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Ich kann mich gut einer Zeit erinnern, in der ich mit meinen Freunden, so sie weit entfernt lebten brieflich verkehrte. Das lief in etwa so ab: Ich schrieb einen Brief, zumeist ein Dutzend Seiten oder länger fassend. Dafür nahm ich mir an einem Abend ein paar Stündchen Zeit, machte mir einen Tee, stopfte mir ein Pfeifchen, das ich damals noch rauchte. Oder trank ein Gläschen Rotwein. Ich kann mich an eine sehr entspannte Atmosphäre erinnern dabei, ja, ich machte es ausgesprochen gerne. Es blieb zumeist nicht beim einfachen Füllen des Papiers mit Buchstaben und Worten, ich verzierte den Brief mit der einen oder anderen Zeichnung, und der Umschlag desselben verstand ich geradezu als Herausforderung, was die Bemalung und Verzierung anging.
Gemeinhin, wenn ich mich recht erinnere, nach zwei, drei Stunden war der Brief fertig, und man nahm ihn am Morgen mit, um ihn in einen dieser gelben Briefkästen zu werfen, woraufhin er seine Reise antrat.
Irgendwann, je nach Briefpartner zwischen vier Tagen und zwei Wochen, kam eine Antwort ins Haus geflattert. Und es war jedes Mal eine immense Freude, den zumeist umfänglichen Brief in Händen zu halten, in einer geruhsamen Stunde zu öffnen und zu lesen. Oft nahm man sich dafür an einem Abend die Zeit und zumindest ich hatte es mir angewöhnt, direkt nach dem Lesen den Antwortbrief zu schreiben. Eine Angewohnheit, die mir noch heute eignet.

Ich weiß nicht, wann ich den letzten Brief mit der Hand geschrieben habe. Ich meine, einen richtigen Brief. Keine vier Begleitzeilen zu einem per Post geschickten Geburtstagsgeschenk.

Zu der Zeit, von der ich schrieb – Ende der Neunziger – hatte ich gerade meinen allerersten Computer gekauft1 und hatte meine erste Internetverbindung bei der Telecom2. Damals hatten nicht eben viele eine Internetverbindung, besonders in meinem Alter und in der Zivildienstzeit, und eMails wurden in der Tat ganz ähnlich gehandhabt wie Briefe, sofern man denn überhaupt per eMail schreiben konnte. Ganz ähnlich war das mit Mobiltelephonen. mSternchen, meine Generation, war nicht nur Erbe meines alten Analogmodems, sondern auch meines alten Mobiltelephons. Bis vor zwei Jahren war es für ihn noch ganz selbstverständlich, was auch für mich und den Rest der Menschheit vor ein paar Jahren mehr selbstverständlich war: Wenn man nicht zuhause ist, ist man halt nicht zuhause. Dann ruft man halt nocheinmal an oder hinterläßt eine Nachricht, und Briefe bleiben eben im Psotkasten liegen. Was sind schon ein paar Tage mehr oder weniger?

Das hat sich natürlich gewandelt, zumindest, was die technische Seite anbelangt. Wir sind nicht nur potentiell immer und überall erreichbar3, sondern, das ist das, worum es mir geht: Wir glauben zunehmend, es sein zu müssen. Erinnern sie sich oder stellen Sie sich die Welt von vor, sagen wir, mh, 15 (!) Jahren vor. Und eine Verabredung damals.3.1

Zumindest ich stellte vor Kurzem mit einem regelrecht beängstigenden Gefühl fest, wie sehr diese seltsamen Pflicht-Wahnvorstellungen sich auch in diesem Kontext einschleichen können. Ich muß gestehen, daß ich Menschen wie mSternchen beneidete, die ohne innere Widrigkeiten ihr Handy einfach nur dann einzuschalten geruhen, wenn sie damit telephonieren oder erreichbar sein wollen. Oder die dann online gehen, wenn sie etwas im Netz zu erledigen haben.
Das Grundpoblem dürfte in der tat sein, daß das Pflichtgefühl in irgendeiner verqueren Denke fordert, daß, was möglich ist, auch zu sein hat. Vielleicht ist es ebendieses Pflichtgefühl, daß früher uns genüßlich hat einen papiernen Brief lesen und gemütlich direkt nach der Lektüre beantworten lassen. Dasselbige wird nämlich recht problematisch, wenn man sich zwei Menschen dieser Artung vorstellte, die per Mail kommunizieren. Die Frequenz der hin und wider gehenden Briefe würde von zwei Wochen auf mehrfach am Tag, je nach Umfang der Briefe steigen. Was schon bei zweien dazu führt, daß kaum mehr etwas anderes möglich wird, von regem Briefverkehr mit ein, zwei Dutzend Menschen mal ganz zu schweigen.
Wenngleich diese Vorstellung natürlich gänzlich übertrieben ist4, zeigt sie doch deutlich, wo meiner Meinung nach die Verfänglichkeit liegt.

Ich möchte es den Wahn der Erreichbarkeit nennen.
Die immer fortschrittlichere, schnellere und leistungsfähigere Telekommunikation ermöglicht es, ständig und überall Kontakt zu halten, und scheinbar spielen Entfernungen keine Rolle mehr. Es ist gleich, ob jemand nebenan im Raum sitzt oder ein paar Städte weiter. Oder am anderen Ende des Landes. Oder des Erdballes. Das Wunderbare daran, wovon ich sehr profitiere, ist, daß man auch überall arbeiten kann. Daß eine ganze Reihe von Abhängigkeiten einfach wegfallen. Das ist nicht mit Gold aufzuwiegen.
Auf der anderen Seite aber zeigen sich zwei andere Phänomene.
Eines ist, daß irgendein Irrglaube uns vermeinen läßt, wir müßten immer und überall ereichbar sein: Per Mail, ICQ, Skype und Handy und was weiß ich nicht alles. Ein Ort und eine Zeit des Rückzuges gibt es in dieser Form nicht mehr.

Die vermeintliche Freiheit, die Handy und UMTS-Datenkarte uns schenken, ist ein Irrglaube: in jeder Kneipe, ja selbst beim Spaziergang im Wald, beim Baden und auf dem Wanderurlaub – wir sind erreichbar, ja, man hat Zugriff auf uns, nicht nur, weil unser Sprechknochen auf ein paar Hundert Meter genau ortbar ist. Der Rechner ist stets online, mit einem Ping melden sich die eingehenden Mails (die wir gut Erzogenen natürlich direkt beantworten müssen), mit einem Schnarren, wenn jemand im Messenger online kommt und einem dümmlichen „oh-oh“, so er etwas zumeist wenig Geistreiches meint von sich geben zu müssen.4.1
Theoretisch sind all diese Dinge eine Wunderbare Sache. Genauso die Möglichkeiten, die uns der Rechner verschafft5, geradezu ein Segen. Allein ich denke, wir – oder vielleicht auch nur ich – können noch nicht wirklich damit umgehen, genausowenig wie mit ABC-Waffen. Immer und überall erreichbar sein zu können heißt nicht, es sein zu müssen in jeder Minute des Wachseins. Man wird, wie ich meine, eine neue Zivilisationskrankheit, zu einem Nervenbündel, stets auf Abruf, keinen stringenten Gedanken länger als bis zur nächsten Ablenkung haltend…

Ich denke, es könnte gar keine so schlechte Idee sein, die digitalen und mobilen Möglichkeiten in derselben Haltung zu betrachten, wie ich sie von vor 10 jahren in Erinnerung habe. Von unserer Seite her betrachtet, nicht von der Seite der Maschinen her. Es ist gut, überall und jederzeit erreichbar sein zu können. Ebenso, wie es phantastisch ist, an jedem Ort online gehen zu können, um die Ergebnisse seiner Arbeit zu übermitteln. Potentiell, wenn es sinnvoll ist. dies schenkt eine nicht geringe Freiheit und Unabhängigkeit. Das kabellose Bluetooth-Dings am Ohr, das immer häufiger auftaucht, gemahnt, wie ich finde, doch sehr an die Borg des Star-Trek-Universums.

Worum es mir im Endeffekt geht, ist die allgegewärtige Angespannte Hektik und der schon fast ans Absurde grenzende Zeitmangel aller möglicher Personen, einschließlich man selber, so man sich hat anstecken lassen. Es ist meiner Meinung nach absolut notwendig, die Geschwindigkeiten des Lebens und der Arbeit wieder dem Menschen anzupassen, und nicht der möglichen Geschwindigkeit der Maschinen die Menschen anpassen zu wollen. Denn seien wir ehrlich: Trotz aller Möglichkeiten der entfernten und nahezu in Echtzeit Kommunikation geschehenden Kommunikation: Wird unser reales Leben6 dadurch reicher, bequemer, entspannter, mehr auf das Wesentliche ausgerichtet?

———

1 Der LabTop hatte in der Tat nicht weniger als 16mb RAM und einen Prozessor von 200 Megaherz. Das war seinerzeit das Neueste von Neuesten. Ich benutzte ihn noch 2003 als Schreibmaschine.
2 Ich weiß nicht mehr, die Geschwindigkeit war irgendwas mit 11 kbits.
3 Ich bin im Moment, wie meistens, mit einer Geschwindigkeit von 1,8 mBits über HSDPA-Standleitung via Satellit online. Das kann ich überall sein, wo ein Handynetz verfügbar ist, auch unterwegs. Die Frage, die zu stellen ist: Muß man es darum auch?
3.1 Möglicherweise mag auch das zunehmende Verschwinden von Tugenden wie Pünktlichkeit und Verläßlichkeit auf ein solches Phänomen zurückzuführen sein. Ihre Notwendigkeit scheint vielleicht nicht mehr gegeben zu sein, wenn bei ihrem Mangel kein völliges Verpassen droht. An einem bestimmten Tag in ein paar Monaten zu Mittag an einem bestimmten Ort zu sein fällt ja schon länger weg… aber es war kein Scherz. Das Handy für jederman gibt es – potentiell – seit 1992. War aber damals alles andere als erschwinglich.
4 Ist es eigentlich nicht, nur zugespitzt. Vielleicht sind Instant-Messenger wie Gaim, ICQ oder Skype nur eine Fortsetzung dessen.
4.1 Mag sein, daß damit die sowohl im Alltäglichen wie im Medialen festellbare Verblödung damit einhergeht. Wenn man ständig labert, verdünnt sich das Geseiere zu hohlem Gebrabbel. Was für Gespräche ebenso gilt wie für Bücher, Filme und Songs.
5 In der Tat, wollte ich meine Bibliothek beständig mit mir herumschleppen, ja, nur der Teil davon, den ich zum Rechergieren brauche, so müßte ich mit einem Truck umherreisen. So habe ich faktisch die komplette abendländische Text-Kultur mit einem Doppelklick zitabel bei mir.
6 Ich meine keine obskuren Abenteuer in der World of Warcraft oder in erotischen Techtelmechteln zwischen den Buchstaben eines Chatrooms, versteht sich.

Kommentare

Jens | 13.06.2007 | 17:36

Wie Du weisst, bin ich staendig online. Gleichzeitig habe ich kein Mobiltelefon mehr, weil ich irgendwann feststellte, es nie benutzt zu haben. Irgendwann werde ich mir sicher wieder eins goennen, das ich dann wieder zuhause vergesse, oder staendig abgeschaltet habe.

Ich glaube, das Problem haengt eher mit der Pflicht-Wahnvorstellung zusammen als mit der Technologie. Ich kann sehr gut Nachrichten meiner Freunde im Instant-Messenger ignorieren, Mails unbeantwortet lassen – oder eben nicht ans Telefon gehen. Erreichbar bin ich, wenn ich erreichbar sein will.

[In der Tat, ja. Ich denke, das ist das Problem bei mir. Du darfst das auch nicht als Angriff verstehen, dieses unser ewiges Thema. Daß Du Deine Erreichbarkeit für Dich ohne Gewissensbisse regeln kannst, weiß ich und beneide Dich darum, ich versuche mir ja gerade genau dieses klar zu machen. Allein kenne ich mittlerweile eine ganze Reihe von Leuten, die dieses Problem kennen oder in virtuellen Welten versumpft sind. Bei Dir ist ja die Virtualität gewissermaßen natürlich ;-).]


[Norman Liebold, 13.06.2007
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