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Neben anderen gibt es eine bestimmte Art und Weise, seine Handlungen auf die Welt hin auszurichten, über die ich in letzter Zeit viel nachdachte.
Man könnte sie die „Pflichthaltung“ nennen.
Grundsätzlich und sehr vereinfacht orientiert sie sich an den Erwartungen, die die Welt – natürlich in der Hauptsache Menschen oder Instanzen wie Götter – an sie heranträgt, bzw. die sie glaubt, an sich herangetragen zu sehen, um sie nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen – oder sich auch gegen sie zu stellen.
Wichtig daran ist, daß sie den Bezugspunkt darstellen.
Wer diese Haltung – gleichgültig, ob bewußt oder unterbewußt, meistenteils jedoch letzteres – innehat, muß zwangsläufig wissen, was die Welt von ihm will, und sein Bestreben ist daher bemüht, nicht nur die Erwartungen der Welt herauszufinden, sondern dies auch in höchster Eindeutigkeit. Was letzthin bedeutet, sowohl das Wollen der Menschen und damit deren innersten Motivationen verstanden haben zu müssen. Wie auch – in letzter Instanz – das innerste Getriebe der Welt selbst. Denn fehlt das Bewußtsein der herangetragenen Erwartungen und Forderungen, fehlt zugleich auch notgedrungen der Bezugspunkt, sei es nun dahingehend, daß man sie zu erfüllen trachtet oder dahingehend, daß man sich gegen sie zu stemmen beschließt.
Wobei anzumerken ist, daß diese Haltung sich natürlich nicht nach den willkürlichen Gelüsten einer oder mehrerer Personen richten kann, sondern vielmehr nach dessen ureigenstem und wahrstem Wesenskern – zuweilen soweit gehend, diesen besser kennen zu müssen als der Betreffende selbst.

Diese Haltung zeigt sich bereits nach kürzestem Betrachten sowohl als selten dämlich wie auch geradezu anmaßend arrogant. Man muß schon an irgendwelche Instanzen glauben, die im Besitze einer zumindest tiefergehenden Wahrheit sind, um deren Forderungen und Erwartungen überhaupt als gerechtfertigt ansehen zu können. Ansonsten bleibt, nachdem man deren Wollen herausgefunden und verifiziert hat, immer noch das Abgleichen mit irgendwelchen als wahrhaft angesehenen Werten, um danach zu entscheiden, ob es angemessen und richtig ist, sich dem gemäß zu verhalten.
Aber im Grunde sind Gedanken an einzig wahre Wahrheiten gar nicht einmal notwendig.


Es genügt allein, daß selbst in dem Falle, daß einer auch nur genau weiß, was er von uns will, noch lange nicht gesagt ist, daß wir das auch richtig erkennen können. Und dabei ist es noch ganz gleichgültig, ob die Forderungen nun gerechtfertigt und angemessen sind, oder nicht.
Das gilt sowohl für Individuen wie Gruppen wie auch für scheinbar abstrakte Forderungen, deren Name von gesellschaftlicher Pflicht über „das gehört sich aber“ bis hin zu moralischen Gesetzen lauten kann. (Und oft genug wissen zumindest Individuen noch nicht einmal selber, was sie eigentlich wollen.)

Um eine solche Haltung also überhaupt umsetzbar zu gestalten, sind verschiedenste Voraussetzungen notwendig. Zuerst einmal müssen wir eindeutig erkennen können, was man von uns will. Dann muß da auch etwas sein, was man eindeutig von uns will. Und schließlich muß dieses von uns Gewollte auch angemessen und wahrhaftig sein. Erst dann ist zu erwägen, ob überhaupt die Voraussetzungen gegeben sind, diesen Erwartungen überhaupt Folge leisten zu können.

Spätestens, wenn aus irgendeinem Grunde eine bestimmte Schallmauer innerhalb unseres Geistes durchbrochen worden ist und auch nur der leise Lichtschein des Bewußtseins hat aufkommen können, daß Wahrheit eine Sache des Blickwinkels ist und der unrechtmäßigen Vereinfachung, und unter Umständen der Zustand der Welt ein dem Wesen nach mehrdeutiger und ambiguiner ist, fällt das ganze völlig in sich zusammen und es bleibt nicht mehr übrig als Descartes am Beginn seiner Meditationes vorfindet. Wobei seine Überlegungen natürlich mehr der Erkenntnisfähigkeit gelten als der der Handlungsähigkeit. Prinzipiell ist das Problem aber ähnlich gelagert, nur daß statt des Cogito letzthin das Velli zu betrachten ist.

Der „Pfichthaltungstypus“ verbringt, denkt man diesen Gedanken zu Ende, je nach Höhe Reflektionsstufe zunehmend viel Zeit damit, zu grübeln und krampfhaft zu eruieren, was zum Teufel man eigentlich von ihm will. Wenn er nicht über die glückselige Gabe des Selbstbelügens, der Naivität oder bloßer Arroganz verfügt, wird er damit notgedrungen nie zu Rande kommen. Und wenn er es mal herausfindet, ist noch lange nicht gesagt, daß es dann, wenn er es heraus-gedacht hat auch noch aktuell ist. Aber das herauszufinden, wird ihm nicht gegeben sein, weil er zuerst nachdenken muß, ob er das, was man von ihm will, auch tun will. Und hat er das positiv entschieden, muß er noch schauen, ob und wenn, wie er es tut. Sollte noch irgendetwas an Zeit übrig sein, wird er sie wahrscheinlich damit zubringen, sich beständig für alles mögliche zu rechtfertigen, von dem er glaubt, daß es von ihm erwartet worden sein könnte. Oder umfängliche Erklärungsansätze zu liefern, die darlegen, was er sich bei völlig unangemessenen oder ein paar Jahrzehnte zu spät kommenden Handlungen gedacht hat. Wenn er überhaupt noch zum Handeln kommt und nicht an der Widersprüchlichkeit der an ihn herangetretenen Erwartungen (von denen 3/4 wahrscheinlich auch noch eingebildet sind) verzweifelt ist.

Wahrscheinlich kommt der Überlebende in fortgeschrittenem Alter zu einem sehr einfachen Schluß und hört auf, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was man von ihm erwartet.

Anstatt in der Reihenfolge zu denken: „Wie soll ich sein? Ist es (moralisch) gut, so zu sein? Habe ich die Möglichkeiten, so zu sein? Will ich so sein?“ wird er zum Schluß kommen, daß nur eine Reihenfolge überhaupt denkbar ist: „Wie will ich sein? Habe ich die Möglichkeiten, so zu sein? Ist es (moralisch) gut, so zu sein?

Und was am Anfang am Anfang stand dieser Reihe, wird zu einem „Habt Ihr ein Problem damit?“ Beziehungsweise, da dem zwangsläufig immer bei irgendwem der Fall sein wird, die leise Ahnung, daß das gar nicht das eigene Problem ist, sondern Probleme stets die Probleme desjenigen sind, der sie hat. Und solcherart Wesenheiten, die aus unerfindlichen Gründen Freude daran haben, sie auf einen übertragen zu wollen, pflichtschuldigst gemieden zu werden verdienen.

Als Begriff einer solchen Haltung könnte man vielleicht einführen: „Egozentrizität höherer Ordnung aufgrund demütiger Einsicht in die Fehlbarkeit eigener Welterkenntnis“. :-D

Kommentare

Ludovika | 04.06.2007 | 07:50

*schmunzel* – damit hast du alles zu diesem Thema auf den Punkt gebracht – Egozentrifizierung würde man das Programm nennen, wolltest du damit missionieren.

[Wenn Du meinst. Ich denke aber schon, daß Du weißt, von was ich spreche und warum. Du ganz besonders, mit 325 Jahren Erfahrung in diesem Bereich! Im Übrigen spiele ich gerade den Zertrümmerer, um den Kalk der letzten drei Jahre zu zerbrechen, der diverse Höhlen dermaßen versinthert hat, daß da kaum noch ein Durchkommen und ein überaus engliches Gefühl ist. Aber ich klopfe ja schon seit ein paar Monaten auf dem Kalk herum, nun wird er langsam mürbe...]


[Norman Liebold, 02.06.2007
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Über die moralische Notwendigkeit der Egozentrizität

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