
Auf dem Mittelaltermarkt zu Seelscheid (Bilder) konnte ich an einem der Stände Rohleder erstehen, etwas, das ich schon seit längerem suchte, um mir neue Arbeitsbücher herstellen zu können. Gewiß haben alle Arbeitsbücher, die ich bisher herstellte, den Anspruch der Unsterblichkeit mit auf den Weg bekommen (und fleuchen und kreuchen auch nach wie vor rege benutzt in allerlei Händen umher), aber zum Einen wächst die eigene Fertigkeit und man nähert sich damit immer mehr „seinem“ perfekten Arbeitbuch an. Und zum anderen – aber das ist einer jener Aberglauben, wie sie Schreiberlinge und Tintenfuchser in Menge mit sich herumtragen -, saugt sich so ein Buch mit den Gefühlen und Gedanken voll, die man ihm schreibend übergibt. Das ist an und für sich nichts schlimmes, ja, solange man sich in einer bestimmten Phase1 befindet, sogar sehr von Vorteil, denn tatsächlich wird das Arbeitsbuchb zu einem Teil Identität.
Das hilft aber dahingehend wenig, daß nicht nur Nâhtegal sich inzwischen dichterdämonisch verkrümelt hat, sondern auch der oder vielmehr die Erzähler von Eckstein, Ruhestand und sogar der Spaltenzungen kaum mehr als der zu erkennen ist, der nach all dem Tod, all dem Elfenbein, all dem Hirnschleim Carpe Noctem und Venusberg geschrieben hat und aktuell in seinen eigenen Gedärmen wühlt, um diverse widerhakige Fremdanker von Marionettenfäden herauszupulen2.
Ohne weiter abschweifen zu wollen: Ich fand exakt das Leder, das ich bereits seit Mitte Februar suchte und konnte mir zwei jungfräuliche Arbeitsbücher herstellen. Eines, das kleine, für den Mäusekot geschriebener Gedanken. Das andere, größere, für die Zeichnungen. Bruder und Schwester, das unzertrennliche Duo. Und vielleicht – zumindest fühlt sich dies nach der großen, dicken Drei durchaus so an, könnte es jetzt ersteinmal dauern bis zur nächsten Häutung.
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1 Genau genommen würde ich heute „Phase“ als das Aufbauen einer bestimmten Welt bezeichnen, innerhalb derer man schreiben kann. Beziehungsweise, das trifft es vielleicht genauer, die Identität und Konstituierung eines bestimmten Ichs, das schreibt. Wobei ich tatsächlich ein Schritt mit der Literaturwissenschaft mitgehe und als Autor zustimmen kann, daß Autor und Erzähler sehr wohl voneinander unterschieden sind. Wie dem auch sei: Verändert, stirbt oder wendet sich ein Erzähler ab, so merkt man deutlich, daß das Arbeitsbuch weniger einem Selbst als vielmehr dieser Person gehört hat.
2 Wie, ganz richtig, die >Widerhaken der Gemeinen Nörgler, aber auch das Problem mit den Pflichten und des Vergessen.
jens | 10.06.2007 | 21:31
Hattest Du nicht erst, als ich Dich zuletzt besuchte, mir ein neues solches Arbeitsbuch vorgestellt, aus dem Du auch die Seiten vernuenftig herausnehmen konntest, so dass Du es problemlos „ewig“ wiederverwenden koenntest?
[Norman: Aber ja, Jens, das habe ich. Wobei ich das Ende 2004 hergestellt hatte und zweieinhalb Jahre benutzte. Die neuen Arbeitbücher benutzen beide dieselbe dafür erprobte Technik, um die Seiten austauschen und das Buch neu befüllen zu können. Das Arbeitsbuch, das Du meinst, war schon nahezu perfekt, und Katharina bekommt es mit Zeichenpapier bestückt (weshalb sie sich schon ein Loch in den Arsch freut, auch, weil es schon schön abgewetzt aussieht) als Reise-Zeichenbuch. Der Punkt ist aber der, daß dieses Buch eben für mich vollgesogen ist mit den letzten drei Jahren und darüber hinaus, soweit es mich angeht, auch nicht ganz so praktisch ist wie die beiden neuen, die natürlich noch „perfekter“ sind - ich mußte nicht mehr nach Lösungen für bestimmte Feinheiten (Schnürung der Buchblock-Sehnen, Verschlußtechnik und Schutzklappe) suchen, sondern sie ideal umsetzen...]
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[Norman Liebold,
10.06.2007 |
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