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Seit einiger Zeit (in der Tat ja, genau, seit dieser Zeit) ist es mir angelegentlich, ein Phänomen zwischenmenschlicher Art zu umreißen und, wenn möglich, zu definieren. Als Arbeitsterminologie möchte ich den Begriff „Gemeiner Nörgler“ einführen. Wobei „gemein“ nicht in pejorativem Sinne, sondern in der eigentlichen Bedeutung (ahdt. gimeini) von „normal, gewöhnlich, typisch“ gebraucht ist. Wobei natürlich – :-D – der pejorative Sinn gerne mitschwingen darf, denn trotzdem ich natürlich ganz unvoreingenommen an die Begriffssuche herangehen möchte, finde ich Gemeine Nörgler das Letzte überhaupt.
Der Sinn einer solchen Definition soll schließlich zum Zwecke haben, den Gemeinen Nörgler möglichst schnell identifizieren und dann neutralisieren zu können.

Definitionsversuch | Der Gemeine Nörgler ist ein Individuum offenbar menschlicher Gattung, das aus noch ungeklärter Ursache den Drang oder die Müßigkeit verspürt, anderen Menschen weder aus der Situation noch vom Gegenstand her erkennbar angemessene Kritik entgegenzubringen, im Allgemeinen verbunden mit oder getarnt als betont gut gemeinten Änderungsvorschlägen. Das Bezeichnendste am Gemeinen Nörgler sind die bei näher Betrachtung wahnhafte Fixierung auf als völlig nebensächlich erkennbare Details, die Langwierigkeit und Wiederholfrequenz sowie – das eigentlich gefährliche des Gemeinen Nörglers – die überlegene Haltung, welche letztlich in dem Glauben begründet zu sein scheint, daß er besser über den Benörgelten Bescheid weiß und besser für ihn zu entscheiden vermag als dieser selbst.

Extrembeispiel | Gemeine Nörgler sind weit weniger selten, als man annehmen mag. Insbesondere besteht die Gefahr, ihn mit dem Wohlwollenden Rater zu verwechseln, als welcher sich ersterer gerne tarnt. Ein Extrembeispiel mag karikaturhaft überzeichnen, wie ein ausgewachsener Gemeiner Nörgler sich gebärden kann. Ich nenne es das

Gleichnis von dem Barte.

Sofern man männlichen Geschlechtes ist, verfügt man – abhängig von Genom, Alter und Testosteronspiegel – über Haarwuchs im Gesicht, welcher „Bart“ genannt wird. Der Moden, mit diesem Fratzenwucher umzugehen, gibt es viele, und sie tragen noch mehr Namen, von „Rotzbremse“ bis „Kaiser-Wilhelm-Bart“. Ob und wie man mit den Haaren im Gesicht umgeht, ist eine Frage der Erziehung, des Geschmacks und der Praktibilität. Und wie bei allen Fragen des Geschmackes, gibt es unterschiedliche Meinungen dazu. Wahrscheinlich durch meinen Vater beeinflußt, möglicherweise auch aus einer ähnlichen Entscheidung (wir haben faktisch dieselbe Fresse) heraus, ließ ich mir bereits mit 17 einen Bart stehen. Der hat sich ebensowenig wie das geschorene Haupthaar in den letzten 10 Jahren verändert, abgesehen von einer lichten Stelle unterhalb des Mundwinkels, wo ich in nervösen Zeiten unglücklicherweise die Haare herauszuzupfen pflege, und der nervösen Zeiten gab es in den letzten 3 Jahren allzuviele.
Ob diese Haar im Gesicht nun gut aussehen, oder nicht, ist zwar eine Frage des Geschmackes, doch letztlich des eigenen.
Man kann sich auch als normaler Mensch durchaus gemüßigt fühlen, jemandem mit wildem Gestrüpp im Gesicht zu bekunden, daß selbiges Gesicht sich aus der persönlichen Sicht heraus weniger eignet, ebendieses zu tragen. Das ist eine Meinung, und wie der Bewucherte damit umzugehen gedenkt, ist seine Sache. Berechtigung würde dergleichen nur dann besitzen, wenn das wilde Gestrüpp hinter und neben ihm auf dem Boden schleifte und andere Menschen sich um die Füße wickelte, auf daß die niederstürzend mehr oder minder starke Verletzungen davontrügen. Dann wäre es im Interesse der Allgemeinheit, ihm das Barthaar auf Knöchellänge zu stutzen oder ihn – wie ich gestern fasziniert beobachtete – in ein unten offenes Käfig-Gefährt zu stecken, das er als Laufgatter mit sich führt,1 um die Verwickelungen mit seiner Umwelt zu verhindern und die Gesundheit der Anderen zu schützen.
Der Gemeine Nörgler sieht dieses anders. Er erklärt, daß der Bart – wohlgestutzt, versteht sich – nicht dem guten Geschmack entspricht. Die angemessene Äußerung darauf lautet, daß er das natürlich denken darf, man selber aber anderer Meinung ist. Womit die Sache erledigt sein sollte. Der Gemeine Nörgler wiederholt jedoch lediglich seine Meinung. Die angemessene Entgegnung nach der dritten oder vierten Wiederholung ist wäre ein „Es reicht, das ist meine Sache und mein Gesicht!“, „Schau doch woanders hin, wenn es Dich stört!“ oder ein „Laß mich damit in Frieden!“, sofern man nicht mit einem Kopfschütteln einfach geht und sich fragt, was der Mensch für ein Problem hat. Der Gemeine Nörgler hingegen wäre kein Gemeiner Nörgler, wenn er nicht über die Prädestination verfügte oder diese zu erreichen die Kunst entwickelt hat, daß man weiter zuhört. Nach der mehrfachen Wiederholung und deren Ablehnung folgt nunmehr die Untermauerung mit vom Nörgler als solche angesehenen „Argumenten“. Zum Beispiel Theorien über den Geschmack der Frauen, der störenden Eigenschaften beim Cunillingus oder dem Küssen der oberen Lippen. Weitergehend pseudopsychologische Analysen bezüglich der Meinung, daß nur Leute, die etwas zu verbergen hätten, einen Bart trügen, der alte Spruch, daß oberhalb der 25 nur derjenige einen Bart trüge, welcher noch kein fertiges Gesicht habe. Der Gemeine Nörgler dieser extremen Ausprägung schafft es, einen solchen Sermon über mehrere Stunden auszudehnen, wobei die Heftigkeit beständig steigt und der Gemeine Nörgler zunehmend erregt ist bis hin zu Ausfälligkeiten.

Das ist an und für sich absurd genug. Wenn dieses Thema allerdings nicht nur einmal in dieser Weise zu Tragen kommt, sondern faktisch bei jeder länger währenden Begegnung früher oder später – und das über einen Zeitraum von nicht weniger als 10 Jahren-, gewinnt das ganze den Beigeschmack ausgeprägten Wahnsinns, es sei denn, man würde andere Motivationen dahinter verspüren.

Das „Gleichnis mit dem Barte“ ist nur ein Beispiel, da die Art und Weise, die Haare im Gesicht zu tragen, eine nun wahrlich eine Frage persönlichen Geschmackes ist, die kaum auf das Leben der Anderen Einfluß zu nehmen die Tragweite hat – es sei denn Hautirritationen bei der Geliebten, die dann ein gewisses Mitspracherecht bezüglich der Haarlänge des Bartes für sich einberaumen dürfte. Dieses Beispiel ist insofern zwiefach von Bedeutung: Zum Einen ist es ein gut isolierbares Indiz, da als grundlegend schwachsinnig erkennbar und bei näherer Betrachtung nur noch ein ausgiebig ungläubiges Lachen wert und damit recht eigentlich ungefährlich. Einmal identifiziert, stellt sich dann auch leicht heraus, daß ein Gemeiner Nörgler sich an verschiedensten Dinger dieser Art… aufgeilen kann. Zum Anderen läßt es die in Bezug auf den Gemeinen Nörgler wichtigste Frage deutlich hervortreten: Mit welchen seltsamen Giften, Pheromonen oder psychologischen Mustern der Gemeine Nörgler es schafft, daß man sich diesen abstrusen Scheiß anhört, darüber auch nur einen Gedanken verschwendet oder sich gar davon unter Druck setzen läßt.

Gefährliche Nörgler-Attacken | Im Gegensatz zu solch ebenso leicht identifizierbaren wie änderbaren Dingen wie Bärt, der Haartracht, Kleidung, rasierte oder nicht rasierte Achselhaare, Hüte, Brillengestelle, Schminkung, Schmuck oder Piercings et cetera perge perge gibt es allerdings Dinge, die vom Gemeinen Nörgler mit noch weitaus höherer Lust attakiert werden, und die dahingehend durchaus ein nicht geringes Gefahrenpotential für den Attakierten beinhalten, da sie nicht so leicht als selten dämliche Anmaßungen identifiziert werden können. Im Grunde fallen diese Dinge bereits unter den Begriff Psychologische Kriegsführung. Ihre Ziele betreffen vor allem Dinge der persönlichen und psychologischen Integrität wie auch jegliche Dinge, die Schuldgefühle gegenüber dem Gemeinen Nörgler evozieren. Je hochentwickelter die Perfidität des Gemeinen Nörglers, desto mehr werden die Angriffe auf die Integrität des Opfers in den psychologischen Bereich gehen, insbesondere auf Dinge zielen, die im Unterbewußten und Unbewußten liegen. Beziehungsweise die Technik des Spiegelns anwenden oder mit erstem kombinieren.

Angriff auf das Selbstwertgefühl | spielt natürlich bei allen erwähnten und noch zu erwähnenden Spielarten des Gemeinen Nörglers eine Rolle. Denn während offensichtliche Dinge wie Haartracht, Kleidung, Schmuck direkt den persönlichen Geschmack und indirekt natürlich die positive Erscheinung zum Ziel haben, zielt der Angriff auf die vom Opfer für die Selbstdefinition notwendigen Betätigungsfelder auf dessen persönliche Integrität und Angriffe auf die unbewußte Psychologie auf die Stabilität der Person im Allgemeinen.

Das Gleichnis von den Buochen | angenommen, ein Opfer des Gemeinen Nörglers ist Schriftsteller. Das ist nicht eigenbezüglich, ich wähle dieses Beispiel, weil Bücher und Geschichten sich schwerer erschließen als zum Beispiel Bilder: Sie müssen gelesen worden sein, während man ein Bild einfach zeigen kann. Nehmen wir also an, ein Gemeiner Nörgler wendet sich gegen einen Autor, um seine persönliche Integrität anzugreifen, kurz seine Fähigkeit des Schreibens in Zweifel zu ziehen. Das Verreißen einer Geschichte ist hiermit nicht gemeint, es geht um den Angriff auf die Schreibfähigkeit daselbst. Und zwar mit ähnlicher Vehemenz wie bei dem Beispiel mit dem Barte, und ebenfalls über einen Zeitraum von nicht minder als 11 Jahren. Da die meisten ernstzunehmenden Schriftsteller zugleich notwendig reflektierte Menschen sind, die nach steter Perfektionierung streben und sich ihrer eigener Fehler nur allzusehr bewußt sind, ist es dem Gemeinen Nörgler möglich, die Integrität des Autors 11 Jahre lang zu gefährden, ohne daß dieser merkt, daß der Gemeine Nörgler sich nie auch nur die Mühe gemacht hat, auch nur ein einziges seiner Bücher zu lesen.2

Ein Photograph ist dürfte nicht direkt mit der technischen Qualität seiner Bilder angegriffen werden, sondern vielmehr mit seiner Fähigkeit, entsprechende Situation überhaupt zu bemerken und sie künstlerisch zu erleben – denn Technik ist erlernbar oder durch entsprechende Geräte zu optimieren, jenes „magische“ aber, dieser kleine Funken dessen, was letztlich die Berechtigung zum künstlerischen Schaffen hergibt, kann zum einen weder genau definiert werden, noch existieren genau umrissene Methoden, dieses zu erzeugen. Was genau die Punkte sind, die für den Gemeinen Nörgler Angriffspunkte darstellen, ist, denke ich, recht einfach definierbar:

Es sollten diejenigen Dinge an der Arbeit sein, die nicht der bewußten Kontrolle unterliegen und in ihrer Art einen mystischen Zug haben, der sie auf gewisse Weise nicht recht faßbar macht und idealiter für den Betrachtenden auch noch aufgrund der Perspektive nicht richtig zu erkennen.3

Psychologisierende Angriffe | Nach den rein äußerlichen Zielen des Gemeinen Nörglers und den potentiellen Angriffszielen, was die Selbstdefinition über die Betätigungsfelder angeht, bleibt vor allem der schwierigste Bereich, der psychologisierende, der mit der Persönlichkeitsintegrität an sich spielt. Dieser ist auch am schwersten zu definieren.
Ich denke, hierhin gehören zusammengefaßt all jene Angriffe, die dem Opfer erzählen wollen, wer es in Wirklichkeit ist. All jene Gemeinen Nörgler also, die sich gemüßigt fühlen, ihrem Opfer erklären zu wollen, was es wie und warum mit welchen Konsequenzen was verdrängt hat. Die psychologisch pseudowissenschaftlich höchst komplexe Konstrukte zusammenbasteln, um einen ödipalen Komplex ihrem Opfer unterstellen zu können, phobische Eigenheiten. Soweit, daß sie deren Realitätswahrnehmung in Zweifel ziehen, die Urteilsfähigkeit und anderes mehr. Darüber hinaus zielt diese Methode des Gemeinen Nörglers auf verschiedene Dinge, die sich aufgrund der notwendigen Subjektivität des Einzelnen der direkten EInschätzung entziehen. Chauvinistisches Verhalten ist dem Chauvi ebenso selten bewußt wie Intoleranz dem Intoleranten oder die Selbstgefälligkeit dem Narzisten.

Die Opfer des Gemeinen Nörglers | wahrscheinlich hat sich jedem, der sich durch diesen Aufsatz durchgekämpft und hoffentlich dabei herzlich gelacht hat, die überaus faszinierende Frage gestellt, wer zum Teufel sich denn von solch einem seltsamen und widerlichen Wesen wie dem Gemeinen Nörgler überhaupt belästigen läßt, da die einzige logisch konsequente Form, mit einem solchen Wesen umzugehen sein dürfte, ihm einen angespitzten langen Pfahl aus unbehandeltem Holz in den Anus zu schieben, es daran zwei Wochen lang mit Schild „Gemeiner Nörgler“ um den Hals auszustellen, dann zu teeren und zu federn, um sodann möglichst überriechendes, aber gut brennbares Zeugs um den Pfahl aufzuschichten, um es in Brand zu stecken. Möglichst so, daß der Gemeine Nörgler mehr leicht brutzenld ein paar Tage lang erstinkt anstatt einfach zu verbrennen.
Tatsächlich gibt es aber nicht nur eine ganze Reihe von Gemeinen Nörglern, sondern auch sehr viele Opfer, die sich bis auf die Knochen von ihnen quälen lassen – interessanterweise im Übrigen gerade die Kathegorie Mensch, die besonders wertvoll, intelligent, bescheiden, reflektiert und liebenswürdig sind.
Denn gerade diejenigen Menschen, welche nicht über die Arroganz verfügen, sich für den Guten Menschen schlechtweg, den Begabten Überhaupt oder den Altruisten par exellence zu halten, sondern sich auch ihrer Fehler, Schwächen und der Gefahren einer ungünstigen Charakterentwicklung bewußt sind, sind die bevorzugten Opfer des Gemeinen Nörglers. Notgedrungen, denn kaum jemand wenn nicht solche ungemein duldsamen Menschen würden auch nur beim zweiten Mal hinhören, wenn er mit dem Bart wieder ankäme, sondern entweder herzlich lachen oder ihn in der Arsch treten. Das Ertragen des seelenkraftsaugenden Tieres bedingt setzt daher einige Eigenschaften voraus: Leidensfähigkeit, Selbstreflexivität, Hang zur Selbstkritik, Empfindsamkeit, Glauben ans Gute im Menschen und Bezüglichkeit auf andere und ihr Urteil, Grübelsucht. Und eine gewisse Mitteilsamkeit.

Die Technik des Spiegelns | ist meiner Meinung nach das Geheimnis des Gemeinen Nörglers. Hat der Gemeine Nörgler einen Wirt gefunden, so wird er zuerst auf die eine oder andere Weise sein Vertrauen zu gewinnen suchen.4 Geeignete Wirte sind an den obig genannten Eigenschaften leicht kenntlich. Das gute Opfer des Gemeinen Nörglers sucht, nachdem das Vertrauen oder zumindest eine Kompetenz in gewissen Fragen angenommen wird, dessen Meinung zu bestimmten Fragen oder auch nur Trost oder Verständnis. Das heißt, das leichtgläubige und vertrauenssüchtige Opfer spricht natürlich genau über die Dinge, wo Unsicherheiten bestehen. Selbstzweifel sucht Bestätigung, Ängste Beruhigung.
Das Opfer zeigt Gemeinen Nörgler damit nicht nur die angreifbaren Stellen, sondern der Gemeine Nörgler braucht letzthin nicht vielmehr zu tun, als das, was ihm anvertraut wurde, umzudrehen und wider sein Opfer zurückzuwenden. Das garantiert mehrere Dinge. Zum einen maximale Treffsicherheit und Durchschlagskraft. Zum anderen das Gefühl des Opfers, der Gemeine Nörgler würde ihn in der Tat sehr gut kennen.
Es ergibt sich, zuende gedacht, ein Circulus vitiosus, und das Opfer verstrickt sich immer tiefer in die parasitäre Beziehung zum Gemeinen Nörgler.

Schuldgefühle | zu wecken ist die letzte Strategie des Gemeinen Nörglers, die noch zu schildern ist, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, daß dieses Wesen die verschiedenen Methodiken natürlich kombiniert und die einzelne Behandlung lediglich der Darstellbarkeit gestundet ist. Schuldgefühle können auf unterschiedlichste Weise erregt werden, aber grundsätzlich läßt sich zusammenfassen, daß es sich dabei zwangsläufig entweder um die Nichterfüllung einer möglichen Pflicht5 handelt oder die Verletzung eines Menschen. Der Gemeine Nörgler dieser Ausprägung ist ein perfekter Schauspieler, wenn es darum geht, verletzt zu erscheinen. Dabei ist es irrelevant, wie absurd der Grund des Verletztseins ist, er sollte nur irgendwie einer der Bereiche möglichst effektiv berühren, der beim Opfer mit Ängsten und Schuldkomplexen belastet ist und deswegen trifft. Ein Opfer, zum Beispiel, das aus irgendeinem Grunde in der selbstreflexiven Angst lebt, gegen das Leid anderer Menschen blind oder hart zu sein, rückt ein Gemeiner Nörgler sehr effektiv mit Vorwürfen zu Leibe, daß er keine Rücksicht auf seine Krankheit/Behinderung/Schwäche/Trauer/psychische Labibität nimmt. Jemandem, der fürchtet, chauvinistisch zu sein ohne es zu bemerken, logischer Weise mit Vorwürfen, als Frau chauvinistisch behandelt worden zu sein.

Ziele des Gemeinen Nörglers | Welchen Sinn kann aber nun die Strategie des Gemeinen Nörglers haben? Diese Frage ist durchaus interessant, aber banal zu beantworten: Macht. Die katholische Kirche demonstrierte das überaus deutlich: Sie schaffte es, den Gläubigen das Gefühl zu geben, von Geburt an und ohne irgendetwas dafür zu kennen, schuldig zu sein. Das Phänomen der Erbsünde. Gelingt es, den Menschen sich schuldig fühlen zu lassen, wird es alles für den tun, dem er sich schuldig gegenüber fühlt. Im falle der Kirche nach ihren Maßregeln leben, den Klerus ernähren, Klöster stiften und sich beherrschen lassen.
Nichts anderes ist das Anliegen des Gemeinen Nörglers, auch das Muster ist letztlich dasselbe. Als Vertrauensperson etabliert zerstört das parasitäre Wesen im schlimmsten Falle die Integrität des Wirtes weitestgehend und verkauft sich zugleich als dasjenige Mittel, das Hilfe verspricht oder die Integrität möglichst als einzige Instanz zu garantieren imstande ist.6

Das richtige Umgehen mit dem Gemeinen Nörgler ist relativ klar, es gibt zweierlei Arten: Ausmerzung und Distanzierung ist die eine. Die andere, die Versuche der ekligen Tentakeln und bohrenden Stacheln durch einen entsprechenden Panzer abgleiten zu lassen, sofern sie nicht wie im Falle des „Gleichnisses mit dem Barte“ arg zu schlimm wird.
Die eigentliche Frage ist jedoch nach wie vor: Woran ist der Gemeine Nörgler möglichst schnell und effizient zu identifizieren, einzuordnen und damit im selben Augenblick unschädlich zu machen? Denn wie viele Gespenster seiner Art ist er nach dem Erkennen schlechtweg eine äußerst lächerliche und schlimmstenfall verachtenswerte Kreatur.7

Ich wäre höchlich dankbar und interessiert an klar umrissenen und leicht festzumachenden Erkennungsmerkmalen des Gemeinen Nörglers, welcher eine Untergattung des altbekannten Psychischen Vampires darstellt. Aber vielleicht – ich bin mir dessen nicht ganz sicher -, genügt schon die ganz erstaunliche Eigenschaft, sich gemüßigt zu fühlen, an anderen Herumzunörgeln, ihnen irgendwelche eigenartigen psychologischen Knackse einreden zu wollen oder ihnen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben oder wer sie „in Wahrheit“ sind. Man stelle sich selbst die Frage: Fühlt man die Muße und das Verlangen, zu jemandem hin zu gehen und an ihm herumzukritisieren? Ihm zu sagen, daß sein Bart oder etwas anderes an ihm scheiße ist? Pauschalisierende Urteile über sein Wesen und seinen Charakter zu verkündigen? Ihm erklären zu wollen, wie er funktioniert? Die einzige Form, meine ich, in der dergleichen auch nur ansatzweise zuweilen mal bei normalen Menschen vorkommt, ist entweder, wenn es einen direkt selbst betrifft und das funktionale Zusammenleben beeinträchtigt8 oder – und das ist eigentlich schon ein Zeichen eigener Dämlichkeit -, um sich gegen solcherart Angriffe zu wehren.

Ich hoffe, auch nur ansatzweise dem Versuch der Definition des Gemeinen Nörglers gerecht geworden zu sein und bin um jede Ergänzung, insbesondere der vereinfachenden Art, sehr dankbar: Wir sollten versuchen, eine kurze, prägnante Definition zu entwickeln, an der dieses parasitätes Wesen sofort und eindeutig erkennbar ist, denn es ist definitiv notwendig, sich gegen derartige, sich als wohlwollende Menschen tarnendes Viehzeug zu schützen.
Nachtrag | Zu überprüfen, ob sie ein geeigneter Wirt für den Gemeinen Nörgler sind, ist hingegen einfach. Im Grunde genommen sollten Sie sich einfach fragen, ob es Menschen in ihrem Bekanntenkreis gibt, die, zum Beispiel, Dinge kritisch zu ihnen sagen, über die Sie nicht nur viel nachdenken müssen, sondern die sie auch ernstlich verletzen und Selbstzweifel in ihnen wachrufen. Dinge, bei deren näherem Betrachten Sie sich fragen müssen, was das zum Einen denjenigen angeht, ob das in seinen Kompetenzbereich fällt, ob es überhaupt stimmen kann, und warum man überhaupt sich gemüßt fühlen kann, dergleichen auszusprechen. Weil es, zum Beispiel, Geschmacksfrage ist. Allein wenn Sie über solche Dinge schon nachdenken, sind sie gefundenes Nörglerfressen, um so schmackhafter, je existenzieller die Zweifel sind, die man in Ihnen wachzurufen imstande ist.
Die Tatsache, daß Sie überhaupt zuhören – möglicherweise nicht erst seit gestern, sondern vielleicht gar seit Jahren -, ist ein weiteres Indiz.
Zuletzt, und das ist ein wenig zweischneidig, sollten Sie sich die Frage stellen, ob sie sich erleben, wie Sie ihren Nahen gegenüber zum Beispiel meinen erklären zu müssen, daß solche Schuhe zu tragen ein Zeichen schlechten Geschmackes ist. Oder Hemdknöpfe oben nicht zu schließen und das Brusttoupee sehen zu lassen, Indiz für Chauvismus und ähnlich Schmatigkeiten. Es gibt auch gegenseitiges Parasitentum.

Zuletzt der Härtetest, der wirklich böse ist:
Stellen Sie zum Beispiel fest, daß sehr viele Menschen nach mehr oder minder langer Zeit anfangen, Eigenheiten des Gemeinen Nörglers zu entwickeln, dann sind sie dermaßen geiles Nörglerfutter, das selbst die liebsten Menschen der Versuchung wiederstehen zu können, ein bißchen an ihnen rumzusaugen. In diesem Falle ist es doppelt wichtig, sich gegen Nörgler zu immunisieren.
Ein guter Anfang wäre, ihr Selbstwertgefühl zu steigern und nicht jedem dahergelaufenen Trottel ihre innersten Selbstzweifel zu erzählen. Sie sind ja schließlich kein Schriftsteller, nicht wahr?`


Kommentare

Jens | 05.06.2007 | 16:41

Ich denke, die Loesung des Problems, wie man einen Gemeinen Noergler identifiziert, ist in professioneller Paranoia zu finden, gepaart mit blindem Urvertrauen. Genauer gesagt, betrachte jeden Menschen in voellig naiver Weise als den liebsten Menschen auf der Welt, aber kultiviere die Stimme in Deinem Hinterkopf, die Dich fragt, ob Du nicht grad auf einen ganz perfiden Trick hereinfaellst.

Das Bloede an dem Tipp: nachdem wir uns doch schon eine Weile kennen, wuerde ich behaupten, dass Du beides eher zu viel denn zu wenig tust. Aber damit kommen wir zu langen, ausschweifenden Diskussionen, ob und in welchem Masse es besser ist, das Ego vor die Allgemeinheit oder umgekehrt zu stellen…

Im Uebrigen haette ich fast einen Link hierzu gepostet: http://en.wikipedia.org/wiki/Energy_vampire

Und – haha! – es jetzt auch getan ;) Deine Beschreibung hat mich doch arg an psychische Vampire erinnert. Letztlich sehe ich keinen grossen Unterschied, bis auf evtl. die genaue Beherrschungsstrategie, die Gemeine Noergler bevorzugen.

[In der Tat, ich glaube das auch angemerkt zu haben, würde ich den Gemeinen Nörgler als die Gattung, des Psychischen Vampir als die Art bezeichnen. Der Vorschlag im ersten Absatz ist in der Tat eine Möglichkeit, die ich als erprobtes und nichtfunktionierendes Prinzip ausschließen kann, trotz Kultivierung des SMA. Aber es geht hier nicht nur um mich.
Ich denke in der Tat, daß es klare Erkennungsmerkmale gibt, an denen der Gemeine Nörgler erkennbar ist. Genau diese wünsche ich mir, hier zusammenzutragen.
Die Kritisierung äußerlicher Nebensächlichkeiten ist, denke ich, so einen Sache, denn welcher normale Mensch sieht sich gezwungen, an soetwas herumzunörgeln? Insbesondere immer wieder? Zum Beispiel so eine Sache wie lange Haare, die man sich unbedingt abschneiden sollte? Warum sollte ein normaler Mensch ein Problem damit haben, wie jemand seine Haare trägt? Das wäre doch ein Kriterium. Wobei umherspringende Läuse natürlich unter Gefährdung der Umwelt fielen.]

  1. Es handelte sich um ein seltsames Gatterartiges Ding ohne Boden, das auf Rädern montiert war und an einen Traktor gehängt vor mir die Straße entlangzuckelte. Zuckelte in der Tat, denn innerhalb des Gatters befand sich eine Milchkuh, die gemächlich mittrottete. Worum das Ding keinen Boden hatte, blieb mir ein Rätsel, auch den Sinn der Einrichtung, denn selbst ein Traktor ist schneller als ein Milchvieh, das zudem noch die ganze Zeit angetrieben werden mußte – und die Kurven waren sichtlich ein Problem. Ein Hütejunge wäre, glaube ich, praktischer als ein Traktor, ein fahrbares Gatter und vier Männer… []
  2. Das ist trotz der grinsenden Ironie des Posts genausowenig ein Scherz wie die Geschichte mit dem Bart! []
  3. Richtig, das macht den Schriftsteller zu einem hervorragend geeigneten Ziel, denn wenn er einen Text fertig gestellt hat, wird er in per definitionem nie als Leser lesen können, dieser Abstand zum Text ist ihm versagt. Und da der Text auf die Wirkung im Leser zielt und vieles unterbewußt im Leser abläuft, ist hier die sowohl die Frage stets offen, wie der Text letztlich ankommt wie auch, ob man überhaupt jenen feinen Nerv besitzt, seinen Leser zu fesseln und Bilder in ihm wachzurufen. []
  4. Wenn er es nicht schon von irgendwoher hat, wie Eltern oder ältere Geschwister zuweilen oder sich auf irgendein anderes seltsames Rechtfertigungssystem berufen. Als da wären, zum Beispiel, das beliebte esotherische Rechtfertigungssystem, also entweder der Einblick in höhere und weitreichendere Informationsbeschaffungsmethoden, Direktdraht zu höheren Wesen oder gleich Erleuchtung. Im Grunde funktioniert jedes vom Opfer anerkannte Rechtfertigungssystem, im Fall der Fälle auch „Ich habe Psychologie studiert“. []
  5. Pflichten sind erzeug- oder behauptbar, auch wenn sie realiter nicht bestehen. Im allgemeinen sind Formulierungen wie „das gehört sich aber“, „man muß das tun“ und andere schwer zu definierbaren Allgemeinplätze sehr beliebt. Besonders bei Pflichtmenschen ist dies sehr wirkungsvoll, da hier allein das Gefordertsein durch den Anderen als Pflichtdefinition genügt. Gemeine Nörgler fordern gemeinhin am liebsten Dinge ein, die sie selbst nie zu leisten sich auch nur vorstellen könnten. []
  6. Eine der gemeinsten Formen dieser Ausprägung ist, wenn der Gemeine Nörgler einen jeden anderen Vertrauten zu unterminieren versucht. Durch Intrigen und vor allem durch Schlechtmacherei. Ziel der Aktion ist, das Opfer zu isolieren. Dadurch ist ein Erkennen des Parasits schwieriger und die Abhängigkieit größer. []
  7. In der Tat stellt sich zuweilen heraus, daß sie selbst von Ängsten und Eitelkeiten zerfressen ist. Im Beispiel des „Gleichnisses vom Barte“ kann isch zum Beispiel herausstellen, daß trotz verschiedentlicher Versuche beim Parasiten selbst einfach nichts wachsen will. Die krampfhaft versuchte Zerstörung von Freundschaften beim Wirt mit der Begründung der Minderwertigkeit der Personen zeigt oft, daß der Parasit im Grunde höchst einsam ist und das ganze aus Neid motiviert. Selbiges, was Fähigkeiten anbelangt, in denen der Wirt gegebenfalls eine höhere Meisterschaft oder einen umfassenderen Wissenstand erreicht wie der Parasit. []
  8. Die Untreue der eigenen Liebsten wäre durchaus kritikwürdig, aber nur in dem Sinne, daß man selbst die Treue als Definens der Beziehung ansieht. Die Aufforderung, daß der andere sich einmal gründliche waschen solle, obliegt im durchschnittlichen Falle ebenfalls nur dem Geschlechtspartner, und nur im sehr extremen Falle der Geruchsbelästigung auch anderen. Die Kritik persönlichkeitskonstituierender Dinge hingegen, sollte man meinen, ist in sich widersprüchlich, da, wenn die Person als solche inakzeptabel ist, man doch ihre Gesellschaft meiden sollte. []

[Norman Liebold, 05.06.2007
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Versuch einer Definition | Der gemeine Nörgler

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