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Ein hervorragendes Buch: Stilistisch, inhaltlich, menschlich. McEwan reitet das Smâ: Es gelingt ihm, die Amiguität der Welt aufzugreifen, Verstand gegen Gefühl antreten zu lassen und diesen ewigen Kampf als das zu zeigen, was er ist, ein notwendiges Neben- und Miteinander. Und ihn eben nicht zugunsten verflachender EIndeutigkeiten aufzulösen. Mit einer grandiosen Selbstverständlichkeit streift er durch das Nachkriegseuropa 1946 ebenso wie er am Abend der Maueröffnung vor dem Brandenburger Tor steht. Ein glasklarer Blick für Detail und Menschlichkeit, ein großer Bogen um übergroße Gesten – und das Zeigen, auf was es wirklich ankommt: der Mensch in alledem. Ein beeindruckendes Werk zwischen zwei angenehm schmalen Buchdeckeln.

Zwei Lieblingsstellen:

“Wendepunkte sind die Erfindung von Erzählern und Dramatikern, ein unerläßlicher Mechanismus, wenn ein Leben zu einem folgerichtigen Ablauf vereinfacht, auf diesen hingeordnet wird, wenn sich aus einer Reihe von Handlungen eine Moral herauskristallisieren soll, wenn ein Publikum mit etwas Unvergeßlichem, das die Entwicklung eines Charakters bezeichnet, nach Hause geschickt werden soll. Das Licht am Ende des Tunnels, die Stunde der Wahrheit, der Wendepunkt – borgen wir diese Vokabeln nicht von Hollywood oder aus der Bibel, um einer Überfülle von Erinnerungen nachträglichen Sinn abzugewinnen?”1

“Bernard sollte diesen Augenblick für den Rest seins Lebens nicht mehr vergessen. Als sie aus ihren Feldflaschen tranken, kam ihm die Vorstellung, daß der soeben beendete Krieg [sc. der 2. Weltkrieg] keine historische, keine geopolitische Tatsache war, sondern eine Vielzahl, eine nahezu unendliche Fülle privaten Leides, ein grenzenloser Jammer, genau, aber ungeschmälert verteilt auf Individuen, die den Kontinent wie Staub überzogen, wie Sporen, deren jeweilige Identität unbekannt bleiben würde und deren Gesamtheit mehr Kummer aufwies, als man je auch nur versuchen könnte zu verstehen; eine Bürde, schweigend ertragen von Hunderttausenden, von Millionen wie jener Frau, die sich um ihren Mann und ihre beiden Brüder grämte, jeder Trauerfall eine eigene, verworrene, weherfüllte Liebesgeschichte, die anders hätte ausgehen können. […] Erstmals erkannte er das Ausmaß der Katastrophe gefühlsmäßig; all die einmaligen und einzigartigen Todesfälle, als das daraus entstehende Leid, auch dieses einmalig und einzigartig, das auf Konferenzen, in Schlagzeilen und Geschichtsschreibung keinen Platz fand und sich still in Häuser, Küchen, verwaiste Betten und qualvolle Erinnerungen zurückzog. […] Was war schon von einem Europa Gutes zu erwarten, das von diesem Staub, diesen Sporen überzogen war, wenn Vergessen unmenschlich und gefährlich wäre und Eingedenken eine fortwährende Marter?”2

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  1. McEwan, Ian: Schwarze Hunde. Zürich 1994. S. 63 []
  2. ibidem, S. 214f. []

[Norman Liebold, 24.08.2007
Nähkästchen
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Buchtipp | McEwan, Ian: Schwarze Hunde.

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