gingen, drückten sich die Hunde an ihnen vorbei und überholten sie.
„Milch? Zucker?“
„Beides, danke.“
„Warten Sie hier im Büro, der Kaffee kommt gleich.“ [Herr] Hülder deutete auf einen Raum links, den ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz beherrschte. Quirin setzte sich auf einen Stuhl davor. Auf die Frage, was er hier eigentlich trieb, konnte er sich selbst keine zufriedenstellende Antwort geben. Was sollte er dem Mann erzählen? Ich bin Privatdetektiv und untersuche den Tod von Herrn Beckmann. Ich habe zwar keine Ahnung und trotz meines Namens weder eine besondere Spürnase noch Courage vor fußballspielenden Hunden, aber ich krieg ja immerhin hundert Euro dafür von einer älteren, verunsicherten Frau, die grad ihren Sohn verloren hat, nicht wahr?”
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[Norman Liebold,
19.09.2007 |
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